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Nie sollst du vergessen

Nie sollst du vergessen

von: Elizabeth George

PeP eBooks, 2002

ISBN: 9783894807207, 830 Seiten

Format: ePUB, PDF

Mac OSX,Windows PC,Mac OSX,Windows PC Bookeen Cybook Orizon,Ectaco Lite,Odys Media Book Scala,Aluratek Libre,eLyricon EBX-500.TFT,PocketBook 302,IREX Digital Reader,FlatReader,BeBook 'One',iRiver Story,Sony Reader PRS-3xx,Bookeen CyBook Opus,Hanvon/Hexaglot N518,PocketBook 301+,COOL-ER eReader,Inves-Book 600,eLyricon EBX-600.E-Ink, Bookeen CyBook Gen3 ab Rev: 1.9,Italica Reader,Sony Reader PRS-505, -6xx, -7xx,Pocketbook 360,Hanvon N516 Weltbild Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 8,99 EUR

Ersparnis: 0,96 EUR

  • Infam
    Die großen Polit-Skandale
    Verschollen
    In Flammen
    Die Chirurgin
    Rom kann sehr heiß sein
    Die Königin von Theben
    Schlangenlinien
  • Verdammt starke Liebe
    Das Buch der Toten
    Fuchsjagd
    Russendisko
    Wen die Götter strafen
    Militärmusik
    Der Nachbar
    Der siebte Tag
 

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Nie sollst du vergessen


 

Maida Vale London


Dicke sind toll. Dicke sind toll. Dicke sind toll, toll, toll.


Katie Waddington begleitete ihren schwerfälligen Schritt mit dem gewohnten
Mantra, während sie den Bürgersteig entlang zu ihrem Wagen ging. Sie
sprach die Worte nicht laut, sondern sagte sie sich in Gedanken vor,
weniger deshalb, weil sie allein war und fürchtete, für verrückt gehalten
zu werden, sondern vor allem, weil lautes Sprechen ihre strapazierte
Lunge zusätzlich angestrengt hätte. Und die hatte schon Mühe genug,
durchzuhalten. Genau wie ihr Herz, das, ihrem stets dozierenden Hausarzt
zufolge, nicht dazu geschaffen war, Blut durch Arterien zu pumpen,
die durch Fettablagerungen stetig enger wurden.


Wenn er sie betrachtete, sah er Fettwülste; Brüste, die wie Säcke von
ihren Schultern herabhingen; statt eines Bauchs schlaff wabbelnde
Massen, die ihre Scham verdeckten; von Cellulite gewellte Haut. Sie
schleppte so viel Fett mit sich herum, dass sie ein ganzes Jahr von
ihren Reserven hätte zehren können, ohne einen Bissen zu essen, und
wenn dem Arzt zu glauben war, begann das Fett, die lebenswichtigen
Organe anzugreifen. Wenn sie nicht bald anfinge, sich bei Tisch zu
bremsen, erklärte er bei jedem ihrer Besuche, würde sie nicht mehr
lange leben.


»Herzversagen oder ein Schlaganfall, Kathleen«, pflegte er kopfschüttelnd
zu sagen. »Sie können es sich aussuchen. Bei Ihrem Zustand müssen
Sie unbedingt etwas tun, und dazu gehört vor allem, dass Sie sich
nicht ständig Essen in den Mund schieben, das sich sofort in Fettgewebe
verwandelt. Verstehen Sie?«


Natürlich, wie sollte sie nicht verstehen? Es war schließlich ihr Körper,
über den sie hier sprachen, und man konnte nicht aussehen wie ein
Nilpferd im Schneiderkostüm, ohne das gelegentlich zu bemerken, wenn
man an einem Spiegel vorüberkam.


Tatsache war jedoch, dass der Arzt der Einzige in Katies Bekannten-
und Familienkreis war, dem es schwer fiel, sie als die Dicke zu akzeptieren,
die sie schon seit ihrer Kindheit war. Und da die Menschen, die für
sie zählten, sie so nahmen, wie sie war, trieb nichts sie an, den
vom Arzt immer wieder empfohlenen Kampf gegen die achtzig Kilo Übergewicht
aufzunehmen.


