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(S. 12-13)
Marion Baumann stand an der Autobahn Frankfurt-Würzburg. Ein unangenehmer Aprilwind pfiff von den Höhen des Spessarts und bauschte den Parka des Mädchens auf. Marion war zweiundzwanzig Jahre jung und studierte Kunstgeschichte. Sie hatte ihr Abitur mit Ach und Krach geschafft und auch eigentlich nur durch Beziehungen einen Studienplatz gefunden. Nach vier Semestern schon hatte sie die Nase vorläufig voll gehabt, mit dem Studium kurzerhand ausgesetzt und sich vorgenommen, einmal Land und Leute kennen zu lernen.
Das hieß im Klartext, sie wollte durch Europa trampen. In Hamburg hatte sie sich an die Autobahnauffahrt gestellt, war mit einem älteren Ehepaar bis Köln gefahren, und von dort hatten sie zwei junge Burschen in einem alten VW nach Frankfurt mitgenommen. Am Frankfurter Verteiler hatte sie dann einen Vertreter gefunden, der sie bis zur Spessart-Raststätte mitgenommen hatte. Der Vertreter wollte hier die Nacht verbringen, und als Marion sich nicht bereit erklärte, mit ihm Zimmer und Bett zu teilen, hatte der Mann sie kurzerhand an die frische Luft gesetzt. Marion Baumann hatte das eigentlich nicht viel ausgemacht.
Sie war kein Mädchen, das lange auf eine Mitfahrgelegenheit warten musste. Dazu war sie zu hübsch und zu gut gewachsen, wenn auch unter dem weiten Pullover und den ausgewaschenen Jeans nicht viel von ihrer tadellosen Figur zu erkennen war. Marion hatte dunkelblondes glattes Haar, das bis auf den Rücken fiel. Ihr Gesicht war apart, und die vollen, sinnlichen Lippen schienen immer zu lächeln. Marion hatte ihre Reisetasche neben sich stehen. Sie war mit der Aufschrift einer Fluggesellschaft versehen. Marion hatte sich bewusst nicht an den Platz des Rasthauses gestellt, an dem die Fernfahrer hielten. Sie wollte – wenn es eben möglich war – einen Pkw erwischen.
Nicht, dass Marion vor den Fernfahrern Angst gehabt hätte, sie beherrschte Judo und hatte damit schon manchen aufdringlichen Kavalier abgewehrt. Aber die schweren Lastwagen waren ihr einfach zu langsam, denn sie wollte vor Mitternacht noch in Nürnberg sein. Dort wohnte eine Bekannte, bei der sie für eine oder zwei Nächte gut unterschlüpfen konnte. Der Vertreter, der sie das letzte Stück mitgenommen hatte, fuhr an ihr vorbei. Er hatte die Seitenscheibe heruntergekurbelt und rief: »Ich fahre jetzt zum Motel. Du kannst es dir noch überlegen, Kleine!« Marion drehte sich abrupt zur Seite.
»Na, dann nicht, du Nutte!«, blaffte der Vertreter und fuhr ab. Der Motor des Opel heulte protestierend auf. Anscheinend ließ der Fahrer seine Wut an dem Wagen aus. Weit im Westen verschwand die Sonne hinter den nördlichen Ausläufern des Odenwaldes. Die Temperatur sank, es wurde unangenehm kühl, und dazu kam noch Wind auf. Marion schloss den Reißverschluss des Parkas, nahm ihre Tasche und schlenderte auf die Automatenboxen des Rastplatzes zu. Sie warf ein Geldstück in den Schlitz, und der Automat spuckte einen Pappbecher mit Kaffee aus. Der Becher war heiß. Fast hätte sich Marion die Finger verbrannt.
Das Getränk tat gut und belebte sie. Sie war nicht die Einzige, die sich in der Nähe der Automaten aufhielt. Einige Fernfahrer standen beisammen und unterhielten sich über ihre Touren. Hin und wieder warfen sie Marion abschätzende Blicke zu, die das Mädchen jedoch ignorierte. Schließlich fasste sich einer der Männer ein Herz, trat auf Marion zu und fragte, ob sie mitgenommen werden wolle. »Nein!« Der Fernfahrer hob die Schultern und verschwand. Schon wenig später bestiegen er und seine Kollegen ihre Wagen und fuhren los. Die Zeit verrann. Es wurde dämmrig. Längst brannten in der Raststätte die Lichter. Helle Bahnen fielen auf den Asphalt, spiegelten sich im glänzenden Lack der geparkten Wagen. Marion warf den Becher weg. Von der Autobahn her drang das stetige Summen der vorbeirasenden Fahrzeuge. Die Lichtspeere der Scheinwerfer durchschnitten das Dunkel.
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