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Der Liebessalat - Roman

von: Joseph Westphalen

btb, 2002

ISBN: 9783894807573 , 408 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 8,99 EUR

Exemplaranzahl:


  • Kopfschuss
    Du gibst das Leben - Das sich wirklich lohnt
    Der Bankräuber - Die wahre Geschichte des Farzad R.
    Den Himmel gibt's echt - Die erstaunlichen Erlebnisse eines Jungen zwischen Leben und Tod
    Der Geschmack des Wassers - Der Hexenprozess von Dillenburg
    Zeit der Vergebung
    Hurentaten - Die Erlebnisse eines Wiener Mädchen
    Die Zehn Gebote - Mein Anspruch, meine Herausforderung
  • Mein Herz kennt die Antwort
    Bleib cool, Papa - Guter Rat für viel beschäftigte Väter
    Alle Romane: Der Fuchs im Hühnerstall, Mein Kamm, Der Glückspilz
    Six Sigma umsetzen - Die neue Qualitätsstrategie für Unternehmen
    Tinnitus
    Nur wenn du mich liebst - Roman
    Elfenkind - Ein Vampir auf der Suche nach der Wahrheit. Und ein Elfenkind, das den Schlüssel zu allem in sich trägt ...
    Alphavampir (Alpha Band 2) - Fortsetzung der Paranormal Romance um eine Gruppe Gestaltwandler
 

Mehr zum Inhalt

Der Liebessalat - Roman


 

