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Figuren: »das eigentümliche Wesen jedes« (S. 3-4)
Erfährt man bei Büchner auch so gut wie nichts von dieser Art der Vormärz-Geschichte, gleich ob politisch-ereignishaft, sozial strukturiert oder kulturell-erlebnishaft kodiert, stets aber aus begrifflicher und zeitlicher Distanz, überindividualisiert, sinnhaft begründet und epochal abgeschlossen, so ist sein Vormärz-Drama doch in einem anderen Sinn zeitgeschichtlich aktuell wie sonst keines der Epoche. Es offeriert nicht die gültige Erklärung, sondern entwirft einen möglichen Erlebnishorizont der Vormärzzeit: Den Gesichtskreis des Stücks bildet nicht erkenntnistheoretische Gewissheit, sondern der Zweifel am Subjekt, nicht systematische Begrifflichkeit, sondern deutungsoffene Anschauung, nicht der Blick aufs epochal Ganze, sondern der Sinn für alles zufällig Einzelne, nicht das zweckhafte Urteil, sondern die Immanenz des Lebens, das sich selbst genügt. Für diese Art der Geschichte stehen Büchners Figuren. Verwirklicht ist sie vor allem in der Titelfigur, dem armen umgetriebenen Woyzeck, einem kleinen Füsilier und Stadtsoldaten, der auf das Zubrot im Dienst des Doktors angewiesen, in seiner unterentlohnten Überbeschäftigung (»alles Arbeit unter der Sonn [. . .].
Wir arme Leut«; 239), seiner unverschuldet hoffnungslosen, aller Fürsorge ledigen, isolierten und sich passiv der gesellschaftlichen Hierarchie fügenden Lage den sozialhistorisch tradierten Begriff des Paupers zu bestätigen scheint. War doch gerade Südhessen, Dialektheimat der Figuren, nach Wehler ein Zentrum des Pauperismus, jener von moralischer Diskriminierung und tiefem Pessimismus begleiteten massenhaften Verarmung in der ersten Jahrhunderthälfte – entstanden aus dem »strukturellen Mißverhältnis« zwischen Überbevölkerung und Arbeitsplatzmangel im Vorfeld der Industrialisierung.
Entgegen solch historischer Klassifizierung erweist sich freilich Büchners 30-jähriger Held Franz Woyzeck nicht als Teil seiner sozialen Gruppe, sondern auch im Verein mit den anderen Armen des Stücks – Andres, Marie und den Handwerksburschen – als Einzelner unter Einzelnen, gepeinigt von einem eigenen Schicksal, von Halluzinationen, Eifersucht und den Quälereien des Doktors und des Hauptmanns. Was überindividuell sozial, durch die Hierarchie von gesellschaftlicher Macht und Unterlegenheit konnotiert ist, wird von Büchner gleichwohl nicht schichtenspezifisch als »kollektives Schicksal« dargestellt, als Los einer »Unterschicht«.
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