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5 Förderdiagnostik (S. 67)
Frühförderung als wissenschaftlich begründete Heilpädagogik beruht auf Annahmen (Hypothesen) über soziale Interventionsprozesse. Sie können theoretisch zwar sehr abstrakt sein, haben jedoch auf der Handlungsebene von Familie zu Familie unterschiedliche Konsequenzen. Die Hypothesen, wie sich der Förderprozess gestalten wird, führen zu zielorientiertem und theoriegeleitetem Handeln. Diese theoretische Basis unterscheidet pädagogisches Tun von bloßem Spiel. Die Einfachheit dieser Beschreibung darf nicht über die Tücken der Details auf der Handlungsebene hinwegtäuschen, denn die allgemeinen Hypothesen, wie z.B. Autonomie, Ganzheitlichkeit, Selbstgestaltungsfähigkeit, geben kaum Auskunft über die notwendigen pädagogischen Handlungen.
Frühförderung geht somit über die "natürliche Erziehung“ und Förderung des Kindes im familiären Umfeld hinaus,weil sie wissenschaftlichen Kriterien der Beobachtbarkeit, der Beschreibbarkeit und Erklärbarkeit entspricht. Die Effekte von Frühförderung mögen sich, wie Weis (1995) pointiert formuliert, kaum von optimal einfühlsamen, kindorientierten Erziehungsmodellen unterscheiden. Es stellt sich jedoch gerade aufgrund der erhöhten Erziehungsbelastung (Pretis 1998b) die Frage, ob Eltern von Kindern mit Behinderung eben diese optimalen Erziehungsbedingungen vorfinden.
Häufig muss sich die Frühförderung den Vorwurf gefallen lassen, kaum unterscheidbar von alltäglichen Erziehungsprozessen zu sein. Als klassisches Beispiel mag die anwesende Grosmutter während der Frühfördereinheit erwähnt werden. Sie bemerkt, dass Frühförderung nichts anderes sei, als "mit dem Kind zu spielen“. In der Supervision berichten Fachkräfte dann manchmal von Argumentationsnotständen in solchen Situationen. Im Spiel ist der Prozess des Spiels gleichzeitig das Ziel. Das Spiel genügt sich selbst. Frühförderung folgt einem hypothesengesteuerten Modell. Prozesse werden geplant, weil davon ausgegangen wird, dass auf der Basis von Theorien wenigstens Rahmenbedingungen einer Entwicklungsrichtung geschaffen werden können. Damit verfügen Fachkräfte über Annahmen, die sie durch ihr Handeln überprüfen können:Wenn ich dem Kind ermögliche, durch seine Bewegung Effekte zu erzielen (eine Glocke läutet), wird dadurch beim Kind das Ursache-Wirkung-Denken gefördert.Das Kind erlebt sich als selbständig handelnd.
Spiele folgen dagegen primär "funktionsfreien“ Regelkreisen, die gleichzeitig Mittel und Zweck des Spiels beinhalten (Oerter 1999). Nur wenn theoriegeleitete Ziele formuliert werden, ist Selbst- oder Fremdevaluation möglich. Eine Betreuungssequenz wird vor dem Hintergrund durchgeführt, dass mit spezifisch ausgewähltem Fördermaterial gemeinsam mit dem Kind etwas qualitativ anderes als Spielen erreicht wird. Frühförderung ist somit kein Zufallsprozess. Viele der Hypothesen entspringen auch intuitivem Wissen. Es ist keineswegs in jeder Situation notwendig, die eigenen Theorien zu rechtfertigen.Häufig handelt es sich dabei um sogenannte "Minitheorien“, die jeweils Handlungssequenzen steuern:Das Kind benötigt klare Strukturierungssignale am Beginn und am Ende der Fördereinheit.Deshalb ist es sinnvoll, Rituale einzusetzen.
Dies sagt nichts über die Art der Modellannahmen aus.Wie in Kapitel 2 beschrieben, mögen diese sehr unterschiedlich sein:
bedürfnisorientiert: Das Kind und die Familie werden bei der selbständigen Befriedigung von Bedürfnissen unterstützt.
funktional: Spezifische Fertigkeiten werden erlernt.
normorientiert: Die Förderung orientiert sich an Meilensteinen der Entwicklung.
handlungsorientiert: Das Kind und die Familie können ihren Handlungsrahmen erweitern.
Schwierig ist die Einbettung der Förderarbeit in Modelle, weil kaum exakte Handlungsschritte abgeleitet werden können. Gleichzeitig ergeben sich aus den unterschiedlichen Modellannahmen durchaus widersprechende Handlungsanförderungen: Nach dem Bedürfnismodell wäre es sinnvoll, das 6-jährige Mädchen im elterlichen Zimmer schlafen zu lassen, nach dem handlungsorientierten wäre es an der Zeit, ihm Autonomie zuzutrauen.
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