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Winston Churchill - Der späte Held

von: Thomas Kielinger

Verlag C.H.Beck, 2014

ISBN: 9783406668906 , 400 Seiten

2. Auflage

Format: ePUB, PDF

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 19,99 EUR

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Winston Churchill - Der späte Held


 


KAPITEL II


Wie man ein Glühwurm wird


Wir haben dieses Buch mit jenem Moment in Churchills Biographie begonnen, an den man sich nicht nur in Großbritannien, sondern auch unter Deutschen noch am ehesten erinnert, während der Mann, der Churchill bis dahin geworden war, nur einem engeren Kreis von Kennern vertraut ist. Er war nicht mehr der Jüngste, als er 1940, 65 Jahre alt, dank Hitler zu einer dominanten Figur der Zeitgeschichte wurde. Aber dominant war Churchill in seiner Heimat seit langem, schillernd in seinen Stärken und Schwächen, ein mächtiger Mann der Feder und des Wortes, dabei politisch beargwöhnt, wenn nicht gemieden. Die Gezeiten der öffentlichen Meinung schmeichelten ihm keineswegs. Zu gleichen Maßen bewundert wie umstritten, hatte er zweimal die Partei gewechselt und gehörte zu keiner politischen Schule außer der einen: sich selbst, ganz im Sinne des Coriolan in Shakespeares gleichnamiger Tragödie: «Ich steh’, als wär’ der Mensch sein eigener Schöpfer,/Und niemand blutsverwandt.» Literarisch dagegen war Churchill bis 1939 Schöpfer eines bedeutsamen Œuvres geworden, das Einkommen zur Finanzierung seines großzügigen Lebensstils bezog er nicht als Politiker, sondern aus seinen Büchern und seiner unerschöpflichen Produktivität als Zeitungskolumnist und Kommentator; auch in Amerika war der Autorname Churchill ein Zugpferd. Seine in den 30er-Jahren entstandenen Essays verraten die bildgesättigte Prosa eines meisterhaften Stilisten; sie gehören zu den Juwelen der englischen Literatur dieser Jahre.

«Treu, aber glücklos», so steht es auf Spanisch im Familienwappen der Churchills. Der Urahn, der das Motto wählte, auch er ein Sir Winston, war enttäuscht, weil er für seine Treue zu dem 1660 inthronisierten König Charles II. von diesem nur den Adelstitel erhielt, aber für den Verlust seiner Ländereien während des vorangegangenen Bürgerkrieges nicht entschädigt wurde

Es half ihm in seinem Aufstieg, dass er einer der ältesten aristokratischen Familien Englands entstammte, den Marlboroughs, den Herrschern von Schloss Blenheim. Damit ließ sich wuchern, wenn der junge Mann Kontakte und Empfehlungen suchte, um seinen Tatendrang zu befriedigen. Aber Churchill ruhte sich nie auf diesem Erbe aus, er betrachtete es höchstens als Ansporn, sich seiner würdig zu erweisen, es aber auch in vieler Hinsicht hinter sich zu lassen. Zum Klassenhochmut, zu dem ihn sein aristokratischer Hintergrund hätte verleiten können, taugte er nicht – derartige Allüren waren ihm fremd. Er spielte gerne den Exzentriker, nie den Snob. Seine Biographie in ihrem Aufstieg gleicht eher einem Abenteuerroman, und ganz so, als Abenteurer, sah sich Churchill auch selbst. Ohne diese Genese ist auch der Churchill von 1940 nicht zu verstehen, die «geprägte Form, die lebend sich entwickelt», um es mit Goethes Formulierung zu sagen. Diese Geschichte muss jetzt in unserer Erzählung in den Vordergrund rücken. Dabei empfiehlt es sich, mit einigen Prägungen des jungen Mannes zu beginnen, ehe die Annalen der Marlboroughs uns weitere Aufschlüsse bringen.

1. Die Kunst des Eigenlobs


Im Sommer 1906 fand es sich, dass die Tochter des damaligen Premierministers Herbert Asquith, Violet, auf einer Dinner Party neben Winston Churchill zu sitzen kam, der gerade die erste Sprosse seiner politischen Leiter erklommen hatte, als Unterstaatssekretär für die Kolonien in Herbert Asquiths liberaler Regierung. Violet, später verheiratete Bonham Carter, die Großmutter der bekannten Filmschauspielerin Helena Bonham Carter, fand den jungen Politiker «in gedanklicher Abstraktion versunken», wie sie in ihren Erinnerungen «Churchill. As I Knew Him» in vorgerücktem Alter schrieb; sie machte sich von früh auf Notizen über ihre Begegnungen mit Churchill und wurde neben dessen Gattin Clementine die einzige Frau, der er wirklich nahestand. Als er während des Dinners endlich der jungen Dame neben sich gewahr wurde, fragte er sogleich ziemlich abrupt nach ihrem Alter. «Neunzehn», gab sie zurück, worauf er, «fast verzweifelt», antwortete: «Und ich bin schon 32. Freilich jünger als jeder hier, der etwas bedeutet», setzte er «wie zum eigenen Trost» nach.

