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Das blaue Mädchen
»Ich darf nicht zweifeln.«
Diesen Satz schreibt die siebzehnjährige Jana in ihr geheimes Tagebuch, an dem Abend, an dem ihre beste Freundin Mara ins Strafhaus verbannt wurde. In diesem kahlweiß gestrichenen, spärlich eingerichteten Haus wird Mara nun einen Monat verbringen müssen – ohne Ansprechpartner, ohne die Möglichkeit, sich anders zu beschäftigen als durch die Lektüre des einzigen zugänglichen Buches: der Bibel der »Kinder des Mondes«, der Gemeinschaft, der Jana und Mara angehören. Einen Monat lang wird sich Mara darin üben, nicht schwach zu werden, nicht der Versuchung nachzugeben, die Botschaften La Lunes, der Führerin der Gemeinschaft, zu lesen, von der sie sich innerlich längst abgewandt hat:
La Lune ist die Güte.
La Lune ist Verständnis.
La Lune ist unser Leben.
Für Jana, die im Gegensatz zu ihrer aufmüpfigen Freundin niemals an den Idealen der »Kinder des Mondes« gezweifelt hat, beginnt mit der harten, ungerechten Bestrafung ihrer Freundin der Prozess der inneren Ablösung von der Sekte. Maras Vergehen: Eine verbotene Liebesbeziehung zu Timon, dem Jungen, den sie in zwei Jahren ohnehin hätte heiraten sollen.
»Maras einzige Schuld ist es gewesen, sich zu verlieben. Wenn aber La Lune, wie es im Buch heißt, die Liebe ist, wie kann sie Mara dann für die Liebe bestrafen?«
Nun, da sie erstmals hautnah erlebt, mit welcher Härte die Kinder des Mondes Grenzüberschreitungen strafen, sieht Jana deutlicher als zuvor die Kehrseite dieser durch die gemeinsame Liebe zu La Lune und der Göttin der Mondheit vereinten Gemeinschaft: einer Gemeinschaft, die tiefe Freundschaften zwischen einzelnen Individuen nicht zulässt und das Leben ihrer Mitglieder bis in die Träume hinein kontrolliert. Längst hat auch Jana gelernt, ihre wahren Träume vor den Traumdeutern zu verschweigen und ihre Gedanken nur Mara und Gertrud, der Bibliothekarin, anzuvertrauen.
Ein äußeres Ereignis treibt Janas innere Loslösung von den Kindern des Mondes voran: Als sie mit der kleinen Miri zusammen im Wald spielt, trifft sie auf Marlon, einen Jungen aus dem Dorf – und verletzt eines der wichtigsten Gebote: allen Kontakt mit Menschen zu vermeiden, die nicht der Gemeinschaft angehören. Mit seinem Roller und seiner Kamera war Marlon ihr schon lange aufgefallen und auch schon oft durch ihre Träume gefahren.
Was sie im Gegensatz zum Leser, dem Teile der Handlung aus Marlons Sicht geschildert werden, zunächst nicht weiß: Sie von Ferne beobachtend, ist Marlon seit langem in sie verliebt. Schon lange träumt er vom Zusammensein mit ihr, dem »blauen Mädchen« (so nennt er sie aufgrund der blauen Kleidung, die sie wie alle anderen Mädchen der Sekte trägt), über die Grenze zwischen Dorfbewohnern und Angehörigen der Sekte hinweg.
Die Autorin
Monika Feth wurde 1951 in Hagen geboren. Nach ihrem literaturwissenschaftlichen Studium arbeitete sie zunächst als Journalistin. Heute lebt sie als freie Autorin in einem kleinen Dorf in der Voreifel, wo sie für Kinder, Jugendliche und Erwachsene schreibt.
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