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Bäume
Mein Großvater
Mein erster Lehrmeister in der Kunst der Holzbearbeitung war mein Großvater väterlicherseits. Er war 1879 geboren und trug seinen Schnurrbart immer wie der österreichische Kaiser Franz Joseph. In seiner Jugend war er beim ersten Radrennen von Mailand nach San Remo mitgefahren, aber er war kein professioneller Radsportler: Er war fliegender Händler von Beruf und reiste in der Gegend herum, um die von ihm geschnitzten Gegenstände in den Dörfern zu verkaufen. Von Erto bis Mailand kam er mit seinem unverwüstlichen Fahrrad, das er vorne und hinten mit einem Gepäckträger ausgerüstet hatte. Darauf transportierte er in großen Kästen die Holzwaren, die er verkaufen wollte. Er war also gut trainiert und schaffte es, das Rennen bis zum Ende zu fahren. Allerdings hat er mir nie erzählt, auf welchem Platz er dabei landete. Vielleicht hatte er es vergessen.
Sobald der Kuckuck im Frühling zu rufen anfing, ging er auf Marktfahrt und kehrte zurück, wenn die Blätter fielen. Er verpackte die Ware in Säcke und schickte sie mit dem Zug von Longarone ab. Sein Warenlager hatte er bei einer Familie in Gallarate. Während der langen, stillen Wintertage schnitzte er, was er im nächsten Jahr verkaufen wollte: Löffel, Gabeln, Siebe, Backschaufeln, Kochlöffel und Schüsseln. Und ich prägte mir seine Bewegungen ein, während ein großes Feuer das Haus erwärmte, das voller Holz war. An der Kaminkette über dem Feuer hing ständig ein Topf mit Bohnen.
Mein Großvater verstand die Bäume besser als jeder Botaniker. Natürlich kannte er ihre lateinischen Namen nicht, aber mit ihrem Wesen war er innig vertraut. Jedes Gewächs hat sein eigenes Temperament, sagte er, und reagiert anders auf den Menschen, der es berührt. Es gibt sanftes Holz, trauriges, nachtragendes, standhaftes, selbstsüchtiges - gerade so wie bei den Menschen. Er wusste dies und gab sein Wissen Schritt um Schritt an mich weiter, voller Ruhe und Weisheit.
Ich lernte, dass die Zähne am Rechen aus Hainbuche gemacht werden. Die Hainbuche ist dickköpfig und setzt dem Zahn der Zeit ihr hartes Holz entgegen. Der Stiel hingegen wird aus jungem Pinienholz gemacht, das sanft und weich ist, sodass die Hand keine Blasen bekommt. An allen anderen Hölzern schält sich die Haut, vor allem an der Akazie. Doch mir kam es schnell überflüssig vor, sich um den Stiel des Rechens zu sorgen: Ich hatte nämlich entdeckt, dass man von der Arbeit Hornhaut bekommt, die vor den Verletzungen schützt.
Der Zapfhahn seinerseits muss aus dem Stamm des Goldregens sein, da dieser - im Gegensatz zum Menschen - sich auf Jahre hinaus vom Wein nicht verbiegen lässt.
Aus der Zirbelkiefer wiederum schnitzt man Anrichten. Wenn ihr Holz nicht völlig unnötig unter Lack erstickt wird, erfüllt ihr Duft für immer das ganze Haus.
Der Ahorn ist ideal für die großen Polentalöffel. Sein weißes, sauberes Holz zeigt sich edel und achtet die Nahrung. Es ist allerdings auch ziemlich eigenwillig und amüsiert sich köstlich, wenn wieder ein Schnitzeisen an ihm schartig wird.
Die Eibe ist ein Baum voller Hochmut und Selbstsucht. Ihr stahlhartes Holz widersteht dem Eisen mit kaltem Lächeln. Blutrot ist ihre Farbe, kräftig geflämmt. Eine niedere Stellung lehnt dieses Holz schlichtweg ab, es will zum Kunstwerk werden. Die Drechsler machten daraus Haspeln zum Spinnen der Wolle.
Der Schaft einer Axt schließlich sollte aus Buchenholz sein, da dieses Holz in der Länge wunderbar elastisch ist und nicht leicht bricht. Ebenfalls aus Buchenholz sind Schüsseln und Löffel. Es muss verarbeitet werden, solange es noch frisch ist, denn es hat einen ausgesprochen verschlagenen Charakter: Es erträgt es nicht, dass die Zeit vergeht, und je älter es ist, umso mehr verschließt es sich und lässt sich nicht mehr bearbeiten. Es gibt auch traurige Fasern, die weinen, sobald man sie berührt. Dazu gehören zum Beispiel die Binsen oder der wilde Wein. Aus ihnen flocht man die Wiegenkörbe der Neugeborenen. Vielleicht weil das Leben selbst ein Tal der Tränen ist.