Wenn je Zweifel sie plagten, ob sie in einer Gesellschaft, in der die
Körper immer glatter, straffer und durchtrainierter wurden, einen
Platz hatte, so wurden diese gewöhnlich von ihren Eros-Action-Gruppen,
die montags, mittwochs und freitags von neunzehn bis zweiundzwanzig
Uhr zusammenzukommen pflegten, umgehend beseitigt. In diesen Gruppen
versammelte sich die sexuell gestörte Bevölkerung Groß-Londons auf
der Suche nach Trost und Problemlösungen. Unter der Leitung von Katie
Waddington - die sich das Studium der menschlichen Sexualität zur
Leidenschaft gemacht hatte - wurde die Libido der Gruppenteilnehmer
unter die Lupe genommen; Erotomanie und -phobie wurden seziert; Frigidität,
Nymphomanie, Satyriasis, Transvestismus und Fetischismus gebeichtet;
erotische Fantasien gefördert; die sinnliche Vorstellungskraft stimuliert.


Ihre Klienten überschütteten sie mit Dankbarkeit. »Du hast unsere Ehe
gerettet«, hieß es häufig, oder: »mein Leben«, »meinen Verstand«,
»meine Karriere«.


Sex ist Kommerz, lautete Katies Motto, und zum Beweis der Richtigkeit
ihrer These konnte sie beinahe zwanzig Jahre Erfahrung mit etwa sechstausend
zufriedenen Klienten und eine lange Warteliste vorweisen.


Kein Wunder, dass sie an diesem Abend nach der Gruppe recht beschwingt
zu ihrem Wagen ging, nicht gerade ekstatisch, aber doch sehr zufrieden
mit sich. Sie selbst hatte zwar noch nie einen Orgasmus gehabt, aber
das brauchte ja niemand zu wissen; Hauptsache, es gelang ihr, anderen
zu diesem Glückserlebnis zu verhelfen. Denn die Leute wollten doch
alle das Gleiche: sexuelle Befriedigung auf Kommando und ohne Schuldgefühle.




Und wer zeigte ihnen den Weg dorthin? Eine Dicke.


Wer befreite sie von der Scham über ihre Lust? Eine Dicke.


Wer zeigte ihnen die Tricks von der Stimulation der erogenen Zonen
bis zum Simulieren von Leidenschaft, um Leidenschaft neu anzufachen?
Eine unförmige Dicke aus Canterbury.


Das war wichtiger, als Kalorien zu zählen. Wenn Katie Waddington dazu
bestimmt war, als Dicke zu sterben, dann würde sie eben als Dicke
sterben.


Es war ein kühler Abend, genauso, wie sie es mochte. Nach einem glühenden
Sommer war endlich der Herbst in die Stadt eingezogen, und während
sie sich mit ihrem watschelnden Gang durch die Dunkelheit bewegte,
dachte sie wie stets an diesen Abenden an die Glanzpunkte der vergangenen
Gruppensitzung zurück.


Tränen, ja, Tränen gab es immer, ebenso Händeringen, schamhaftes Erröten,
Stottern und Schwitzen. Aber es gab auch jedes Mal einen besonderen
Moment, einen Moment des Durchbruchs, der es wert war, sich stundenlang
immer wieder dieselben alten Geschichten anzuhören.


Heute Abend hatten ihr Felix und Dolores (Nachnamen taten nichts zur
Sache) diesen Moment beschert. Sie waren in die Gruppe gekommen, weil
sie, wie sie es ausgedrückt hatten, »den Zauber« in ihrer Ehe wieder
finden wollten, nachdem jeder von ihnen zwei Jahre - und zwanzigtausend
Pfund - darauf verwendet hatte, seine ganz persönlichen sexuellen
Bedürfnisse zu erforschen. Felix hatte längst eingestanden, dass er
die Befriedigung außerhalb der Ehe suchte, und Dolores hatte bekannt,
dass sie ihren Vibrator und ein Bild Laurence Oliviers als Heathcliff
weit erregender fand als die Umarmungen ihres Ehemanns. An diesem
Abend jedoch waren Felix' laute Überlegungen darüber, warum der Anblick
von Dolores' nacktem Gesäß Gedanken an seine alte Mutter weckte, drei
älteren Frauen in der Gruppe zu viel geworden. Sie hatten ihn so heftig
angegriffen, dass Dolores selbst leidenschaftlich für ihn in die Bresche
gesprungen war und mit ihren selbstlosen Tränen allem Anschein nach
seine Aversion gegen ihren Hintern fortgespült hatte. Die beiden waren
sich in die Arme gesunken und hatten nicht mehr voneinander gelassen
bis zum Ende der Sitzung, als sie in schöner Einmütigkeit gejubelt
hatten: »Du hast unsere Ehe gerettet!«


Katie war sich bewusst, dass sie nicht mehr getan hatte, als ihnen
ein Forum zu bieten. Aber es gab eben genügend Leute, die gar nicht
mehr wollten als eine Gelegenheit, sich selbst oder ihren Partner
in der Öffentlichkeit zu demütigen und so eine Situation zu schaffen,
die es dem Partner letztlich ermöglichte, zu retten oder gerettet
zu werden.