Die Zugfahrt
Der Zug fuhr in vierzig Minuten, und Viktor stand noch unter der Dusche. Am späten Vormittag brauchte das Taxi zum Bahnhof eine Viertelstunde - wenn alles glatt ging. Wenn es nicht glatt ging, wenn der Verkehr kein rasches Fahren erlaubte - daran wollte Viktor lieber nicht denken. Man konnte nicht immer an das Schlimmste denken.
Viktor dachte nie an das Schlimmste. Er war nicht Ingenieur in einem Atomkraftwerk. Die müssen an das Schlimmste denken. Oder Flugzeugkonstrukteure. Nicht Viktor. Viktor lebte, solange er denken konnte, mit dem Gefühl: Es wird schon gutgehen. Und es ging gut. Kein Unglück bisher. Viktor war zweiundvierzig.
Die Frage war, ob es nicht hätte besser gehen können. Zweifellos. Viktor konnte sich manchmal eine glücklichere Ehe vorstellen. Manchmal aber erschien sie ihm auch ideal. Und er könnte erfolgreicher sein. Er hatte einen Beruf, in dem ein und dieselbe Leistung völlig verschieden honoriert wird. Viktor war Schriftsteller. Ein Jahr Arbeit konnte genügend Geld und genügend Ruhm, oder auch genügend Ruhm und zu wenig Geld, oder auch genügend Geld und zu wenig Ruhm, oder auch zu wenig Geld und zu wenig Ruhm einbringen.
Heute abend würde Viktor in Hannover lesen. Die Veranstalter rechneten mit hundertfünfzig Leuten. Es gab Autoren, zu deren Lesungen kamen zweitausend. Bei anderen fanden sich nur zwei Dutzend ein. Von wieder anderen wollte kein Mensch etwas wissen. Insofern ging es Viktor gut. Er konnte vom Schreiben leben, und zwar nicht schlecht.
Die Tür zum Bad öffnete sich. »Es ist kurz vor halb zehn, um zehn geht dein Zug. Du kriegst ihn nie mehr!« Das war Ellen, Viktors Frau.
»Ich kriege ihn!« rief Viktor. Es würde diesmal besonders knapp werden, aber er würde den Zug kriegen. Er mußte ihn kriegen. Es gab von Zürich aus keinen späteren Zug, mit dem man rechtzeitig in Hannover war. Ellen konnte sich nicht vorstellen, daß er zum Abtrocknen, Anziehen und Zusammenpacken nur wenige Minuten brauchte. Auch wenn er es schon Hunderte Male bewiesen hatte. Kein Salben, kein Föhnen, kein zögerndes Wählen, welches Hemd und welche Hose. Das war ihr als Frau unbegreiflich.
Rasieren allerdings war heute nicht mehr drin. Und die Fingernägel würde sich Viktor auch nicht mehr feilen können. Schade. Er hatte gern sorgfältig gefeilte Nägel, wenn er unterwegs war. Es gab Frauen, die einem auf die Hände schauten. Während der Bahnfahrt hätte er genug Zeit, aber im Zug konnte man sich nicht die Fingernägel feilen. Diese Souveränität besaß er nicht. Wobei man sich fragen konnte, ob das noch souverän war oder schon ekelhaft. Die Schuhe sahen stumpf aus, er hätte sie gern eingecremt und poliert. Auch daran war nicht mehr zu denken.
Susanne war schuld, daß er jetzt so elend spät dran war. Er hätte ihren Brief nicht öffnen sollen. Nein: er war selbst schuld! Man sollte keine Post öffnen, wenn man in Eile ist.
Ellen erschien kurz als Schatten hinter der Glastür. »Also, ICH fahr dich nicht!« rief sie unmißverständlich. Darum würde Viktor sie auch nicht bitten. Ihre Drohung war natürlich ein Angebot, ihn trotz seiner Unbelehrbarkeit, trotz seines selbstverschuldeten Spätdranseins zum Bahnhof zu fahren. Das würde ihr Viktor nie zumuten. Sie hatte besseres zu tun. Sie müßte längst in ihrem Büro sein.
»Vielleicht könntest du doch ein Taxi kommen lassen«, rief Viktor, stellte die Dusche aus und griff zum Handtuch. Ellen hatte seine Bitte nicht gehört, und Viktor fiel ein, daß sie einmal gesagt hatte, es sei keine Zumutung für sie, sie fahre ihn gern zum Bahnhof, da könne man wenigstens noch ein bißchen miteinander reden. Viktor fand diese Bemerkung damals etwas sehr pathetisch. Miteinander reden - das klang ungut nach Aussprache. Dann aber war ihm eingefallen, daß sie das klassische vielbeschäftigte Paar waren, das wenig Zeit füreinander hat. Zwanzig Minuten zusammen im Auto würden sie wieder etwas zusammenbringen. Ellen hatte wieder einmal recht. Sie hatte ihn dann gefahren - und es war tatsächlich angenehm gewesen. Viktor hatte sich widerspruchslos die Schulprobleme angehört, die der Sohn von Ellens Schwester hatte, und mit einigen Nachfragen seine Aufmerksamkeit bewiesen. »Was ist los?« hatte Ellen gefragt. »Ich will nie wieder hören, daß ich mich nicht für deine Familie interessiere«, war Viktors Antwort gewesen.
