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Verschwundene Arbeit - Das Buch der untergegangenen Berufe

von: Rudi Palla

Christian Brandstätter Verlag, 2014

ISBN: 9783850336482 , 272 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 19,99 EUR

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Verschwundene Arbeit - Das Buch der untergegangenen Berufe


 

Vorrede


Eine Kultur lebt vor allem in der Mannigfaltigkeit ihrer Berufe. Jeder von ihnen bringt, abgekapselt in seiner Zelle, für sich Gesichtsausdrücke, Kleidung, Sprachen, Haltungen, rührende oder scherzhafte Anekdoten, eine Pädagogik, eine Moral hervor. Das waren die Werkstätten bis vor kurzem: Kulturgerinnsel, sich selbst genug; Königreiche, in denen der König »Mastro« genannt wurde, d. h. Meister des Hammers, der Axt, des Schustermessers, der Drehbank … Historische Orte und geweihte Stätten, deren veraltete Techniken, deren edler Phalanstère-Geruch in keiner Enzyklopädie mehr aufgenommen werden wird.

Gesualdo Bufalino, Museum der Schatten (1982)

 

Die meisten unserer Vorfahren haben ihr Leben lang Tätigkeiten ausgeübt, von denen wir nichts mehr wissen. Die rapide Veränderung der Arbeitswelt hat Hunderte von ausgestorbenen Berufen hinterlassen. Wieviel hochspezialisiertes Wissen damit verlorengegangen ist, läßt sich kaum ermessen.

Ein gutes Beispiel für die Vielfalt der Tätigkeiten von einst bietet die Schilderung des Beschneidungsfests, welches Murad III. für seinen Sohn Mohammed ausrichten ließ und das am 1. Juli 1583 im Hippodrom von Konstantinopel feierlich begann. Überliefert hat es der österreichische Orientalist Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall, der Anfang des 19. Jahrhunderts mehrere Jahre als Legationssekretär in Konstantinopel akkreditiert war, in seinem Werk »Geschichte des osmanischen Reiches« (1829). Es war, wie Hammer-Purgstall hervorhob, ein Schauspiel, das in der osmanischen Geschichte durch Glanz und Reichtum seinesgleichen suchte. Während einundzwanzig Tagen zogen in endlosen Kolonnen die Zünfte und Handwerker, begleitet von wirbelnden Derwischen, Feuerfressern, Gauklern und Taschenspielern, am Sultan und seinem Gefolge vorbei: Seidenspinner, Schnürmacher und Schlingenflechter mit seltsamen Hüten, Kappen und Hauben, mannigfaltig mit Seide ausgenäht, ausgezackt und ausgeschlungen; die Leinenweber boten dem Sultan die feinste Leinwand, die Lederpresser große, runde Tischdecken aus Leder, mit Gold durchnäht, und lederne Wasserflaschen ohne Naht zum Geschenk dar. Die Zwirnhändler und Schürzenmacher zogen vorbei, verdunkelt vom Glanz und der Pracht der ihnen folgenden Goldschmiede und Juweliere, die über dreihundert Knaben, in Goldstoff gekleidet, als die lebendige Unterlage ihrer Auslage vorführten. Die Spiegelmacher und Schalenmaler mit hundertfünfzig Knaben, vorn und hinten mit Spiegeln behangen. Dann traten auf die Wollstoff- und Leinwandfärber, die Speerschaftener und Lanzenmacher, die Rotgießer, Glasbläser, Lastträger, die Damastwirker hielten auf siebenunddreißig Stangen reiche Zeuge empor, die Verfertiger der eisernen Schuhbeschläge und der Kornschwingen, die Feil- und Beilhauer, die Bürstenbinder, Schuhflicker, Eisenhändler, griechischen Frauenschuster, Wäscher, Kesselschmiede, Sägehauer, Barbiere mit einer wandelnden Bude, in der sich kleine Knaben gegenseitig schoren; die Kopfbundverkäufer, Waagmacher, Gar-, Sudel- und Pastetenköche. Weiters die Biskottenbäcker, Roßhändler, Vogelsteller, ägyptischen Kaufleute, die Taglöhner, die dem Oberstbaumeister unterworfenen Bauleute: Maurer, Steinmetze, Zimmerleute, Brunnengräber, Gipsübertüncher, Wasserleiter, Kalkbrenner, Kahnmacher; Brillenverkäufer; dann die Maler, Kopfbundwinder, ägyptischen Schiffleute, Korbflechter – und viele mehr.

Das Verhältnis des Menschen zur Arbeit, vor allem zur Handarbeit, und ihr Stellenwert innerhalb der Gesellschaft erfuhren im Laufe der Geschichte tiefgreifende Veränderungen. Zu den ersten handwerklichen Tätigkeiten und Hauptkünsten der Zivilisation gehörten die Schmiedekunst, die Töpferei und Weberei. Denken wir an den griechischen Gott des Erdfeuers und der Schmiedekunst Hephaistos, Sohn des Zeus und der Hera, den Homer im achtzehnten Gesang seiner »Ilias« preist: »Unzerstörbares Erz und Zinn warf jetzt er ins Feuer / und setzte danach dann / Auf den Amboßhalter den großen Amboß, ergriff dann / rechts den wuchtigen Hammer und links die Zange fürs Feuer. / Und er macht zuerst den Schild, den großen und festen.« Bereits um 3600 v. Chr. führte der menschliche Einfallsreichtum in Mesopotamien und im Iran zur Entwicklung der frei rotierenden Töpferscheibe, neben dem schnurgetriebenen Bohrer (mit Fiedelbogen) das älteste mechanische Arbeitsgerät. Etwa um dieselbe Zeit wurde das erste Webgerät in Europa entwickelt, der senkrecht stehende Gewichtswebstuhl. Er bestand aus zwei aufrechtstehenden Stützen, die oben durch einen Querbaum verbunden waren, an dem die von Gewichten aus Stein oder Ton straff gehaltenen Kettfäden hingen. Mit Hilfe von Litzenstäben wurden die Webfächer gebildet und die Schußfäden manuell eingebracht und mit dem Webschwert nach oben angeschlagen. »Webe eng; mache gutes Tuch, mit zahlreichen Schußfäden auf einem kurzen Stück«, riet der antike Dichter Hesiod.