Das Geschäft mit den sexuellen Nöten der Briten war eine echte Goldgrube.
Katie fand es ausgesprochen clever von sich, dass sie auf diese Marktlücke
gestoßen war.


Sie gähnte herzhaft und bemerkte dabei das laute Knurren ihres Magens.
Nach einem Tag und einem Abend harter Arbeit hatte sie ein üppiges
Mahl und danach ein paar Stunden Faulenzen vor dem Fernsehgerät als
Belohnung redlich verdient. Die alten Filme mit ihrer romantischen
Schönfärberei waren ihr die liebsten. Eine Abblende im entscheidenden
Moment wirkte auf sie weit erregender als Nahaufnahmen gewisser Körperteile
und ein Soundtrack, der nur aus Keuchen und Stöhnen bestand. Heute
Abend würde sie sich Es geschah in einer Nacht gönnen: Clark und Claudette
und die prickelnde Spannung zwischen den beiden.


Das ist genau das, was in den meisten Beziehungen fehlt, dachte sie
bestimmt zum tausendsten Mal in diesem Monat. Die erotische Spannung.
Zwischen Männern und Frauen bleibt nichts mehr der Fantasie überlassen.
Wir leben in einer Welt, die alles weiß, alles sagt und alles fotografiert;
in der es keine Erwartungsfreude und keine Geheimnisse mehr gibt.


Aber darüber durfte sie sich am allerwenigsten beklagen. An diesem
Zustand der Welt verdiente sie; und mochte sie noch so dick sein,
die Leute dachten nicht daran, sich über sie lustig zu machen, wenn
sie sahen, in welchem Haus sie lebte, welche Kleider sie trug, welchen
Schmuck sie sich kaufte, welches Auto sie fuhr.


Das besagte Auto stand gleich drüben auf der anderen Straßenseite,
auf einem Privatparkplatz um die Ecke der Klinik, in der sie ihre
Tage verbrachte. Sie war sich, als sie am Bordstein stehen blieb,
bewusst, dass sie schwerer atmete als gewöhnlich. Mit einer Hand stützte
sie sich an einen Laternenpfahl, während ihr Herz sich pflichtschuldig
abrackerte.


Vielleicht sollte sie doch einmal über die Diät nachdenken, die der
Arzt ihr vorgeschlagen hatte. Aber sogleich verwarf sie den Gedanken
wieder. Was blieb denn noch vom Leben, wenn man sich jeden Genuss
versagte?


Ein leichter Wind kam auf. Er blies ihr das Haar aus dem Gesicht und
kühlte ihren Nacken. Nur einen Moment verschnaufen. Sobald sie wieder
zu Atem gekommen war, würde sie topfit sein wie immer.


Sie horchte in die Stille, die sie umgab. Das Viertel hier war teils
Wohn-, teils Gewerbegebiet, die meisten Geschäfte waren längst geschlossen,
und vor den Fenstern der Wohnungen in den Mietshäusern waren die Jalousien
heruntergelassen.


Merkwürdig, dachte sie. Ihr war nie aufgefallen, wie still und leer
die Straßen hier nach Einbruch der Dunkelheit waren. Sie sah sich
um. In so einer Gegend konnte alles geschehen - Gutes oder Böses -,
und Zeugen gäbe es hier sicher nur zufällig.


Sie fröstelte. Besser nicht hier herumstehen.


Sie trat vom Bürgersteig auf die Fahrbahn und schickte sich an, sie
zu überqueren.


Das Auto am Ende der Straße nahm sie erst wahr, als seine Scheinwerfer
aufflammten und sie blendeten. Donnernd wie ein galoppierender Stier
raste es auf sie zu.


Sie wollte laufen, aber der Wagen war schon da. Sie war zu dick, um
ihm auszuweichen.


Gideon


16. August


Zunächst einmal möchte ich ausdrücklich sagen, dass ich dieses Unternehmen
für reine Zeitverschwendung halte, und gerade Zeit habe ich, wie ich
Ihnen gestern zu erklären versuchte, überhaupt keine übrig. Wenn Sie
von mir Vertrauen in diese Prozedur erwarten, hätten Sie mir vielleicht
kurz erläutern sollen, auf welche Grundlagen und Erfahrungswerte Sie
sich bei Ihrer so genannten »Behandlung« stützen. Wieso spielt es
eine Rolle, welches Papier ich benutze? Oder welches Heft. Welchen
Füller oder Stift. Und wieso ist es von Bedeutung, wo ich dieser unsinnigen
Schreiberei nachgehe, die Sie mir aufgebürdet haben? Genügt Ihnen
nicht die schlichte Tatsache, dass ich dem Experiment zugestimmt habe?


