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Herbst 2001 (S. 9-10)
Inga von Butendorf, geborene Helmstroem, sechsundfünfzig, Gattin des Werbekaufmanns Harald von Butendorf, trug ihr leicht blondiertes Haar schulterlang. Ihr ernstes, schlankes Gesicht hatte eine tiefe Inselbräune. Sie saß auf der Terrasse der Ferienwohnung auf Spiekeroog, genoss die Strahlen der Herbstsonne und schaute den Möwen zu, die im aufgebristen Südwestwind hingen. Das Handy riss sie aus ihrer Verträumtheit. Ihr Bruder Nils rief an. Ihr Vater hatte sich nach dem Tode der Mutter zur Ruhe gesetzt und ihm die Leitung des Fisch verarbeitenden Betriebes in Visby auf Gotland übertragen. Nils hatte die Firma zu einem gesunden mittelständischen Betrieb ausgebaut. »Schwesterchen, wie sieht es aus? Kommt ihr zu Opas Geburtstag?«, fragte er.
»Nils, ich komme auf alle Fälle«, antwortete sie. »Ich hoffe, Harald und Björn haben Zeit, dich zu begleiten«, antwortete ihr Bruder. »Harald ist nicht bei mir. Er ist mit dem Schiff unterwegs.« Inga seufzte auf. »Und Björn turtelt mit einer hübschen Diplom-Kauffrau herum, statt endlich selbst mit einem Examen in der Tasche Harald beizustehen.« »Opa lässt grüßen, er würde sich freuen, wenn ihr kommen würdet«, sagte Nils. »Ich rufe zurück. Grüße Sarah, die Kinder und Opa! Bis dann!«, sagte Inga, drückte die Taste, legte das Handy auf den Tisch und erhob sich. Die Sonne stand bereits tief.
Es wurde frisch im aufgebristen Wind. Inga ging zum Schlafzimmer, zog den Badeanzug aus, schlüpfte in Jeans, streifte den schweren Troyer über und brühte sich in der Küche einen Tee auf. Dann trug sie das Teegeschirr samt Stövchen, Kluntjebecher und Sahnetopf zum Terrassentisch, setze sich in den Sessel, trank Tee und rauchte eine Zigarette. Sie sah den jungen, kräftigen Mann, der sich langsam durch Disteln und Sanddornsträucher über den Kamm der Düne dem gegenüberliegenden weißen Ferienhaus näherte. Er griff zum Fernglas und betrachtete aufmerksam das weite, sandige Gelände. Er trug Jeans und eine olivfarbene Weste und darunter, wie Inga von Butendorf wusste, das Schulterholster mit einer Pistole.
Er gehörte zur Mannschaft, die das Anwesen des Bundespräsidenten auf der mit Gras und Krüppelkiefern bewachsenen Düne vor dem Zutritt ungebetener Gäste schützte. Er winkte ihr zu. Er war im Alter ihres Sohnes. »Und Björn?«, fragte sie sich. Inga nahm das Handy vom Tisch, gab die Telefonnummer ihres Sohnes ein und hielt es an ihr Ohr. »Ich bin nicht zu Hause und bitte um Geduld. Ich reagiere später auf die hinterlassene Nachricht! Danke!« Inga schwitzte nervös. »Hier ist Mama! Wo treibst du dich herum? Opa hat Geburtstag! Er wird achtzig! Ich hoffe, du begleitest mich nach Gotland!«, sprach sie fordernd auf das Band und schaltete das Handy ab. Sie drückte die Kippe in den Aschenbecher und nahm einen Schluck Tee zu sich.
Sie dachte an Harald. Er wird meine Bitte, mit mir zum Geburtstag nach Visby zu reisen, wie eine alltägliche Wetternachricht hinnehmen, dachte sie ironisch. Zwischen ihr und Harald war es in der letzten Zeit wegen Björn öfter zu unangenehmen Auseinandersetzungen gekommen. Björn hatte sich mit ihrer Unterstützung in Altona ein teures Apartment gekauft. Opa hatte mit einem erklecklichen Zuschuss für die glatte Finanzierung beigetragen. Björn hatte Harald enttäuscht. Er war sechsundzwanzig Jahre alt, hatte sie viel Geld gekostet, und ein Ende seines Studiums war nicht abzusehen. Er hatte die Fakultäten an der Uni mehrmals gewechselt, ohne Erfolge vorweisen zu können. Das ständige Gezanke um den Sohn trug nicht zum Ehefrieden bei. Sie und Harald hatten die Agentur aus dem Nichts, abgesehen von einem Darlehen ihres Vaters, aufgebaut. In jungen Jahren war Inga viel mit Harald gesegelt. Doch davon hatte sie Abstand genommen. Nur hin und wieder war sie an Bord des neuen Schiffes geklettert.
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