In den letzten Tagen hatten sie, wie so oft, »aneinander vorbeigelebt«, wie Ellen es mit ihrer zum Glück seltenen Neigung zum Dramatisieren ausdrückte. Wenn sie jetzt zwanzig Minuten miteinander im Auto säßen, könnte das nicht schaden. Er würde sich nach den Lernstörungen des Sohns von Ellens Schwester und nach den Kosten seiner Nachhilfestunden erkundigen. Viktor sah sich schon entspannt im Taxi sitzen und an Susanne denken, aber dazu würde er im Zug genug Zeit haben.
Er öffnete die Badezimmertür und rief in die große Wohnung: »Ellen! Bist du noch da?« Sie antwortete nicht, aber er hörte sie in der Küche. Er legte alle Reue, zu der er fähig war, in seine Stimme und flehte: »Wenn du mich doch zum Bahnhof fahren könntest, wäre das vielleicht meine Rettung!«
Er hörte Ellen fluchen: »Ich wußte es!« Sofort bereute er seine Bitte. Sie konnte es nicht gewußt haben. »Dann komm aber auch!« Wie ungnädig sie das sagte. Wieder bereute Viktor, schlüpfte in ein Hemd, griff ein paar Socken, zwei Hemden, das Nötigste. Er wählte eine kleine Reisetasche und verzichtete auf das Mitnehmen eines zweiten Paars Schuhe. Wenn man drei Tage unterwegs war, waren ein zweites Paar Schuhe und eine weitere Hose angenehm. Zu spät. Viktor gelobte klammheimlich Besserung: mehr Ordnung, mehr Vorbereitung, mehr Organisation.
Plötzlich stand Ellen neben ihm, jetzt plötzlich amüsiert und milde: »Kann ich dir helfen?«
»Ich werde mich bessern!« sagte Viktor. Als er die Floskel ausgesprochen hatte, meinte er sie plötzlich ein bißchen ernst: weniger Liebesgier, mehr Konzentration, weniger Susanne, mehr Ellen würden solche Aufbrüche friedlicher machen.
Es war Viktor nicht angenehm, daß Ellen Einblick in die offene Reisetasche hatte. Es war nicht verboten, neben seinem Mann zu stehen und ihm beim Packen zuzusehen. Etwas indiskret war es vielleicht, etwas taktlos. Oder war es eine kleine Rache? Da lag Susannes geöffneter Brief neben anderen geschlossenen Briefe. Es war nicht verboten, Fanpost zu bekommen und auf eine Reise mitzunehmen. Aber man mochte nicht dabei ertappt werden. Zur Besserung gehört vor allem, dachte Viktor, in Zukunft so rechtzeitig und in aller Ruhe zu packen, daß solche Situationen nicht mehr eintreten können. Einmal hatte Susanne Fesselungen erwogen, und Viktor war mit allerlei Riemchen gereist. Zum Glück waren diese Praktiken aufgegeben worden. Solche rätselhafte Ware im offenen Gepäck wäre ihm jetzt wirklich peinlich gewesen.
Ellen wußte, daß Viktor litt, weil sie neben ihm stand. Seit acht Jahren lebten sie zusammen. Sie wußte auch, daß er niemals sagen würde: »Was stehst du hier herum! Ich fühle mich kontrolliert!« Solche Sätze fand Viktor stillos. Und sie würde niemals sagen: »Du Chaot! Wie du packst, du Pfau! Beweihräucherungspost nimmst du mit, anstatt eine vernünftige Hose!«
Ellen genügte es zu wissen: Er weiß, daß ich das denke. Als der Alltag ihres Zusammenlebens begann, hatten sie sich eine Weile gegenseitig mit dergleichen Bemerkungen noch offen traktiert: »Steh nicht so da!« Dahinter stand der Seufzer: »Sei nicht so! Wärst du doch anders!« Als sie merkten, daß die klassischen Qualworte sie zermürbten, hatten Viktor und Ellen sie bleibenlassen. Auch damals hatte der Aufbruch zu einer kleinen Lesereise den Anstoß gegeben: »Nimm doch nicht den Pullover mit dem Loch mit!« Unerträglich, wie Ellen das gesagt hatte. Sie fand: ganz harmlos. Er fand: infam bevormundend. Viktor war laut geworden: »Raus! Du machst mich wahnsinnig!« Im Zug hatte er ihr dann geschrieben. »Laß uns nie wieder solche erbärmlichen Ausdrücke benutzen. Was mich betrifft, will ich sie in Zukunft unterdrücken und verdrängen. Ich bin für Verschwiegenheit. Man soll nicht alles sagen, was man denkt. Das ist gegen die Würde. Ich will nicht den Mist hören und sagen, der miesen Schauspielern in miesen Fernsehproduktionen aus dem Mund kommt. Das ist es, was kaputt macht!«