Nein, lassen Sie nur. Sie brauchen nicht zu antworten. Ich weiß bereits,
wie Ihre Antwort ausfallen würde: Woher kommt diese Wut, Gideon? Was
verbirgt sich darunter? Woran erinnern Sie sich?


An nichts. Verstehen Sie denn nicht? Ich erinnere mich an gar nichts.
Darum bin ich ja hier.


An nichts?, sagen Sie. An gar nichts? Ist das wirklich wahr? Immerhin
erinnern Sie sich Ihres Namens. Und ganz offensichtlich kennen Sie
auch Ihren Vater und wissen, wo Sie wohnen und womit Sie sich Ihren
Lebensunterhalt verdienen. Und Sie kennen Ihre nächsten Bezugspersonen.
Wenn Sie also »nichts« antworten, so wollen Sie mir damit wohl sagen,
dass Sie sich -


- dass ich mich an nichts erinnere, was mir wichtig ist. Gut. Ich spreche
es aus. Ich erinnere mich an nichts, was für mich von Bedeutung ist.
Wollen Sie das hören? Und wollen wir beide uns nun mit dem hässlichen
kleinen Charakterzug beschäftigen, den ich mit dieser Erklärung offenbare?


Aber anstatt mir diese beiden Fragen zu beantworten, erklären Sie mir,
dass wir zunächst einmal alles aufschreiben werden, woran wir uns
erinnern - ob es nun von Bedeutung ist oder nicht. Nur - wenn Sie
»wir« sagen, meinen Sie in Wirklichkeit, dass ich zunächst einmal
schreiben werde; und ich werde natürlich schreiben, woran ich mich
erinnere. Denn, wie Sie es in Ihrem neutralen und unangreifbaren Psychiaterton
so kurz und prägnant ausdrückten: »Unsere Erinnerungen sind häufig
der Schlüssel zu dem, was wir einmal vorzogen zu vergessen.«


Ich denke, das Wort »vorziehen« haben Sie ganz bewusst gebraucht. Sie
wollten mich zu einer Reaktion herausfordern. Ich sollte mir wohl
denken, na, der werde ich's zeigen. Dieser Person werde ich zeigen,
woran ich mich erinnern kann.


Wie alt sind Sie überhaupt, Dr. Rose? Sie sagen dreißig, aber das glaube
ich Ihnen nicht. Sie sind nicht einmal so alt wie ich, vermute ich,
und was schlimmer ist, Sie sehen aus wie eine Zwölfjährige. Wie soll
ich zu Ihnen Vertrauen haben? Glauben Sie im Ernst, Sie könnten Ihren
Vater ersetzen? Denn zu ihm wollte ich eigentlich. Sagte ich Ihnen
das bei unserem ersten Zusammentreffen? Wohl eher nicht. Ich hatte
zu viel Mitleid mit Ihnen. Der einzige Grund übrigens, warum ich zu
bleiben beschloss, als ich in die Praxis kam und Sie an seiner Stelle
sah: Sie wirkten so rührend, wie Sie da saßen, ganz in Schwarz, als
meinten Sie, dadurch könnten Sie den Eindruck erwecken, kompetent
genug zu sein, um mit den seelischen Krisen anderer Menschen umzugehen.


Seelisch? Sie jagen diesem Wort hinterher, als wäre es ein anfahrender
Zug. Sie haben also beschlossen, den Befund des Neurologen zu akzeptieren?
Sie sind damit zufrieden? Sie brauchen keine weiteren Untersuchungen,
um sich überzeugen zu lassen?


Das ist sehr gut, Gideon. Das ist ein großer Schritt vorwärts. Es wird
unsere Zusammenarbeit erleichtern, wenn Sie - so schwer es auch fällt
- zu akzeptieren bereit sind, dass es für das, was Sie gegenwärtig
durchmachen, keine physiologische Erklärung gibt.


