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Daniel Käfer - Alle Salzkammergut-Romane in einem Band

von: Alfred Komarek

Haymon, 2014

ISBN: 9783709935927 , 584 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 14,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Daniel Käfer - Alle Salzkammergut-Romane in einem Band


 

Die Schattenuhr


Der Roman spielt im Salzkammergut – im steirischen Ausseerland und im oberösterreichischen Hallstatt. Die örtlichen Gegebenheiten und der historische Hintergrund entsprechen der Wirklichkeit.

Zur Archäologie: Im Bereich des Alten Grubenoffens wird tatsächlich geforscht und dort wurde die beschriebene prähistorische Stiege wirklich gefunden – wenn auch unter anderen Umständen. Der Rest ist Fiktion.

Auch die meisten Menschen der Gegenwart sind frei erfunden. Dr. Hannes Androsch sowie die Familie Lobisser und ihr Bräugasthof sind allerdings real. Ich danke für das Einverständnis.

1


Die Nacht wusste nichts mehr anzufangen mit Daniel Käfer, doch der Tag wollte ihn noch nicht haben. So fand er sich in brüchiger Dunkelheit wieder, umgeben von Gerüchen, Geräuschen und Bildern, die er nicht deuten konnte.

Er wollte zurück in den Schlaf, verkroch sich in der Wärme des Bettes. Vom offenen Fenster her strich kühle Luft über sein Gesicht, Herbstluft. Aber es war doch eben erst Sommer gewesen, Sommer und noch einmal Sommer …

Käfer fröstelte und wachte nun, ohne die Augen zu öffnen, wirklich auf. Er dachte daran, dass dies für lange Zeit sein letzter Morgen im Salzkammergut war. Es gab für ihn keinen vernünftigen Grund, hierzubleiben, nicht einmal einen unvernünftigen. »Sabine«, murmelte er in den Polster, »Sabine, du unerbittliche Hüterin meines Fortkommens und meines Wohlergehens. Ich werde es schon noch lernen, dich dafür zu hassen.« Er drehte sich auf den Rücken, öffnete die Augen und erkannte im Halbdunkel vertraute Konturen. Für mehr als sieben Wochen hatte er das kleine Zimmer im Bauernhaus der Familie Schlömmer in Sarstein bewohnt. Wie eine freundliche Höhle war es um ihn gewesen.

»Zu freundlich«, hatte Sabine eines Tages gesagt, »das wahre Leben sieht anders aus. Und wer sich ihm nicht stellt, ist ein Versager. Hinaus in die Welt mit dir, Daniel!« Dann hatte sie ihn mit energischer Sorgfalt geküsst und in ihren Augen war jener Ausdruck liebevollen Tadels gewesen, den Käfer nur zu gut kannte und der ihn so sehr ärgerte, dass er immer wieder darauf vergaß, sich zu wehren.

Außerdem war es wohl wirklich klüger, endlich aktiv zu werden, statt Träumen und Erinnerungen nachzuhängen. Er brauchte neue Aufgaben, Herausforderungen, denen er sich einigermaßen lustvoll stellen konnte, eine berufliche Zukunft, die zu ihm passte.

Unwillig verließ er das Bett, ging zum Spiegel, schaute in sein zerknittertes Morgengesicht und fuhr mit den Fingern durchs Haar. Er seufzte und ließ die Schultern hängen. Dann öffnete er die Zimmertür. Unten, in der Küche, waren Geräusche zu hören, in den Geruch des alten Bauernhauses mischte sich Kaffeeduft.

»Ganz schön früh dran, unser Zimmergast!« Frau Schlömmer wies einladend auf die Küchenbank. »Er kann’s nicht erwarten, wegzukommen, wie?«

»Ach was, im Gegenteil!« Käfer schob einen Stapel Zeitschriften zur Seite und nahm Platz. »Ich hab nicht mehr schlafen können.«

Statt zu antworten, machte sich die junge Bäuerin am Herd zu schaffen. Sie trug Jeans und eine karierte Bluse. Die Morgensonne ließ ihre rotblonden Haare leuchten. Käfer sah keinen Grund, einer sentimentalen Regung nicht nachzugeben. Er stand auf, trat hinter sie und legte die Hände auf ihre Schultern.

»Danke für alles!«

Er spürte, wie Frau Schlömmer zusammenzuckte, als wäre sie erschrocken.

