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U-Terminal

von: Andreas Gößling

dotbooks GmbH, 2014

ISBN: 9783955207472 , 300 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 0,99 EUR

Exemplaranzahl:


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U-Terminal


 

New Providence


In dieser Woche hatte Rick Nadar Nachtschicht, und als er um fünf Uhr früh nach Hause fuhr, ging über den Hügeln von New Providence gerade die Sonne auf. Rick war todmüde und zufrieden. Der neue Job war wirklich okay – nicht gerade das große Abenteuer, aber immerhin hatte er zum ersten Mal ein eigenes Büro. Genauer gesagt, eine gläserne Loge, und auf der Tür stand in schwarzen Lettern Security Center. Die Sicherheit der ganzen Fabrik hing von seiner Aufmerksamkeit ab – von ihm und von den Unmengen an Alarmanlagen, Kameras, Überwachungssensoren, mit denen die Zäune und Tore rings um die Fabrik bestückt waren.

Halbleiterproduktion, Rick wusste gar nicht so ganz genau, was das eigentlich sein sollte. Jedenfalls arbeitete er jetzt in der Computerbranche, und für einen Burschen wie ihn, der bisher hauptsächlich als Kurierfahrer und Wachmann gejobbt hatte, war das ein großartiger Erfolg. Noch vor einem halben Jahr wäre er allerdings gar nicht auf die Idee gekommen, sich nach einem festen Arbeitsplatz umzusehen. Jeden Tag ins selbe Büro oder in die gleiche Fabrik schlurfen, nur damit man seine Miete bezahlen und allenfalls abends noch ein Bier in der Bar an der Ecke kippen konnte. Nicht mit Rick Nadar! So hatte er noch vor kurzem gedacht. Doch dann war Rachel in sein Leben getreten, und seitdem war alles anders.

Die Ampel vor ihm sprang auf Rot, aber Rick fuhr einfach weiter. Um diese frühe Morgenstunde war hier draußen am Stadtrand kaum jemand unterwegs. Er gähnte und rieb sich die Augen. Noch fünf Minuten, höchstens sechs bis zu seinem Block in der Higher Hill Street. In seinem kleinen Dachapartment würde er erst mal schlafen. Nichts essen, nichts trinken, erst mal ein paar Stunden Schlaf. Auch Rachel lag bestimmt noch in ihrem Bett am anderen Ende der Stadt und schlief tief und fest. Nicht mehr lange, dachte Rick, dann würden sie in eine gemeinsame Wohnung ziehen, und wenn er dann von der Nachtschicht nach Hause käme, würde er zu Rachel ins Bett schlüpfen. Mit einem schläfrigen Lächeln würde sie die Augen öffnen und ihn an sich ziehen, ihr langes, dichtes Haar um sie herum auf dem Kissen ausgebreitet wie ein Kranz schwarzer Strahlen.

Seltsam war nur, dass sie immer gleich ablenkte, wenn er dieses Thema anzuschneiden versuchte: ihre gemeinsame Zukunft. Rick kam sich manchmal schon selbst ganz komisch vor. Er hätte nie gedacht, dass er mal in diese Lage geraten würde. Wenn er früher das Gefühl bekommen hatte, dass sein Mädchen mehr von ihm wollte, als ihm lieb war, dann hatte er die Sache immer kurzentschlossen beendet. Aber bei Rachel war eben alles anders. Plötzlich war er derjenige, der sich sorgte, dass sie ihn verlassen könnte – einfach so und obwohl sie ein Kind erwartete. Mein Kind, dachte Rick und spürte gleich wieder dieses nervöse Kribbeln im Bauch, wie jedes Mal, wenn ihm einfiel, dass er bald Vater werden sollte.