Diese Zeilen waren eine Art Ehevertrag geworden, an den sich beide fortan hielten. Es war einer der wenigen Briefe, die Viktor an Ellen geschrieben hatte. Er schrieb viele Briefe, lange Briefe, und manchmal bedauerte sie, keine Post von ihm zu bekommen, wenn er verreist war. Manchmal war sie eifersüchtig, wenn sie Viktor Briefe schreiben sah. Doch was sollte sie schon sagen. Sie hatte nicht alle seine Bücher gelesen, aber genug, um zu wissen, was er ihr antworten würde. Es gab genügend Ehefrauen in seinen Romanen, die sich bei ihren Männern beklagten: »Warum schreibst du mir keine Briefe mehr?« Ellen hatte es schwarz auf weiß in verschiedenen Versionen gelesen, was Viktor denken und nicht sagen würde, sollte sie das je fragen. »Was soll man sich schreiben«, würde er sagen, »wenn man zusammenlebt? Zusammenleben ist nicht romantisch. Die Sehnsucht ist beim Teufel. Sie sucht sich andere Ziele. Ich habe diese verfluchte Ehe nicht erfunden. Wir hätten nicht heiraten und zusammenziehen müssen. Vielleicht hätte ich dich dann ein Leben lang in vielen Briefen angeschmachtet. Wäre dir das lieber?« So sprachen die Männer klagender Frauen in Viktors Büchern.
Ellen hatte keine Lust auf Viktors Lebensweisheiten. Daher sagte sie nichts, was zu Grundsatzerklärungen führen könnte, sondern nur: »In fünf Minuten. Deinetwegen rase ich nicht. Ich will meinen Führerschein behalten.«
Den Ton mochte Viktor. Sachlich. Unsentimental. Schnippisch. Er küßte flüchtig Ellens Nacken. Plötzlich gefiel ihm ihr Rock. »Schon gut«, sagte sie und ließ ihn mit seiner offenen Reisetasche allein. Das Auto parkte zwei Straßen weiter. Sie würde hupen, wenn sie vor der Haustür stand. Viktor hatte noch genug Zeit, eine Nagelfeile aus seinem Arbeitszimmer zu holen. Sie lag auf dem Schreibtisch, weil er gern an seinen Nägeln herumfeilte, wenn er sich den Anfang eines neues Kapitels überlegte.
Ellen war schnell. Schon hörte er die Hupe. Viktor griff seine Tasche und blickt auf die Uhr. Auf einmal gab es reichlich Zeit. Selbst mit einem kleinen Stau würden sie es schaffen. Er würde sich am Bahnhof noch Zeitungen kaufen und den Brief an Susanne einstecken können. Es wäre ein bißchen dreist gewesen, Ellen darum zu bitten. Susanne würde ihn morgen bekommen. Wieder einmal war alles gut gegangen. Er freute sich auf die Reise, auf das Lesen im Zug, auf die Lesung am Abend. Er freute sich auf Susanne und darauf, daß er sie nicht schon heute abend in Hannover, sondern erst übermorgen in Köln treffen würde. Das wäre ihm nicht angenehm: von Ellen zum Bahnhof gefahren und einige Stunden später von Susanne am Bahnhof abgeholt zu werden. Das wäre geschmacklos. Jedenfalls in seinem Alter. Zwischen dreißig und vierzig war es erlaubt. Damals hatte Viktor nichts dabei gefunden, von einer Frau zur anderen zu taumeln. Jetzt mochte er das nicht mehr. Er empfand es als unanständig. Es hätte auch etwas Behindertes. Als müsse er ständig betreut werden. Ging man von einer Frau zur anderen, war eine Quarantäne angebracht. Susanne würde ihn übermorgen in Köln am Bahnhof abholen, und da war genau die richtige Zeit dazwischen. Damit das klappte, hatte er ihr noch rasch schreiben müssen: das Hotel, die Ankunftszeit des Zuges. Er hatte die Auskunft anrufen müssen. Das dauerte. Susanne lebte in Zürich. Sie mußte den Brief morgen haben. Deswegen mußte er heute noch in Zürich eingeworfen werden. Deswegen hatte er noch rasch geschrieben werden müssen. Deswegen war alles so spät geworden. Wenn Viktor den Brief im Zug geschrieben und in Hannover eingeworfen hätte, könnte ihn Susanne morgen nicht haben. Dann hätte es übermorgen in Köln mit Susanne nicht geklappt. Das aber wäre ein Jammer. Viktor wollte nicht bei Susanne anrufen. Es gab Kinder, es gab einen Mann, der nichts wußte und nichts wissen sollte. Bloß keine Dramen auslösen.
Heiter ging Viktor die bequeme Altbautreppe hinab. Als er zu Ellen ins Auto stieg, fand er sie rassig. Der Wagen war ein charakterloser kleiner Japaner, aber er stand ihr. Sie hörte Nachrichten und zwar konzentriert. Wie eine Agentin, die eine verschlüsselte Botschaft nicht verpassen darf, fand er. »Sei still«, sagte sie, obwohl er gar nichts gesagt hatte, und fuhr los.