»Hab ich was Falsches gesagt?«

Sie wandte sich ihm zu. »Nein. Es ist nur so: Ich vertrag es heute nicht, wenn jemand freundlich zu mir ist.«

»Gibt’s was mit Ihrem Mann?«

»Mit dem Hubert gibt’s immer was. Da kommt er übrigens.«

Käfer folgte ihrem Blick und sah die hagere Gestalt Schlömmers in der Tür stehen. Das Gesicht war ausdruckslos, der Hut saß noch ein wenig schräger auf dem Kopf als sonst.

Seine Frau musterte ihn schweigend. Er musterte schweigend seine Frau. Endlich machte er doch den Mund auf. »Hast lang auf mich gewartet in der Nacht?«

Käfer spürte, wie Maria Schlömmer sich an ihn lehnte und ihre Hand über seinen Rücken strich, tiefer und tiefer.

»Mir war nicht fad, Hubert.«

»Ach so.« Er kratzte sich kurz am Nasenrücken, ging langsam auf die Küchenbank zu und setzte sich.

Als dann das Frühstück auf dem Tisch stand, Milchkaffee, Butterbrote, Käse, Wurst und hausgemachter Apfelsaft, deutete Hubert Schlömmer mit dem Kinn auf Käfer. »Freut’s dich also nicht mehr bei uns? Klar. Deine Freundinnen sind ja weg.«

»Welche Freundinnen?«

»Die Sabine hat ihre Arbeit in Deutschland draußen, im Gegensatz zu dir. Die Frau Hürsch sitzt in Wien, statt sich in ihrer kalten Villa den Arsch abzufrieren, und die Anna ist in Hallstatt.«

»Recht hat sie, Hubert.«

»Schon. Lernt jetzt Instrumentenbau in der Holzfachschule. Gibt mehr her, als im Wirtshaus vom Vater den Herrn Käfer zu bedienen. Stimmt’s oder hab ich Recht?«

Käfer antwortete nicht und gönnte sich ein paar dunkelblaue Erinnerungen. Dann drängte sich Sabine in seine Gedanken. »Mach dich mit der Anna nicht zum Narren, Daniel«, hatte sie gesagt, »sie ist kaum zwanzig.«

Sabine, diese ahnungsvolle Lichtgestalt! Musste sie, verdammt noch einmal, immer Recht haben? Er hob trotzig den Kopf. »Es geht mehr um meine berufliche Zukunft. Schon morgen gibt es Gespräche in Wien. Wird sich zeigen, was meine alten Kontakte noch taugen.«

»Und bei uns findest du keine Arbeit?«

»Hilfsredakteur in der Alpenpost oder was? Arbeitswillige Kreative jeglicher Gattung und Qualität treten hierzulande geradezu inflationär auf.«

Hubert Schlömmer zuckte mit den Schultern und schob die leere Kaffeetasse von sich. »Also ich geh jetzt ins Bett.«

Seine Frau machte schmale Augen. »Schon wieder?«

Daniel Käfer fing an, für die Reise zu packen. Zwischendurch trat er ans Fenster. Noch lag der Morgennebel über den Wiesen, doch schon malte die Sonne leuchtend bunte Bilder ins Grau. Gipfel und Gletscher des Dachsteins waren nur zu erahnen. Ein strahlender Herbsttag kündigte sich an. Diese Landschaft gab sich doch wirklich alle Mühe, ihm den Abschied schwer zu machen. Ihre Bewohner schienen hingegen durchaus geneigt zu sein, ihm das Dasein im Ausseerland zu verleiden. Käfer dachte ärgerlich an seinen ehemaligen Lieblingsplatz im Kurpark. Dort, wo Traun und Traun ineinander mündeten – die Traun vom Altaussee her und die vom Grundlsee –, wurde nun schon seit Wochen an einer Brücke monströsen Ausmaßes mit ebenso banaler wie aufdringlicher Symbolik gebaut. Aus der Vereinigung zweier Flüsse war damit eine Art Peepshow geworden. Und es gab kaum Proteste, fast alle hatten ihre Freude an dieser bösartigen Wucherung aus Stahlbeton. Verstehe einer die Ausseer.

Käfer schloss das Fenster, packte fertig, schaute sich noch einmal im Zimmer um und ging nach unten.

Seine Gastgeberin war nicht in der Küche. Er fand sie hinter dem Haus bei den Hühnern. »Frau Schlömmer! Ich möchte mich verabschieden. Das heißt, ich möchte nicht. Aber es muss wohl sein.«

»Ja dann. Hat’s noch ein paar Minuten Zeit?«

»Natürlich.«

»Hier, die Bank in der Sonne. Recht so?«

»Und ob!«

Käfer nahm Platz, die Bäuerin setzte sich dicht neben ihn. Käfer blinzelte ins Licht. »Da sitzen wir also wie Philemon und Baucis.«

»Wer ist das schon...