Suchen und Finden
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Kapitel 5 Informationshermeneutik (S. 90-91)
Hermes als Indexer?
Das erfolgreiche Suchen und Finden von Informationen im Information Retrieval setzt voraus, dass mittels des Einsatzes von Methoden und Hilfsmitteln der Wissensrepräsentation die dokumentarische Bezugseinheit so abgebildet wird, dass sowohl informelle Mehrwerte (formalbibliographische Erfassung und inhaltliche Erschließung) entstehen als auch der potentielle Nutzer mit diesen Informationen überhaupt etwas anfangen kann. Selbst die "beste" Inhaltserschließung hat für den Nutzer keine Bedeutung, wenn er diese nicht interpretieren oder verstehen und erklären kann. Hermeneutische Aspekte sind stets in einer Kommunikation beteiligt, sei diese mündlich in Form eines Dialogs oder schriftlich fixiert. Hans Georg Gadamer (1974, 1061f.) veranschaulicht das Anliegen der Hermeneutik an einem Beispiel aus der griechischen Mythologie, wo die göttlichen Anweisungen erst durch einen Boten für die Menschen übermittelt werden können.
Hermeneutik ist die Kunst des hermeneuein, d.h. des Verkündens, Dolmetschens, Erklärens und Auslegens.
Ohne Hermes wäre keine Verständigung zwischen den zwei verschiedenen Welten zustande gekommen. Hermes ist der Vermittler.
Was hat Wissensrepräsentation mit Hermes' Tätigkeit zu tun? Wenn wir die ungeordnete Masse an Dokumenten auf der einen Seite betrachten und dem konkreten Informationsbedarf eines Individuums dieser für ihn undurchsichtigen Masse gegenüberstellen, kann eine eventuell zufriedenstellende Verständigung ohne Vermittlerfunktion nicht zustande kommen. Mit Hilfe der Wissensrepräsentation wird eine "Brücke" zwischen Dokument(en) und Anfrage(n) geschlagen. Übernimmt z.B. der Indexer beim Information Retrieval eine ähnliche Aufgabe wie Hermes? Hintergrundwissen, Verstehen, Auslegung, Interpretation bzw. kognitive Prozesse spielen bei der Repräsentation eine Rolle, die zunehmend in der Literatur Beachtung findet. Wir beabsichtigen nicht, die zahlreichen Problemstellungen der Hermeneutiken und der kognitiven Wissenschaft darzulegen, vielmehr konzentrieren wir uns auf einige wenige Diskussionspunkte und Sichtweisen.
Verstehen als Grundmodus der menschlichen Existenz
Nach Martin Heidegger (1967[1927]) wird der Mensch in die Welt hineingeworfen, und er geht im Alltag besorgend und umsichtig mit den vorgefundenen Dingen um. Ein Werkzeug, das man gerade gebraucht, ist zur Hand bzw. "zuhanden", wobei das Feststellen der Eigenschaften dieses Werkzeuges nicht von Interesse ist. Das Zuhandene ist so selbstverständlich da, dass der Mensch von ihm keine ausdrückliche Notiz nimmt. Erst in dem Moment der Unbrauchbarkeit, etwa, wenn das Werkzeug beschädigt wird, fällt auf, dass es nicht mehr zuhanden, sondern nur noch rein vorhanden ist. Durch das Bemerken der Unbrauchbarkeit wird das Unzuhandene aufdringlich und aufsässig, es stört. Der Mensch wird somit in seiner routinierten vertrauten Handlung unterbrochen und steht zunächst ratlos da (Heidegger (1967[1927], 74):
Ein Zeug ist unverwendbar – darin liegt: die konstitutive Verweisung des Um-zu auf ein Dazu ist gestört.
Auffälligkeit, Aufdringlichkeit und Aufsässigkeit bringen erst den Charakter der Vorhandenheit zum Vorschein. Diese Störungen der Umsicht und des Besorgens sind keineswegs als negative Situation, die man stets meiden muss, anzusehen. Im Gegenteil: Die Umwelt zeigt sich, es geschieht – so Heidegger – ein "Aufleuchten der Welt" (Heidegger 1967[1927], 75).
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