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4 (S. 40-41)
Gabriella hatte das lieblose Verhalten ihrer Eltern zwei weitere Jahre lang überstanden. Um ihnen gelegentlich zu entrinnen, zog sie sich in eine eigene Welt zurück, schrieb Gedichte, Geschichten und Briefe an imaginäre Freundinnen. In dieser Fantasiewelt konnte sie die schreckliche Wirklichkeit für eine oder zwei Stunden vergessen. Ihre Geschichten handelten von glücklichen Menschen, die ein wundervolles Leben führten – niemals von ihrem eigenen Schicksal oder den Dingen, die Mommy ihr nach wie vor antat, vor allem wenn sie in diese gewissen Stimmungen geriet. Die schriftstellerische Tätigkeit war ihre einzige Möglichkeit, die Qualen zu überleben – die einzige Zuflucht vor der grausamen Realität in einer scheinbar komfortablen Umgebung.
Weder die vornehme Adresse noch das beträchtliche Einkommen des Vaters oder die distinguierte Herkunft beider Eltern schützten Gabriella vor einem Elend, das andere Leute nur in Albträumen erlebten. Für Gabriella bedeuteten die Eleganz der Mutter, die kostbaren Juwelen und die schönen Kleider in ihrem Schrank gar nichts, denn sie kannte die bitteren Widersprüche des Lebens besser als die meisten Menschen. Schon in früher Jugend hatte sie herausgefunden, was wesentlich war und was nicht. Am wichtigsten erschien ihr die Liebe. Und so dachte sie daran, träumte davon und schrieb Gedichte darüber. Immer noch priesen die Freunde der Eltern Gabriellas Schönheit, die blonden Locken, die großen blauen Augen. In der Schule wurde ihr untadeliges Benehmen gelobt. Sie bekam ausgezeichnete Noten.
Wenn die Lehrer auch beklagten, dass sie nur selten sprach und in der Klasse nur Fragen beantwortete, die direkt an sie gestellt wurden, war sie ihren Mitschülern weit voraus. Sie las sehr viel. So wie die eigene Schriftstellerei führten sie auch die Bücher in andere Welten, die Lichtjahre von ihrer eigenen entfernt lagen. Weil sie so gern las und schrieb, hatte die Mutter eine neue Methode gefunden, um die Tochter zu quälen – sie warf Gabriellas Bücher, die Bleistifte und das Papier weg. Sie merkte stets sehr schnell, was dem Kind wichtig war, und so versperrte sie gehässig ständig seine Fluchtwege. Aber wenn das geschah, versank Gabriella im Reich ihrer Gedanken und Träume. Wenigstens dort konnten die Eltern ihr nichts zu Leide tun. Aus unerklärlichen Gründen erkannte sie instinktiv, dass sie alles überleben würde. Fast täglich wurde sie von Eloise zur Hausarbeit gezwungen, musste den Küchenboden schrubben, Geschirr spülen und das Silber polieren.
Die Mutter behauptete, das Kind sei maßlos verwöhnt und deshalb verpflichtet, sich im Haushalt nützlich zu machen. Ihr eigenes Zimmer brachte Gabriella selbst in Ordnung, und sie kümmerte sich auch um das Wohl ihrer Eltern. Keine einzige Sekunde durfte sie untätig vergeuden, im Gegensatz zu anderen Kindern, die im Freien spielten oder Freunde einluden. Gabriellas Alltag war nichts weiter als ein Überlebenskampf. Während sie heranwuchs, änderten sich die Regeln, die sie befolgen musste, fast täglich, und sie entwickelte eine wahre Meisterschaft in der Kunst, die Drohungen der Mutter richtig zu deuten, deren jeweilige Stimmung zu erforschen und alles zu tun, um keine Wutanfälle heraufzubeschwören. Trotzdem wurde sie nach wie vor verprügelt. Aber jetzt hielt sie sich glücklicherweise länger in der Schule auf, und so konnte sie der Hölle ihres Heims wenigstens stundenweise entrinnen.
Unweigerlich waren die Sünden, die ihr jetzt angelastet wurden, viel schlimmer als die früheren. Sie vergaß ihre Hausaufgaben, verlor Kleidungsstücke oder zerbrach einen Teller, wenn sie das Geschirr spülte. Klug genug, um keine Entschuldigungen für ihre Fehlschläge anzuführen, nahm sie jede Strafe hin. In der Schule verbarg sie die Wundmale geschickt vor den Lehrern und den wenigen Kindern, mit denen sie spielte. Meistens verkroch sie sich in ihrem Schneckenhaus. Nach der Schule konnte sie ihre Klassenkameraden ohnehin nicht sehen. Ihre Mutter erlaubte ihr nicht, jemanden einzuladen. Schlimm genug, dass Gabriella alles im Haus demolierte. Dabei sollten ihr andere Kinder nicht auch noch helfen, betonte Eloise. Ein Kind ertragen zu müssen – das stieß bereits an die Grenzen ihrer Nervenkraft.
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