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I. Das Trema (Seite 63 bis 64)
1. "Unsinnige" Handlungen
Wir beginnen unsere Erörterungen mit einem kleinen und recht unscheinbaren Beispiel:
Fall 28. Der 22-jährige Obergefreite Hans G., ein überdurchschnittlich begabter Junge, hatte im März 1940 seinen Bruder an der Westfront bei einem Spähtruppunternehmen verloren. Im Februar 1941 erkrankte er selbst an einer chronischen Mittelohreiterung, mit der er längere Zeit in Behandlung stand. Etwa um die gleiche Zeit, so berichtet er, hatte er Schwierigkeiten mit seinem Kompaniechef. Er hatte den Eindruck, dieser ziehe seine Beförderung immer hinaus, vermutlich, weil er (Patient) gottgläubig, der Hauptmann im Zivilberuf aber Pfarrer war. Er fragte wiederholt danach, wurde aber immer vertröstet. Als er wieder einmal den Chef daraufhin ansprach, war es diesem offenbar zu dumm geworden und er schrie den Obergefreiten laut an, er solle sich zum Teufel scheren und dgl. mehr. Da G. gerade aus der Ohrenbehandlung kam und ihm die Ohren bei dem lauten Gebrüll schmerzten, hielt er sich mit beiden Händen die Ohren zu, indem er sich von dem Hauptmann abwandte. Er bekam wegen grober Disziplinlosigkeit drei Tage geschärften Arrest und 14 Tage Ausgangssperre. Er habe diese ganze Zeit, auch schon vor der Strafe, unter einem Druck gestanden, den er nicht näher beschreiben könne. Zwei Wochen später, als er kurz nach dem Ende seiner Strafe zu einem anderen Truppenteil versetzt worden war, brach gerade bei Dienstantritt auf der neuen Stellung akut die Psychose aus.
Wir wollen uns zunächst nur die eigenartige Entgleisung näher ansehen, die durchaus den Charakter jener »unverständlichen« Verstöße gegen die Disziplin besitzt, wie sie die beginnende Schizophrenie auszeichnen.
Wir hören, der Patient habe unter einem »Druck« gestanden, den er nicht recht beschreiben kann und auf die Beförderung zum Unteroffizier gewartet. Die Situation ist derjenigen bei unserem eingehend geschilderten Schulfall Rainer recht ähnlich, was nicht weiter erstaunlich ist, da das Thema Beförderung bei den Gefreiten der deutschen Wehrmacht ein sehr aktuelles Thema war. Wir finden auch hier wieder dieselbe Polarisierung, wie in dem bereits erwähnten Fall, das Bewusstsein bevorstehender Beförderung, zugleich aber Anfeindung und Behinderung, dieses Mal von Seiten des Chefs. Die »Erklärung« mit Hilfe der konfessionellen Differenzen gibt sich ihm von selbst.
Wieder finden wir eine Spannungserhöhung im Felde, in dem gewisse Barrieren aufscheinen. Nun kommt es zu der Zurechtweisung durch den Chef, einer im militärischen Bereich nicht ungewöhnlichen Situation. Ein solcher »Anpfiff« durch den Vorgesetzten unterliegt bestimmten Spielregeln: Der Untergebene hat in strammer Haltung die Kanonade über sich ergehen zu lassen, dann eine zackige Kehrtwendung zu machen, zur Tür zu gehen, sich zu einer ebenso zackigen Ehrenbezeugung nochmals umzukehren und dann den Raum zu verlassen. Etwas anderes ist nicht möglich. Man muss kein lange gedienter Soldat sein, um dies als eine Art Automatismus ablaufen lassen zu können.
Felddynamisch bedeutet die Zurechtweisung natürlich eine enorme Spannungserhöhung entsprechend der Verfestigung der Barrieren, die wie Mauern das Feld abriegeln, was eben damit ausgedrückt wird, dass nur ein ganz bestimmtes Verhalten in dieser Situation möglich ist. Schon im Zivilleben gelten durchaus andere Spielregeln; man kann z. B. einen Spannungsausgleich dadurch herbeiführen, dass man zurückschimpft oder gar tätlich wird, d. h. die Barriere im direkten Angriff mit Brachialgewalt zu zerbrechen sucht. Demgegenüber ist die Wandfestigkeit in der analogen militärischen Situation ungleich viel höher. Es gibt weder ein gewaltsames Durchbrechen noch auch ein einfaches Aus-dem-Felde-Gehen. Denn auch dies kann man bestenfalls im zivilen Felde: sich etwa umdrehen und seines Weges gehen im Augenblick einer Beschimpfung (übrigens eine Reaktion, bei der große Widerstände zu überwinden sind, eben jene »Barrieren«, die um das Feld gelegt sind), – nicht aber in einem militärischen Situationsgefüge. Die einzige Möglichkeit, der hochgespannten Affektstauung eine Abfuhr in der Motorik zu verschaffen, ist die übertriebene Zackigkeit der Ehrenbezeugung, die deshalb auch, wie jeder weiß, der eine solche Situation erlebte, zum eigenen Erstaunen besonders leicht fällt.
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