Zum Bearbeiten nimmt man nur das erste Stück des Stammes, jenes, das direkt aus der Erde kommt, nie mehr als anderthalb Meter in der Höhe.
Ich war noch ein Kind, als ich all diese Geheimnisse von dem hoch gewachsenen, schweigsamen Alten lernte. Ich könnte noch stundenlang von der Seele der Pflanzen und Bäume erzählen. Später, als ich Bildhauer wurde, nützte mir dieses Wissen ungeheuer viel. Augusto Murer, der meine ersten Versuche begleitete, sagte mir immer wieder, dass mein Wissen über das Holz seine Bewunderung errege. Per Anhalter machte ich mich damals auf die Reise zu seinem Atelier und entlockte ihm die Geheimnisse seiner Kunst. Zehn Jahre lang, von 1975 bis 1985, dem Jahr, in dem er starb, nahm ich alles von ihm, was er gab.
Mein Großvater liebte den Wald und alles, was er uns schenkt. Er ernährte seine Familie von den Gaben des Waldes, auf die er sich vertrauensvoll verließ. Immer hat er dabei die Natur mit großem Respekt behandelt. Im Frühjahr nahm er mich zum Pfropfen der Obstbäume mit. Während dieser Operation musste ich ein bestimmtes Ritual ausführen: Er schnitt mit dem Pfropfmesser den Stamm ein, um dort den neuen Trieb einzupflanzen. Ich hingegen hielt mit den Händen die Mutterpflanze umfasst, damit diese sich beschützt fühlte.
»Wenn ich den Schnitt ansetze«, so erklärte er mir, »tut ihr das weh, und sie wird nervös. Deine Hände helfen ihr, ihre Furcht zu überwinden.«
Er sprach mit solcher Überzeugung, dass mich manchmal die Angst überfiel, er könnte vielleicht verrückt sein. Dasselbe Gefühl habe ich heute gelegentlich, wenn ich bestimmten Naturschützern zuhöre.
Wenn ich im Wald arbeite, umfasse ich heute noch gern die Baumrinde mit Händen.
Auch das Wasser hatte für meinen Großvater eine besondere Bedeutung. Es stimmt nämlich nicht, dass Wasser keinen Geruch und Geschmack hat: Ich habe von ihm gelernt, beides wahrzunehmen. Das Wasser des Valdenere, eines mächtigen Wildbachs, nannte er »roh«. In seine Quelle legten wir die Nussbaumstöcke zum Wässern, da sie danach leichter in Späne geschnitten werden konnten, und für Tragekörbe brauchte man Späne, lange, schmale Streifen aus Holz. Dieses Wasser machte das Holz weicher als jedes andere.
Wenn wir zu den Fontanelle-Almen hinaufstiegen, um dort das Gras zu mähen, tranken wir aus einer kleinen Quelle, die zwischen Mooskissen entsprang. Sie floss ohne jedes Geräusch dahin, wie Öl. Dieses Wasser war süß.
»Spürst du, wie süß es schmeckt?«, fragte er mich jedes Mal.
Das Wasser der Cogarìa auf dem Buscada-Gipfel empfand er als bitter. Es war sehr kalt.
»Das ist gut für die Verdauung«, meinte er.
Das Wasser aus Settefontane hingegen war ein Heilwasser. Ihm zufolge half es gegen die Folgen des Rausches. Und er hatte die Hilfe dieser Quelle des Öfteren nötig. Im Rodisegre-Tal hingegen gab es ein weißliches Wasser, mit dem man Umschläge bei Verstauchungen machte.
Mein Großvater verstand es, allen einfachen Dingen Leben einzuhauchen. So sagte er von einem Felsen, er habe ein hartes oder weiches Wesen. Ein Felsen mit weichem Wesen - das hört sich komisch an. Aber als wir die Stützmauern bauten, welche die Erde auf den steilen Hängen fest halten, sprach er von den Steinen mit solchen Worten.
Er war einfach so. Während der Arbeit redete er kein Wort. Er war gläubig, doch die Feiertage waren ihm gleichgültig. Ostern, Weihnachten - für ihn war das mehr oder weniger dasselbe. Er beugte sich über die festliche Tafel, kaute seinen Toscano-Tabak und brummte etwas Unverständliches. Die Axt konnte er sowohl mit der Rechten als auch mit der Linken führen.