Machen wir einen Zeitsprung in die frühe Neuzeit, wo es zunehmend zur Arbeitsteilung und Spezialisierung der handwerklichen Tätigkeiten kam, was sich vor allem in der Entstehung neuer Berufe ausdrückte, nicht zuletzt als Folge der zunehmenden Verstädterung. Die Eisenschmiede, einst die Berufsbezeichnung für die gesamte Metallverarbeitung, differenzierten sich in Messer-, Klingen-, Bohrer-, Sägen-, Nagel-, Huf-, Zeug- und Zirkelschmiede sowie Schlosser. Von den Schlossern setzten sich die Uhrmacher ab, diese teilten sich dann selbst in Groß- und Kleinuhrmacher, je nachdem, ob sie sich auf Turmuhren oder Taschenuhren spezialisierten. Aus den Kleinuhrmachern entstanden neue Berufsgruppen, die sich auf die Verfertigung von Federwerken oder Uhrgehäusen konzentrierten. An die Stelle der Weber traten Leinen- und Baumwollweber, Tuchmacher oder Seidenweber, von den letzteren sonderten sich Samt- und Dünntuchmacher ab. Aus Bäckern wurden Weiß-, Schwarz- und Zuckerbäcker. Einzelne Berufe haben bereits früh ihren handwerklichen Charakter verloren, sind im Verlagssystem (Trennung von Produktion und Absatz) und in Manufaktur aufgegangen oder haben einen strukturellen Wandel (Übergang zu Reparatur, Kleinhandel, Dienstleistungen etc.) erfahren.

Handwerkliche Arbeit war vielfach Knochenarbeit; sie war auch teils widerwärtig (Abdekker, Färber), ekelerregend (Lederer, Lumpensammler), schmutzig (Papiermacher), gesundheitsschädlich (Glasbläser, Hutmacher), lebensgefährlich (Bergarbeiter, Flößer, Schiffleute) und oft mit todbringenden Krankheiten verbunden. Der Vater der Arbeitshygiene, der italienische Arzt Bernardino Ramazzini, veröffentlichte 1700 seine Schrift »De morbis artificum diatriba« (»Abhandlung von den Krankheiten der Künstler und Handwerker«), die erste umfassende Darstellung der Krankheitsursachen durch Schmutz, Staub, Bewegung und Haltung, Wasserarbeit oder Feuer. »Künstler und Handwerker müssen von gewissen eigenen Krankheiten mehr als andere befallen werden«, heißt es im Vorwort, »weil fast keine Arbeit von allem Nachteil, den sie der Gesundheit verursachen könnte, freigesprochen werden kann.«

 

Die Holzhauer.

Farblithographie. 1819

Die Ausübung verschiedener Handwerksberufe wurde immer wieder mit konstitutiven Persönlichkeitsmerkmalen in Verbindung gebracht. Darauf hat Claude Lévi-Strauss in seinem Werk »Die eifersüchtige Töpferin« (1987) hingewiesen und sich dabei auf das Buch »Légendes et curiosités des métiers« (1895) des französischen Ethnologen Paul Sébillot berufen. Diese Merkmale sind von dreierlei Art, schreibt Lévi-Strauss: »Zunächst der körperliche Aspekt: Man stellte die Weber und Schneider, vielleicht deshalb, weil sie sitzend oder hockend arbeiten, als Krüppel oder Verwachsene dar. Die bretonischen Märchen verleihen dem Schneider mit Vorliebe das Aussehen eines schieläugigen Buckligen mit struppigem rotem Haar. Die Metzger dagegen galten als robust und gesund.

Darüber hinaus unterschied man die Berufe nach moralischen Kriterien. Praktisch einstimmig brandmarkte ein alter europäischer Volksglaube die Weber, die Schneider und die Müller als Diebe, die zu ihrer Berufsausübung einen Rohstoff – Garn, Tuch, Korn – bekommen, bei dem man argwöhnt, daß sie davon etwas für sich selbst abzweigen, bevor sie ihn, in Stoff, Kleidungsstück oder Mehl verwandelt, wieder in Umlauf bringen. Wenn diese drei Zünfte in dem Ruf standen, hinsichtlich der Quantität der Produkte zu betrügen, so verdächtigte man die Bäcker – die das Ansehen von Kupplern, ja sogar von Betreibern von Stundenhotels hatten –, Waren von zweifelhafter, durch die Darbietungsform verfälschter Qualität zum Verkauf zu bringen.

Schließlich schrieb man jeder Kategorie von Handwerkern unterschiedliche psychologische Dispositionen zu: Die Schneider galten als prahlerisch und furchtsam, aber auch als gewitzt und...