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Erich Ammereller
Die abbildende Beziehung (S. 111)
Zum Problem der Intentionalität im Tractatus
Im folgenden möchte ich eine der Komponenten der von Wittgenstein im Tractatus entworfenen Bildtheorie des Gedankens bzw. Satzes genauer untersuchen, die sogenannte abbildende Beziehung. Ich möchte der Frage nachgehen, welche Auffassung Wittgenstein im Falle von Gedanken und Sätzen von der Natur der abbildenden Beziehung hat, die TLP 2.1513 zufolge zum Bild „gehört" und es „zum Bild macht". Er sagt, daß sie „aus den Zuordnungen der Elemente des Bildes und der Sachen" besteht, die durch die Elemente des Bildes im Bild vertreten werden. Diese Zuordnungen, heißt es, sind „gleichsam die Fühler der Bildelemente, mit denen das Bild die Wirklichkeit berührt" (TLP 2.1514f.). Worin diese die abbildende Beziehung konstituierenden Zuordnungen jedoch selbst bestehen, darüber gibt Wittgenstein nirgends im Tractatus explizit Auskunft, was gewiß mit dafür verwantwortlich ist, daß sich die Interpreten in dieser wie in anderen Fragen der Deutung der Bildtheorie vielstimmig widersprechen.
Ich werde zunächst versuchen, die Funktion der abbildenden Beziehung in Wittgensteins bildtheoretischer Auffassung gedanklicher bzw. sprachlicher Repräsentation näher zu bestimmen. Sodann werde ich die Gründe für Wittgensteins Schweigen über die Natur der Zuordnung von Bildelementen und Sachen erörtern, wobei ich zu zeigen hoffe, daß diese Gründe der Schlüssel sind zu Wittgensteins nicht ausgesprochener Auffassung. Die von mir vorgeschlagene Interpretation soll dann an der im Tractatus vertretenen Konzeption des Verhältnisses von Denken und Sprache überprüft werden. Schließlich werde ich versuchen, die philosophische Relevanz von Wittgensteins Ansicht der abbildenden Beziehung als einem Brennpunkt der Selbstkritik in seinem späteren Werk zu verdeutlichen.
5.1
Nach der Auffassung des frühen Wittgenstein besteht das Wesen eines Gedankens bzw. Satzes in seiner Wahr-Falsch-Bipolarität: Ein Gedanke oder Satz kann wahr sein, er kann aber auch falsch sein. Er ist wahr, wenn es sich so verhält, wie wir denken oder sagen, und falsch, wenn es sich nicht so verhält. Seinem Wesen nach ist er „wie ein Maßstab an die Wirklichkeit angelegt", mit dem die Tatsachen übereinstimmen oder nicht übereinstimmen (vgl. TLP 2.1512). Die Aufgabe der von Wittgenstein im Tractatus entworfenen Bildtheorie gedanklicher und sprachlicher Repräsentation ist es, die Natur dieser Beziehung eines Gedankens oder Satzes zur Wirklichkeit zu klären. Die Bildtheorie wirft im einzelnen beachtliche Deutungsschwierigkeiten auf, ihr Hauptgedanke ist dagegen von bezwingender Einfachheit: Das Wesen eines Gedanken bzw. Satzes besteht darin, die Wirklichkeit abzubilden, indem er eine mögliche Sachlage, d. h. eine Möglichkeit des Bestehens und Nichtbestehens von Sachverhalten darstellt.
Welche Sachverhalte möglich sind, ist bestimmt durch die Natur der Gegenstände, den Bestandteilen dieser Sachverhalte, also dem, wovon unsere Gedanken bzw. Sätze handeln können. Im Denken bzw. in der Sprache machen wir uns Bilder davon, was der Fall oder nicht der Fall ist, indem wir Zeichen für die Gegenstände so miteinander verbinden, daß die Art und Weise ihrer Verbindung – so wie ein Modell – vorstellt, wie sich die bezeichneten Dinge selbst in Wirklichkeit zueinander verhalten, wenn unsere Gedanken bzw. Sätze wahr sind. „Im Satz", schreibt Wittgenstein, „wird gleichsam eine Sachlage probeweise zusammengestellt. [...] Ein Name steht für ein Ding, ein anderer für ein anderes Ding und untereinander sind sie verbunden, so stellt das Ganze – wie ein lebendes Bild – den Sachverhalt vor" (TLP 4.031–4.0311).
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