Er brachte mir schon früh bei, wie man aus Holz Gebrauchsgegenstände schnitzt, aber mir genügte das nicht. Mich reizte von Anfang an die Gestalt des Menschen. Auf die gebogene Außenseite des Löffels ritzte ich mit dem Hohleisen Nasen, Münder und Ohren, sodass der Löffel aussah wie ein Gesicht. Er lächelte und bewahrte meine frühen Skulpturen auf. Anfangs brachte er mir bei, wie ich mit der manera, der großen Holzfälleraxt, umzugehen hatte, damit ich nicht etwa einen Finger auf dem Hackklotz ließ. Er wurde niemals wütend, wenn er etwas erklärte. Ich erinnere mich gern an sein gütiges, beinahe unschuldiges Gesicht.
Die Zeit verging, und das Zeitalter des Plastiks brach an. Es war im Jahr 1962, als der Kopf meines Großvaters nicht mehr recht funktionieren wollte. Arteriosklerose, hieß es. Damals waren wir drei Brüder schon weitgehend uns selbst überlassen. Zusammen mit ihm und der Großmutter schlugen wir uns so durch. Eine merkwürdige, taubstumme Tante, die unverheiratet geblieben war, wusch und betete für uns alle. Solange mein Großvater lebte, gab es in unserem alten Haus in Erto immer ein paar Haufen voller Hobelspäne, in die wir uns zum Schlafen verkrochen.
Eines Tages in diesem Jahr 1962 - es war der Tag vor dem Fest von San Bartolomeo, dem Schutzheiligen des Dorfes - machte mein Großvater sich mit einem großen Rucksack auf den Schultern auf nach Longarone. Er wollte ein paar Lire für den Festtag verdienen. Vielleicht hatte ich damals eine Art Vorahnung. Jedenfalls lief ich ihm bis zur Kurve von Spesse nach und zog ihn an der Jacke, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Damals hat er mich zum ersten Mal schlecht behandelt: Seine Krankheit hatte ihn böse gemacht. Er versetzte mir einen Stoß und setzte seinen Weg fort.
Mein Blick folgte ihm. Er schritt unbeirrt und fest entschlossen aus.
Am darauf folgenden Tag warteten wir auf ihn. Das Patronatsfest hatte schon begonnen. Es war August. Jemand hatte uns eine Wassermelone geschenkt, und wir wollten sie nicht ohne ihn aufschneiden. Statt seiner kamen die Carabinieri und teilten uns mit, dass er tot war. In Belluno hatte ihn ein Auto überfahren, während er über die Straße ging.
In der Joppe fand man das Geschenk, das er uns mitbringen wollte: ein Brathuhn, fest in Papier gewickelt. Damit hätten wir seine Rückkehr feiern sollen. Er war bis nach Belluno gekommen in seinem Wahn, noch einmal seine Schnitzereien verkaufen zu wollen, und obwohl ihn bereits eine sanfte Verrücktheit umfing, hatte er uns nicht vergessen.
Er war 83 Jahre alt. Auf dem Asphalt war der zerfetzte Rucksack zurückgeblieben - rundherum lagen Koch- und Esslöffel aus Holz.
Die Buche
Der Waldarbeiter Santo Corona, den man auch Santo della Val, also Santo vom Tal*, nannte, war 64, als er beschloss, die große Buche zu fällen. Gut 300 Jahre war sie zu jener Zeit schon alt.
Der Vater und der Großvater von Santo, vielleicht sogar sein Urgroßvater, hatten sich in ihrem Schatten ausgeruht.
Die Rotbuche herrschte über den ganzen Wald. Niemand hatte je gewagt, sie zu fällen, und zwar aus einem einfachen Grund: Der Baum stand am Rande einer tiefen Schlucht, welche die östliche Grenze des rauen Val da Dìach bildet. Wäre er dem unvorsichtigen Holzfäller in den tief unten fließenden Wildbach gestürzt, hätte der sich nicht nur zum Gespött der anderen Waldarbeiter gemacht, sondern darüber hinaus noch eine Menge gutes Holz für die Familie verloren.
Doch all diese Gefahren machten Santo della Val keine Angst, denn er hegte ein geradezu gläubiges Vertrauen in seine Kunst, die er von Kindesbeinen an gelernt hatte. Schon als Junge von zehn Jahren hatte er - zusammen mit seinem Vater und seinem Großvater - Bergkiefern in den Wäldern von Val Zemola geschlagen. Der Vater, der die Leidenschaft des Jungen erkannt hatte, war zu den berühmten Schmieden nach Maniago hinuntergegangen, um für seinen Sohn eine kleine Axt machen zu lassen, die nicht zu schwer war für seine Arme. Seit jenen fernen Tagen beschäftigte sich Santo nur mehr mit dem Handwerk des Baumfällens, nebenbei das einzige, worauf er sich verstand.