Die Wohnung lag im dritten Stock. Sie war hell und groß genug. Seit etwa zwei Jahren wohnten Viktor und Ellen hier. Ellen war Anwältin. Der Job in Zürich gefiel ihr. Eine der Supermarktketten, die nicht nebenher das große Geld mit Waffengeschäften macht. Rechtsabteilung. Vorher hatten Ellen und Viktor in Frankfurt gelebt. Erst hatte sie vorgehabt zu pendeln und eine Wochenend-Ehe führen. »Das wird uns gut tun«, sagten sie beide, und zwar im selben Augenblick. Sie lachten über diese einmütig vorgebrachte Zweistimmigkeit und fanden, wer so gleich denkt, kann auch weiter zusammenwohnen. Als Viktor die Wohnung in Zürich sah, hatte er sofort Lust auf einen Umzug. Endlich genug Platz. Endlich zwei Arbeitszimmer. Hin und her gehen können wie Goethe. Vormittags Sonne hier. Nachmittags Sonne da. Solides Parkett. Angenehme Lage. Und vor allem: nicht mehr in Deutschland leben. Nicht ständig dieser Zwang, sein eigenes Land zu kritisieren. Seitdem Viktor in Zürich lebte, waren ihm die Machenschaften und das Gezeter der deutschen Politik erholsam einerlei. Der Dreck und das falsche Gold der Schweiz gingen ihn wenig an. Dem Gastland gegenüber war man milde. Er war ein luxuriöser Asylant. Er fühlte sich frei. Ab und zu kümmerte er sich um die Verlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung. Ein angenehmer Spaziergang zum »Amt für Migration«. Das war alles. Wenn er von Deutschland kommend bei Basel, Schaffhausen oder Konstanz in die Schweiz eintauchte, überkam ihn noch immer das Wohlgefühl, eine Verpflichtung los zu sein. Er genoß sein Schweizer Konto und die Währung: Rappen und Franken wie im Märchen.
Wien wäre Viktor, von seiner Architektur und Geschichte, der Sprache seiner Bewohner her als Wohnsitz noch lieber gewesen. Die österreichischen Laute hörte er lieber als die schweizerischen. Und Zürich hatte manchmal keinen Charakter. Dafür war es näher an Frankfurt. Viktor und Ellen hatten ihre Wohnung in Frankfurt nicht aufgegeben. Weniger, weil sie nicht wußten, wie sich Ellens Job bewähren würde, sondern weil sie keine Lust hatten, mit allem Hab und Gut umzuziehen. Als Viktor damals angefangen hatte, die Bücher in Kisten zu verpacken, war nach zwei Sechzehn-Stunden-Tagen erst eine Kiste gefüllt. Dreißig Kisten würden es werden. Das heißt, zwei Monate lang würde er sechzehn Stunden täglich zum Einpacken der Bücher brauchen. Oder vier Monate bei einem normalen Achtstundentag. »Du bist nicht normal!« hatte Ellen gesagt. Viktor hatte erklärt, daß er noch viel zu flüchtig arbeite, daß er eigentlich für das Verpacken jedes einzelnen Buches ein bis zwei Stunden Zeit bräuchte, ein Umzug sei die Chance, die Lesevergangenheit Revue passieren zu lassen, sich an die Umstände der Lektüre zu erinnern, die Bücher, die man einst mochte, zu überprüfen, sich über seinen Geschmack von einst zu wundern und wehmütig zu werden, noch wehmütiger zu werden bei dem Gedanken, wahrscheinlich keine Zeit mehr zu haben, Hamsuns Hunger und Dostojewskijs Dämonen und Stendhals Rot und Schwarz und fünfhundert andere einmal verschlungene Bücher jemals noch einmal zu lesen; zu verzweifeln bei der plötzlichen Erkenntnis, daß man vom Inhalt seiner Lieblingsbücher achtzig bis neunzig Prozent vergessen hat, noch heftiger zu verzweifeln darüber, wie viele der Bücher, die man besitzt, man nie gelesen hat. Man konnte sich aussuchen, was schlimmer war: das Unwissen oder die Vergeßlichkeit. Tausende von Büchern, Tausende von Beerdigungen. Keine Chance mehr auf eine Wiedergeburt. In Zürich würden sie wieder aus der Kiste kommen und in ein Regal, aber das wäre nur ein scheinbares Erwecken. Die Bücher blieben Leichen. Es waren zu viele. »Und ich trage bei zu diesem Wahnsinn!« Viktor, sonst eher robust, war am Boden zerstört. Wehmut, Schwermut, Unmut drückten ihn. Er griff sich an den Kopf. Diese Melancholie war nur auszuhalten, wenn man sie sofort aufschrieb. Dann war sie gebannt. So hielt Viktor, wie Hamlet den Totenkopf, jedes Buch vor sich hin, blätterte darin herum, stöhnte und notierte seine Einfälle. »Mein Stöhnen ist echt«, sagte er, als Ellen ihn bat, schneller zu packen und weniger affektierte Laute von sich zu geben. Er hatte selten Zeit für Weltschmerz und fand, wenn er ihn überkomme, müsse er die trübe Stimmung literarisch nützen. Er legte ein Melancholie-Heft an, um später daraus zu schöpfen, wenn er in guter Laune eine Passage mit verdrießlichen Gedanken brauchte. Mit den Schallplatten und CDs würde dasselbe bevorstehen. Da hatte Viktor aufgegeben.