Es ist angenehm, Ihnen zuzuhören, Dr. Rose. Eine Stimme wie Samt. Ich
hätte gleich, als Sie das erste Mal den Mund aufmachten, kehrtmachen
und wieder gehen sollen. Ich tat es nicht, weil Sie mich mit diesem
Quatsch, dieser Bemerkung: »Ich trage Schwarz, weil mein Mann vor
kurzem gestorben ist«, sehr geschickt manipulierten und zu bleiben
bewogen. Sie legten es darauf an, mein Mitgefühl zu wecken, nicht
wahr? Stellen Sie eine Verbindung zu dem Patienten her, hat man Sie
gelehrt. Gewinnen Sie sein Vertrauen, damit er beeinflussbar ist.


Wo ist Dr. Rose?, frage ich beim Eintritt in das Sprechzimmer.


Sie sagen: Ich bin Dr. Rose. Dr. Alison Rose. Vielleicht haben Sie
meinen Vater erwartet? Er hat vor acht Monaten einen Schlaganfall
erlitten und befindet sich jetzt in der Rekonvaleszenz, aber es wird
noch eine Weile dauern, bevor er wieder hergestellt ist, darum kann
er im Moment keine Patienten sehen. Ich habe seine Praxis übernommen.


Und Sie plaudern munter drauflos: Wie es zu Ihrer Rückkehr nach London
kam; wie sehr Sie Boston vermissen; dass es dennoch so das Beste sei,
weil die Erinnerungen dort zu schmerzlich gewesen seien. Die Erinnerungen
an ihn, Ihren Ehemann. Sie gehen sogar so weit, seinen Namen zu nennen:
Tim Freeman. Und seine Krankheit: Darmkrebs. Und Sie sagen mir, welches
Alter er hatte, als er starb: siebenunddreißig Jahre. Sie berichten,
dass Sie den Gedanken an Kinder zunächst auf Eis gelegt hatten, weil
Sie bei Ihrer Heirat noch studierten, und dass später, als es Zeit
wurde, an Nachwuchs zu denken, für ein Kind kein Platz mehr war, da
Sie beide, er und Sie, um sein Leben kämpften.


Sie taten mir Leid, Dr. Rose, und darum blieb ich. Das Resultat ist,
dass ich jetzt hier an meinem Fenster mit Blick auf den Chalcot Square
sitze und schreibe. Ich schreibe, wie Sie mir geraten haben, mit Kugelschreiber,
damit ich nicht radieren kann. Ich schreibe in ein Ringbuch, damit
ich jederzeit Ergänzungen einschieben kann, sollte mir wunderbarerweise
irgendwann später etwas Entscheidendes einfallen. Nur das, was ich
tun sollte, was die ganze Welt von mir erwartet, das tue ich nicht:
nämlich Seite an Seite mit Raphael Robson dieses infernalische, allgegenwärtige
Nichts zwischen den Tönen aufheben.


Raphael Robson?, höre ich Sie fragen. Erzählen Sie mir von Raphael
Robson.


Ich habe heute Morgen meinen Kaffee mit Milch getrunken, und dafür
bezahle ich jetzt, Dr. Rose. Mein Magen brennt wie Feuer, und die
Flammen kriechen in meine Eingeweide. Eigentlich steigt Feuer ja auf,
aber nicht das Feuer in meinem Inneren. Da geschieht genau das Gegenteil,
und die Schmerzen sind immer die gleichen. Gemeine Blähungen, teilt
mir mein Arzt in einem Ton mit, als gäbe er mir den medizinischen
Segen. Dieser Scharlatan! Ein viertklassiger Kurpfuscher ist er. In
meinen Eingeweiden wuchert etwas Böses, das mich von innen auffrisst,
und er spricht von Winden.


Erzählen Sie mir etwas von Raphael Robson, wiederholen Sie.


Warum?, frage ich. Warum soll ich von Raphael erzählen?


Weil er ein Anfang ist. Ihr Unterbewusstsein liefert Ihnen einen Anfang,
Gideon. So läuft dieser Prozess.


Aber Raphael ist nicht der Anfang, widerspreche ich. Der Anfang liegt
fünfundzwanzig Jahre zurück in einem Peabody-Haus, einem Seniorenstift,
am Kensington Square.


17. August


Dort lebte ich damals. Nicht in einem der Peabody-Häuser, sondern im
Haus meiner Großeltern auf der Südseite des Platzes. Die Peabody-Häuser
sind schon lange verschwunden. Bei meinem letzten Besuch in der Gegend
fand ich an ihrer Stelle zwei Restaurants und eine Boutique. Aber
ich erinnere mich gut an diese Häuser, und ich erinnere mich auch,
wie geschickt mein Vater sie einflocht, als er die Gideon-Legende
spann.