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1 (S. 120-121)
Es war Februar, und ein kalter Wind wehte durch die Straßen von Berlin. Wer vor die Tür mußte, zog seinen wärmsten Mantel an, schlang wollene Tücher um den Kopf und band einen Schal vor Mund und Nase. Die Leierkastenmänner, die durch die Hinterhöfe zogen, trugen dicke Handschuhe, die Kinder, die hinter ihnen herliefen, hatten rote Nasen und blaue Lippen. Die Kohle war knapp und Holz ebenfalls schwer zu bekommen. Die Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften wurden täglich länger, und da und dort wurden bereits wieder die Stimmen der Sozialisten laut und mit ihnen die Stimmen der Kriegsmüden. 1916 — und noch kein Ende des Krieges in Sicht.
Elsa saß in einem Lehnstuhl im Wohnzimmer. Im Ofen brannte ein Feuer, aber es war nur klein, weil das Dienstmädchen die Kohlen sparsam nachlegte. Die Fensterläden knarrten im Wind. Elsa hatte einen breiten Mohairschal um ihre Schultern geschlungen und sah klein und wie zusammengefallen aus.
Ihr Bruder Leo, der am Bücherregal stand und angelegentlich die Titel auf den Buchrücken studierte, drehte sich zu ihr um. Zum hundertsten Mal an diesem Tag hatte Elsa das Gefühl, sie werde sich nie an seinen veränderten Anblick gewöhnen. Zu Leo gehörten welliges, viel zu langes, schütteres Haar, eine silberfarbene zweireihige Weste, ein dandyhafter Anzug und die unvermeidliche Papierrose am Revers. Dieser Leo nun, in der grauen Soldatenuniform und mit kurzgeschnittenen Haaren, wirkte so unglücklich, daß es einem das Herz zerreißen konnte. Ein Schauspieler, dem eine falsche Rolle zugeteilt war und der sich einen Abend lang, zur Qual der Zuschauer und zu seiner eigenen, bemühte, seinen Part auf irgendeine Weise über die Bühne zu bekommen. Es konnte ihm nicht gelingen. Für Uniformen war er nicht gebaut. »Ich an deiner Stelle würde zu Mutter nach Lulinn fahren«, sagte er, »du siehst so hungrig aus. Daheim kriegst du wenigstens genug zu essen. «
»Ach, Leo …« »Ich weiß, Victor und Gertrud gehen dir auf die Nerven. Und die halslose Modeste. Aber Berlin … ohne deine Familie wirkst du so verloren in der großen Stadt!« Er kniff sie zärtlich in die Nase. »Hör einmal auf deinen kleinen Bruder!« »Kleiner Bruder …« Ihr Blick glitt wehmütig über seine Uniform und blieb am Gürtel mit der Pistole hängen. »So klein auch wieder nicht!« »Ja, nicht wahr, das Feldgrau verleiht mir Würde? Leopold Domberg, ergebener Diener Seiner Majestät des Kaisers!«
Er knallte die Hacken zusammen, hob grüßend die Hand an die Mütze. Sein stets etwas melancholischer, weicher Mund verzog sich zu einem gequälten Lächeln. Die schlaffen Wangen zuckten. Die tiefen Falten unter seinen runden Augen mit den hängenden Lidern traten an diesem Tag noch deutlicher hervor als sonst. Er schmiß sich in einen Sessel und legte die Beine auf den Tisch, eine Unart, die Elsa, wie er wußte, zutiefst mißbilligte, ihm aber stets mit einem zärtlichen, nachsichtigen Lächeln erlaubt hatte. »Daß die mich tatsächlich noch einziehen würden! Mich alten Mann! Ich hätte es im Leben nicht geglaubt!« »Du bist nicht alt. Noch keine Vierzig!«
»Ja, aber sieh mich an. Mein Leben lang war es mein Unglück, daß mich jeder niedliche Backfisch für eine antiquierte Ausgabe seines Vaters hielt, und das einzige Mal, wo mir meine Falten etwas nützen könnten, rechnen die kühl auf mein Geburtsjahr zurück und erklären mir dreist: 'Sie sind jung, stark und gesund, Domberg!' Ha, gesund! Die sollten sich mal meine Leber anschauen. Die hab' ich seit zwanzig Jahren keine Sekunde verschnaufen lassen! Na ja — ich verrecke sowieso mal am Alkohol«, setzte er düster hinzu.
»Nein. Wenn du zurückkommst, machst du eine Entziehungskur.« »Gott, Elsa, sag so was nicht! Ich werfe mich ja noch freiwillig vor eine Kanonenkugel. Weißt du, was das schlimmste ist? Daß sie mich nach Frankreich schicken! Ich soll auf Franzosen schießen, ich, Leopold! Ich liebe die Franzosen. Ich habe tausend Freunde in Frankreich. Jacques und Pierre und ich, wir haben Paris unsicher gemacht, und das war meine tollste Zeit!« Sein schwermütiges Gesicht erhellte sich. »Die schönen Pariser Frauen! Ich sage dir, Elsa, keine war vor uns sicher. Da gab es dieses Etablissement am Montmartre von Madame Daphne. Daphne hatte blondes Haar und einen Körper, der …« Ein Blick auf das Gesicht seiner Schwester ließ ihn sich unterbrechen. »War jedenfalls eine verdammt schöne Frau«, vollendete er unbestimmt. »Du wirst sie eines Tages wiedersehen, Leo.« »Meinst du?
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