Suchen und Finden
Service
Infos und Kontakt
Verletzt, entehrt und unversöhnlich: "Verlust des Gesichts" (S. 87-88)
"Zudem ist es gefährlich, Fehler zu begehen, denn die Siamesen sind in dieser Beziehung extrem empfindlich, und, obwohl sie nicht zum öffentlichen Klagen über diejenigen neigen, die sie beleidigt haben, werden sie heimliche Rachegelüste gegen diese hegen, die oft bis zum Lebensende bestehen bleiben."
Nicolas Gervaise, 1688
Es ist logisch, dass in ausgeprägt hierarchie- und statusbewussten Gesellschaften die Vorstellung einer "persönlichen Ehre" einen höheren Stellenwert einnimmt als in egalitären Gesellschaften. Jeder möchte in der Einschätzung seitens seiner Mitmenschen möglichst "hoch" angesehen sein, zumindest aber nicht niedriger, als es seiner Person zustände. ln diesem Zusammenhang bekommt der Begriff der Ehre oder des "Gesichtes" zentrale Bedeutung.
Eine der schlimmsten persönlichen Katastrophen im Leben eines Thais ist der "Verlust" dieses "Gesichtes". Die Bloßstellung seiner Persönlichkeit mit all ihren Schattenseiten kommt einem persönlichen Zusammenbruch gleich. Die Thais bezeichnen diesen Ehrverlust als sia-naa ("Das zerstörte Gesicht").
Seine Konsequenzen sind aber nicht selten brachialer Natur: Da der "Entehrte" sich in seiner Verzweiflung nicht anders zu helfen weiß, richtet sich seine gesamte Wut gegen denjenigen, der ihn in diese Lage versetzt hat. Der "Entehrer" wird so nicht selten das Opfer von Racheakten, eventuell sogar Mord. Von Thailands ca. 10.000 Morden pro Jahr ist ein hoher Prozentsatz derartigen Versuchen, die Ehre wiederherzustellen, zuzuschreiben. Die Aussicht auf eine lange Freiheitsstrafe wird vom Rächer dabei gerne in Kauf genommen, denn zumindest ist so der Gesichtsverlust teilweise wettgemacht. Dieses Verhalten lässt natürlich nicht auf eine sehr stabile Psyche schließen: Einige thailändische Psychiater attestieren ihren Landsleuten ein sehr niedriges Selbstwertgefühl, das sich nur auf radikale Weise gegen weitere Minderungen der Persönlichkeit wehren kann.
ln Anbetracht der oben genannten möglichen Folgen eines Gesichtsverlustes ist es verständlich, dass das gesamte zwischenmenschliche Verhalten darauf ausgerichtet ist, andere das Gesicht wahren zu lassen. Dazu ein selbst erlebtes, harmloses Beispiel: Der Autor dieses Buches geht in einen Fotokopierladen in Bangkok, um ein Manuskript kopieren zu lassen. Er reicht einer Angestellten die einzelnen Seiten, die sie eine nach der anderen im Gerät kopiert. Das geht schon gut zehn Minuten so, als der bisherige gut eingespielte Arbeitsprozess plötzlich stoppt. Was ist los? Der Autor blickt fragend zur Angestellten, dann zum Kopiergerät und wieder zur Angestellten. Aha, denkt er, da gibt's vielleicht ein kleines Problem mit der Maschine, die läuft gleich bestimmt wieder. Die Angestellte blickt schüchtern zur Seite. Einige Minuten vergehen. Der Autor merkt nun, dass es sich nicht um einen normalen Maschinenschaden handeln kann, und blickt erneut fragend zur Angestellten. Als sie verstohlen zum Papierstapel des Autors schaut, wird ihm klar, wo das Problem liegt: Er hatte ganz einfach vergessen, ihr nach der letzten Seite eine neue zu reichen! Die Angestellte getraute sich nicht, ihn auf diesen "Fehler" aufmerksam zu machen, sie wollte vermeiden, dass er sein "Gesicht verliert"! Als beiden Beteiligten das Missverständnis klar wird, löst sich die Situation in heiteres Lachen auf, und das Kopieren geht problemlos weiter.
Alle Preise verstehen sich inklusive der gesetzlichen MwSt.; Ersparnis im Vergleich zur Printversion






















