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Hermann DeuserZur Achten Vorlesung (I): Pragmatismus und Religion (S. 185)
9.1
Verstehen wir unter Pragmatismus den philosophischen Begriff einer wissenschaftlichen Methode, so ist es aus heutiger Sicht und auf den ersten Blick erstaunlich, daß in William James’ Vorlesungsreihe über Pragmatismus das Thema Religion gerade nicht nur ein sozialphilosophisches, -psychologisches oder lebensweltlich-ethisches Grenzproblem darstellt. Nein, für James ist die Frage nach der wissenschaftlichen Bedeutung des religiösen Glaubens ein durchgängiges Thema von Beginn an. Der Pragmatismus will nicht nur sein Verhältnis zu Metaphysik und Religion klären (diese Grenzziehung oder Überschneidung teilt er mit allen neuzeitlichen philosophischen Schulbildungen), sondern er will die lebenspraktische Unvermeidlichkeit und aufgrund dessen die wissenschaftliche Notwendigkeit des religiösen Glaubens nachweisen.
Daß diese für den Pragmatismus genuine Intention auch der Rezeptionsgeschichte eher fremd ist, macht im Kontext der deutschen Philosophie bereits die frühe Übersetzung von W. Jerusalem (1908) deutlich. Er diagnostiziert in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe von Der Pragmatismus erstens den unheilbaren Gegensatz zwischen dieser neuen Philosophie und den deutschen Richtungen der „Neu-Kantianer", „Neu-Hegelianer" und „Neu-Scholastiker" und zweitens die Nähe des Pragmatismus zu naturphilosophischen Theoretikern wie W. Ostwald und E. Mach, aber auch zu Geisteswissenschaftlern wie G. Simmel und R. Eucken (DP, VI f.). Der religiöse Glaube steht in solchen Theoriewelten keineswegs im Vordergrund des Interesses.
James aber beginnt seine letzte Vorlesung über Pragmatismus und Religion mit einem Rückverweis auf die erste Vorlesung dieser Reihe („The Present Dilemma in Philosophy"), und diese ist nichts anderes als eine große Exposition der universalen Spannung zwischen dem „zartfühlenden" (tender-minded) und dem „hartgesottenen" (tough-minded) Wissenschaftscharakter (PM, 13), mit nordamerikanischem Landschaftskolorit gesagt, geht es um den Gegensatz von „tender-foot Bostonians" und „Rocky Mountain toughs" (PM, 14), der Sache nach um die unausgeglichene Gefühlslage zwischen wissenschaftlicher Dominanz neutral erscheinender Fakten und der tröstlichen Konkretion der Religiosität. Daß beides weder einfach in Übereinstimmung zu bringen ist noch die jeweils eine Seite für sich genommen zufriedenstellend sein kann – genau darin besteht das „Dilemma" der gegenwärtigen Philosophie (PM, 9).
Von dieser Exposition aus gesehen ist es nicht mehr überraschend, daß der Aufriß der philosophischen Gegensatzbildungen nach „Temperamenten" orientiert wird (PM, 11, 18, 24), deren Sinn in gegenläufigen Weltorientierungen – lebenspraktischen und religiösen Zuschnitts – zu suchen ist. Die 2. Vorlesung diskutiert deshalb das Verhältnis von Empirismus und (idealistischem) Gottesglauben (PM, 39 f.), die 3. Vorlesung ist gänzlich den Spannungen zwischen Metaphysik und wissenschaftlichem Weltbild gewidmet, die 4. Vorlesung sieht im Einheitsgedanken der Mystik einen unaufgebbaren Aspekt der emotionalen Weltorientierung (PM, 74 f.) trotz allem wissenschaftlich gebotenen Pluralismus (PM, 79), die 5. und 6. Vorlesung öffnen die Relation von Wahrheit und Realität gegenüber dem puren Empirismus durch Eintragung der Common-sense-Basis menschlichen Erkennens (PM, 93 f.) und der Prozeßhaftigkeit der Wahrheitsfindung in Übereinstimmung mit dem Universum (PM, 111 f.), und es ist dieser Begriff des Universums (PM, 124 ff.), der in der 7. Vorlesung als letztes gegen den „hartgesottenen" Empirismus aufgeboten werden kann (PM, 127).
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