Das aber öffnete die Schleuse für einen Sturzbach der Worte. «Fluch der Zeit! Fluch unserer Sterblichkeit! Wie grausam kurz ist doch die uns zugemessene Spanne für alles, was wir in sie hineinpressen müssen!» Weitere Verwünschungen über das viel zu kurze Leben, angesichts der immensen Leistungen, zu denen der Mensch fähig sei, folgten. Doch das Thema hätten die Dichter, Propheten und Philosophen aller Zeiten, so gesteht der junge Mann, schon so ausgiebig erörtert, dass es schwer sei, dem noch etwas Neues und Aufregendes hinzuzufügen. «Aber mir gegenüber gelang es ihm», schreibt Bonham Carter, «in einem Schwall großartiger Sprache, ebenso mühelos wie schier unerschöpflich.» Seine abschließenden Sätze werde sie nie vergessen: «Wir sind doch alle Würmer. Aber ich glaube, ich bin ein Glühwurm.»

Kontinuität der Pose: Churchill als siebenjähriger Schüler im Internat Harrow, 1892, und …

In diesem verräterischen Ausbruch des 32-Jährigen klingt eine frühe Erkennungsmelodie an, die Churchill sein ganzes Leben begleiten wird: die ausgreifende Sprache, das Denken in großem – auch großsprecherischem – Rahmen, dazu der Zuhörer, sein Publikum, das er beeindrucken will. Aus einer Dinner-Konversation wird hier eine veritable Rede, voller rhetorischer Kunstgriffe, oder ein Monolog, ein Zwiegespräch mit sich selbst, gekrönt durch die Überzeugung von der eigenen Einzigartigkeit. «Wir sind doch alle Würmer. Aber ich glaube, ich bin ein Glühwurm.» In diesem naiv-anrührenden Bild verbirgt sich ein ungeheurer Anspruch, nicht frei von Arroganz – die Churchill zeit seines Lebens abstritt, wenn man ihm Ähnliches vorwarf. Folgte er doch nur seinem inneren Dämon – seinem Schicksal, «destiny», wie er es später nannte. Aber unverkennbar war von Anfang an eine große Portion Selbstreklame mit im Spiel.

… in der berühmten Aufnahme von Yousuf Karsh, 1941 Der Porträtierte schmollte, weil der Fotograf auf einem Bild ohne Zigarre beharrte

Der Churchill, dem Violet Asquith begegnete, war den Zeitgenossen längst vertraut. Sechs Jahre Unterhaus lagen bereits hinter ihm, davor der Ruhm aus fünf Jahren Militäreinsatz an diversen Kriegsfronten des Empire. Alfred George Gardiner, ein vielgelesener Essayist jener Jahre, resümierte den jungen Churchill 1908 in seinem Band von Porträts «Prophets, Priests and Kings», als habe er den Auftritt vor der Tochter des Premierministers mitgehört. Seine Skizze ist fulminant: «Zur unersättlichen Neugier und dem Enthusiasmus des Kindes gesellt sich bei Churchill die Offenheit eines Kindes. Er kennt keine Zurückhaltung, keine Heuchelei. Du darfst alles mit ihm teilen, in alle seine Falten und Ecken schauen – er zeigt diese Verachtung für jedes Sichverstellen, die zu einer Kaste gehört, die nie an sich zweifelt.» Ganz gewiss war Churchill kein Mann der Political Correctness, dafür war er viel zu sehr von sich selbst überzeugt, bis zum Überdruss seiner Umgebung. Das zeichnete ihn aus – und machte ihn verdächtig als unverbesserlichen Egozentriker.

2. «Savrola» oder der Byron’sche Held


Es ist wenig bekannt, dass Churchill sich früh als Romanautor versuchte und mit 25 Jahren debütierte. «Savrola. A Tale of the Revolution in Laurania» hieß der melodramatische, talentiert erzählte Schmöker, der im Februar 1900 gleichzeitig in den USA und in England erschien. Schon 1897 konzipiert, ließ die Buchveröffentlichung auf sich warten, weil Kriegseinsätze an der afghanischen Grenze, im Sudan und in Südafrika Churchill fesselten. Entstanden ist das Buch mithin in der Phase eines Abenteurers, dem jedes Risiko, jede Mutprobe – und deren Verkleidung in Fiktion – recht war zum Beweis, dass er Tod und Teufel nicht scheute. Es ist ein Schlüsselroman. In Savrola, dem Helden der Handlung, begegnen wir einem Spiegelbild des jugendlichen Verfassers in seinem genialischen Elan. Kein Wunder, dass Churchill später allen Freunden abriet, das Buch zu lesen – im Leben, nicht in der Fiktion wollte er sich bewähren, und dieser frühe Romanversuch war eine unbedachte Indiskretion, die ihm in der Rückschau peinlich vorkam, ein autobiographisches Psycho-gramm, das freilich bis heute immer wieder nachgedruckt worden ist und die Lektüre allemal lohnt. Offenbar glaubte Churchill damals, es einem seiner politischen Vorbilder nachtun zu können, Benjamin Disraeli, dem großen Premier aus der imperialen Blüte des viktorianischen England, der eine erfolgreiche Karriere als Romancier hinter sich hatte, ehe er in die Politik einstieg. «Savrola» blieb freilich Churchills einziger belletristischer Versuch.

In dem fiktiven Staat Laurania hat der Usurpator Antonio Molara in einem Coup d’État die Macht an sich...