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Mittelalter im Labor - Die Mediävistik testet Wege zu einer transkulturellen Europawissenschaft
I Mediävistik der Zwischenräume - eine Einführung (S. 16-17)
Mit dem Schwerpunktprogramm 1173 hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft den mit dem Mittelalter befassten Fächern in Deutschland die Chance eingeräumt, sich in einem Zeitraum von sechs Jahren (2005.2011) neue Aufgabenfelder zu erschließen, die Rolle der Mediävistik in der Welt der Wissenschaften und das Verhältnis ihrer Einzeldisziplinen zueinander neu zu bedenken und auf Herausforderungen der aktuellen Lebenswelt eine angemessene Antwort zu finden. Das Programm steht unter dem Titel "Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter", seine Idee ist also aus der Suche der Geschichtswissenschaft nach Europa im Mittelalter hervorgegangen. Wie jede historische Frage von Belang handelte und handelt es sich um ein Problem mit einem bedrängenden Gegenwartsbezug: Wie stellt sich die europäische Gegenwart dar und wie soll man sich auf die europäische Zukunft einrichten? Bekanntlich lassen sich die gegenwärtigen Prozesse europäischer Politik nur als ein Novum in der Geschichte begreifen. Dabei geht es um die politische Einigung des Kontinents, die eine Bestimmung der Grenzen und auch der .Identität. Europas erfordert - um Aufgaben und Fragen also, die bisher noch nie ausdiskutiert und bis an die Schwelle eines Konsenses geklärt werden mussten. In der Vergangenheit konnte man über "Europa" räsonieren, heute fallen Entscheidungen.
Was also können die Fächer, die sich mit der älteren Geschichte Europas befassen, zu diesem Ringen um zukunftsweisende Lösungen beitragen? Sie können zu ermitteln suchen, in welchem Maße, auf welchen Feldern und mit welchen Mitteln schon in der Vergangenheit europäische Integrationsprozesse erfolgreich waren, aber auch, wo und warum sich Entzweiungen vollzogen haben. Die Ergebnisse solcher Forschungen ergäben zwar keine unmittelbaren Grundlagen für politisches Handeln in der Gegenwart und sollten dies auch nicht, sie könnten aber die Sensibilität für Chancen und Schwierigkeiten der politischen Einigungsversuche schärfen und die Risiken besser beherrschbar machen. Im Schwerpunktprogramm geht es um eine Problematisierung der Einheit Europas aus historischer Sicht . um das Gegenteil also zu einer Begründung europäischer Identität mit den Mitteln geschichtlicher Erfahrung.
Der signifikanteste Unterschied zwischen dem, was in der Gegenwart gewollt wird und was in der Vergangenheit Wirklichkeit gewesen ist, liegt in der Frage der Außengrenze. Zu Recht hat man darauf hingewiesen, dass Europa im Mittelalter weiterhin durch die Traditionen der antiken Mittelmeerwelt geprägt wurde, sodass von einem euromediterranen Raum gesprochen werden müsste.4 Obschon der Islam das (lateinische) Christentum aus Nordafrika verdrängte, trennte das Mittelmeer niemals endgültig Europa von Afrika.5 Muslimische Partikularherrschaften stellten bis ins 13. Jahrhundert, in Resten bis zum Ausgang des Mittelalters, Verbindungen oder Brücken zum arabischen Kernland des Islam her, umgekehrt verknüpften die Kreuzritter das Abendland mit Syrien, Palästina und Ägypten.
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