Die Mondsichel schwebte noch über dem Dach seines Apartmentblocks, als Rick seinen alten Ford Mustang in eine Parklücke direkt vor der Haustür manövrierte. New Providence war keine besonders große und schon gar keine glanzvolle oder irgendwie bedeutende Stadt, aber Rick war hier geboren, es war seine Heimatstadt, und er konnte sich gar nicht vorstellen, eines Tages mal von hier wegzuziehen. Jedes einzelne seiner fünfundzwanzig Lebensjahre hatte er hier verbracht, es war seine Welt, und im Grunde brauchte er keine andere. Obwohl es andererseits sehr für die Welt da draußen sprach, dass sie ein Geschöpf wie Rachel hervorgebracht hatte.

Während er nach oben fuhr, musterte er im Spiegel sein Gesicht, das vor Müdigkeit beinahe gelb war. Aber das lag vielleicht nur an dem trüben Deckenlicht im Lift. Die Kabine hielt in der vierzehnten Etage, und Rick drückte die Tür auf und stieg aus. Müdigkeit hin oder her, am liebsten wäre er gleich wieder umgekehrt, mit dem Lift nach unten gerumpelt, in sein Auto gestiegen und bis ans andere Ende der Stadt gefahren, wo Rachel in einem möblierten Zimmer wohnte. Aber die alte Miss Lilly, der das reichlich verwahrloste Haus mitsamt dem riesigen Garten voll verwilderter Rosenbüsche gehörte, duldete natürlich keinen „Herrenbesuch“ – tagsüber nicht und erst recht nicht über Nacht. Trotzdem hatte Rachel ihr Zimmer bei dieser Lilly bis heute nicht aufgegeben, und es kam nur selten vor, dass sie mal eine ganze Nacht bei ihm verbrachte. Rick liebte Rachel mehr als alles auf der Welt, dabei wusste er eigentlich überhaupt nichts von ihr. Nur dass sie umwerfend schön war und dass sie eines Abends vor sechs Monaten in der Tür des Gloaming, seiner Lieblings-Bar, gestanden hatte, vergoldet von den Strahlen der Sonne, die in ihrem Rücken gerade unterging. Und dass er sie nur immerzu angestarrt und dann wie ein Trottel herumgestottert hatte, als sie ausgerechnet neben ihm auf den Barhocker geglitten war. Geschmeidig wie eine Katze und mit einem Lächeln, das ihm auch irgendwie katzenhaft vorgekommen war.

Rick schob seinen Schlüssel ins Schloss und sperrte die Tür auf. Sein Apartment war eigentlich nur ein Dachzimmer mit schrägen Wänden, einer Nasszelle in der einen und einem winzigen Küchenblock in der anderen Ecke. Das Schrankbett in der Nische war so schmal, dass er es Rachel nicht verübeln konnte, wenn sie in diesem sargartigen Verschlag nicht die ganze Nacht verbringen wollte.

Während er durchs Zimmer ging, knöpfte Rick sein Hemd auf, öffnete seinen Gürtel und schüttelte sich die Turnschuhe von den Füßen. Er war wirklich todmüde, kein Wunder, wenn man die ganze Nacht über mehr als zwei Dutzend Monitore und lange Reihen mit Signallampen im Auge behalten musste.

Als er bei der Bettnische war, glaubte er zuerst, dass er schon im Stehen träumte. Vor ihm lag Rachel, ganz genauso wie er es sich eben im Auto ausgemalt hatte: ihr Kopf auf seinem Kissen, die langen Haare um sie herum ausgebreitet wie ein Kranz schwarzer Strahlen. Aber Rachel lächelte ihn nicht an, und sie streckte auch nicht die Arme nach ihm aus, damit er zu ihr unter die Decke kroch.

