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Stadt und Land (S. 82-83)
Landwirtschaft
Augen, groß und weiß wie Tischtennisbälle, starren aus dem Dunkeln. Auf Stroh, dicht aneinander gepackt in einer stinkenden Höhle, hocken sie: zahnlose Alte, Schwangere, Säuglinge, Kinder und stämmige Burschen. Lappen, Windeln, Laken und Kleider, Körbe, Koffer und Kartons türmen sich meterhoch; Federvieh liegt zu Bündeln gefesselt am Boden. 53 Menschen, zehn Köter, drei Dutzend Hühner und ein Schwein auf der Ladefläche eines Mercedes-Benz, Typ 1513, hinter der Zeltbahn versteckt. Irgendwo bei Altamira wird Florisvaldo, der Rotbart hinter dem Steuer, die Fracht ausladen und an den Rand der Transamazônica „kippen“. In Bahia gab es für sie weder Arbeit noch Brot. In Amazonien soll es anders sein, hoffen sie stumm.
Die unerwartete Begegnung an einer Tankstelle im Norden Brasiliens weckt Erinnerungen an die Sklavenzeit. Wie auf dem Lastwagen, so muss es damals im Innern der Galeeren ausgesehen haben, mit denen die Afrikaner nach Brasilien und dann auf die Zuckerrohrplantagen von Pernambuco und Paraíba verschleppt worden waren. Zucker! Europa leckte sich die Finger danach. In Kuba, der Karibik und Brasilien war damit ein Geschäft zu machen – wenn nur genügend schwarze Sklaven geliefert wurden. „Herrenhaus und Sklavenhütte“: Das waren die Fundamente Brasiliens.
Erst vor einhundertzwanzig Jahren hatte es mit der Sklaverei in Brasilien offiziell ein Ende. Den Kaffee von São Paulo pflückten nicht mehr schwarze Sklaven, sondern italienische Einwanderer und japanische Gastarbeiter. Weiter im Süden förderte die Regierung die Ansiedlung von Bauern aus Preußen und Polen. So entstand dort eine kleinbäuerliche, mittelständische Landwirtschaft, während der Nordosten Brasiliens in der archaischen Welt der coronéis und rancheiros, der Zuckerbarone und Rinderzüchter, verharrte.
Nach Rohrzucker und Baumwolle, dem Kautschuk und Kakao war es der Kaffee, mit dem Brasilien auf den Weltmarkt drängte, bis es an der reichen Ernte fast erstickte. Um den Preis zu halten, wurden viele tausend Tonnen Rohkaffee während der Weltwirtschaftskrise erst verbrannt und dann ins Meer geschüttet. Auch dieser Boom war wie eine Seifenblase zerplatzt.
Im Gegensatz zu den Pilgervätern in Nordamerika waren die Portugiesen nicht nach Brasilien gekommen, um sich eine neue Existenz aufzubauen, sondern um das Eldorado zu suchen. Die Grundbesitzer und Landlords betrachteten die Erde Brasiliens als ihre Goldmine. Sie dachten nicht daran, sich die Finger schmutzig zu machen wie diese verachtenswerten Häusler und Habenichtse aus Pommern und der Pfalz dort unten im Süden. Eine Rinderfarm, eine fazenda („Farm“) auf der roça (ein Stück eigenes Land), die man am Wochenende besucht, gehört auch heute noch zu den Attributen der Macht und zum Prestige eines jeden, der auf sich hält. Aber doch kein Bauernhof!
Die Landwirtschaft trägt zu 14 Prozent zum Bruttosozialprodukt Brasiliens bei und beschäftigt rund 20 Millionen Menschen. Von den 850 Millionen Hektar Gesamtfläche des Landes entfallen 630 Millionen auf Urwald, Schutzzonen, Wasserflächen, Siedlungsgebiete etc. und 220 Millionen auf landwirtschaftlich nutzbare Fläche, von der höchstens die Hälfte auch wirklich genutzt wird. Drei Viertel der 170 Millionen Einwohner Brasilians leben im städtischen Raum, und nur ein Viertel auf dem Land. Vor 50 Jahren war das Verhältnis umgekehrt.
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