„Zieh dich wieder an, Rick“, sagte sie, „wir müssen sofort losfahren.“

„Was ist denn passiert?“, fragte er, aber sie schien seine Worte gar nicht gehört zu haben. Sie erhob sich von seinem Bett, und da erst bemerkte er, dass sie schon fix und fertig angezogen war. Sie trug ihr neues, extraweit geschnittenes Kleid mit dem gelb-grünen Tupfenmuster, das ein wenig an den Schuppenpanzer eines Leguans erinnerte. Konnte es sein, dass ihr Bauch über Nacht noch sehr viel runder geworden war? Es kam ihm so vor, aber das lag wohl nur an seiner Müdigkeit und der Nervosität, die ihn alles überdeutlich wahrnehmen ließ. „Um Himmels willen, ist was mit dem Kind?“, fragte er.

Rachel schob sich an ihm vorbei, aus der Bettnische heraus, ohne ihn anzusehen. Ihr schmales Gesicht mit den hohen Wangenknochen wirkte angespannt, die dunklen, ein wenig schräg geschnittenen Augen schauten durch Rick hindurch. Er sah ihr hinterher und versuchte zur gleichen Zeit, sein Hemd wieder zuzuknöpfen. Seine Finger zitterten. Mit einer fahrigen Bewegung riss er sich das Hemd herunter, ging zum Schrank und nahm ein schwarzes T-Shirt heraus.

Als er sich wieder zu ihr herumdrehte, lächelte ihn Rachel an. „Ja, ich glaube, es ist wegen dem Kind“, sagte sie. Mit beiden Händen strich sie sich sanft über den Bauch, der sich unter dem gelb-grünen Kleid wie eine Weltkugel wölbte. Rick hatte keine besonders präzise Vorstellung davon, wie dick die Bäuche von Schwangeren im fünften Monat gewöhnlich waren. Aber vielleicht würde Rachel ja auch Zwillinge bekommen? Der Gedanke trug nicht gerade zu seiner Beruhigung bei. „Jedenfalls kann ich hier nicht länger bleiben“, fuhr Rachel fort, und wieder nahm ihr Gesicht diesen angespannten Ausdruck an, als ob sie auf Geräusche in weiter Ferne lauschte. „Diese Stadt bedrückt mich“, sagte sie, „der kalte Wind von den Hügeln her, die staubigen Straßen, in denen weit und breit nichts Grünes wächst und keine Vögel singen. Lass uns weggehen von hier.“

Rick verstand jetzt überhaupt nichts mehr. Das T-Shirt in der Hand, Hose und Gürtel geöffnet, stand er todmüde neben seinem Bett, und das Zimmer mitsamt Rachel begann um ihn herum leise zu schwanken. Dem Kind in ihrem Bauch ging es also gar nicht schlecht? Sie hatte nur die Nase voll von New Providence und wollte, dass sie Hals über Kopf abreisten – und das, obwohl er wegen ihr und dem Kind gerade diesen neuen Job angenommen hatte?

„Ich habe schon alles zusammengepackt“, sagte Rachel. „Wir müssen nur noch schnell bei Lilly vorbeifahren, damit du meine Koffer einladen kannst.“ Er meinte nun einen Unterton von Ungeduld in ihrer Stimme zu hören. Bei keinem anderen Mädchen hatte er jemals auf solche Feinheiten geachtet.

„Gönn mir wenigstens ein paar Stunden Schlaf, Rachel. Dann fahr ich dich hin, wo immer du hinwillst.“ Er gähnte demonstrativ und rieb sich übers Gesicht. Dabei wusste er jetzt schon, dass er kein Auge zu machen würde, egal wie viel Aufschub Rachel ihm gewährte.

Ihre Hände legten sich wieder um ihren Bauch. „In spätestens einer Stunde müssen wir los.“ Sie schaute zum Dachfenster hinaus, als ob diese Botschaft auf dem blassblauen Morgenhimmel geschrieben stünde.

„Okay, wie du willst.“ Rick ließ sich auf sein Bett fallen und streckte eine Hand nach ihr aus. „Komm, Liebes, leg dich so lange zu mir.“

Aber Rachel hatte die Zimmertür schon geöffnet. „Sei so nett und hol mich um halb sieben bei Lilly ab,...