Sogar ins Ausland war er gekommen. Mehrere Jahre lang hatte er in Frankreich und Österreich Holz geschlagen. Man erzählt, dass an seinem ersten Tag in Österreich die Kollegen seine Geschicklichkeit mit der Axt in Zweifel gezogen hatten. Santo sagte dazu kein Wort, sondern schärfte nur sein Instrument mit dem Abziehstein aus Candia. Er wartete bis zum Abend, und als die Holzfäller in der Hütte beim Abendessen zusammensaßen, zog er mit einem Ruf die Aufmerksamkeit aller auf sich. Er rollte sich das Hosenbein hoch bis zum Knie, hob die Axt und holte plötzlich zu einem gewaltigen, treffsicheren Schlag gegen sein Bein aus. Als die zu Stein erstarrten Holzfäller erschrocken wieder die Augen öffneten und glaubten, ihn ohne Fuß zu sehen, erkannten sie voller Verwunderung, dass Santos mörderische Rasur ihn nur einige Haare an der Wade gekostet hatte. So viel teuflische Präzision hatten sie noch nie erlebt, und von diesem Augenblick an wurde Santo respektiert. Vielleicht ist das ja nur eine erfundene Geschichte, aber da, wo ich herkomme, glaubt man sie gerne.
Als er in unser Dorf zurückkehrte, fing er an, allein und auf eigene Rechnung zu arbeiten. Er meinte immer, dass zwei schon einer zu viel seien, sofern es sich bei der zweiten Person nicht um eine schöne Frau handelte.
In den letzten Jahren arbeitete er nicht mehr für Geld, doch seine Liebe zum Wald hielt auch seine Leidenschaft für das alte Handwerk lebendig.
Er gab sich damit zufrieden, so viel Holz zu schlagen, wie er für den Winter brauchte, und was ihm übrig blieb, gab er diesem oder jenem Alten, der es nötig hatte.
An einem kalten und klaren Tag Mitte November beschloss er, die riesige Buche zu fällen. Zwei Gründe hatten ihn zuletzt doch dazu bewogen. Zum einen ging ihm der Gedanke schon seit Jahren im Kopf herum: Er wollte endlich die Herausforderung annehmen, der kein anderer Holzfäller sich je zu stellen gewagt hatte. Der Baum stand direkt am Abgrund, und ihn so zu fällen, dass er auf die Bergseite fiel, war nicht gerade leicht. Der zweite Grund war, dass er das Leiden des Baumes verringern wollte. Spechte hatten sich über ihn hergemacht und Löcher in sein Holz gehackt, so groß und tief wie ein Weinglas. Wenn der Specht an einem Baum zu Werke geht, dann bedeutet dies, dass er am Ende ist: Das Holz außen herum ist krank und das Mark innen bereits tot. Auch wenn der Baum im Frühling noch austreibt, so ist dies doch nicht mehr als ein letzter Gruß an das Leben. Ein paar Jahre noch und er stirbt ab. Niemand weiß, wie der Specht erkennt, dass ein Baum am Ende ist. Er sieht den Tod quasi vorher, wenn es an der Oberfläche noch keinerlei Anzeichen gibt. Und er beginnt, seinen Schnabel in die Rinde zu schlagen, weil er weiß, dass darunter weiches, faules Holz sitzt. So dringt er leicht in den Stamm vor und kann sein Nest darin bauen.
Santo della Val wollte das Leiden des Baumes abkürzen und so stand sein Entschluss fest. Den ersten Tag brachte er damit zu, sein Werkzeug herzurichten. Er schärfte die lange Säge, die an beiden Enden Griffe hatte. Dann schliff er die Axt, seine Axt: eine legendäre Müller, die er in Kärnten erstanden hatte.
»Das sind die besten Äxte der Welt«, sagte er. »Sie haben um den Stiel herum einen Kern aus Silber, damit es beim Schlagen weniger prellt.«
Als Letztes machte er sich zehn Keile aus einem zähen und harten Holz: aus dem Stamm des Goldregens. Und den schweren Eisenhammer packte er ein. Als er alles vorbereitet hatte - es war der 14. November -, begab er sich zu dem Platz, an dem die Buche stand. Die Blätter waren mittlerweile fast alle gefallen, und die Wälder wirkten aufgeräumt und durchscheinend, eine Stätte der Ruhe. Es war bereits spürbar, ja empfindlich kalt, und die Luft roch schon nach dem kommenden Winter.
Fast einen halben Tag lang tat Santo nichts anderes, als den Baum genauestens zu studieren. Er setzte sich etwa zehn Meter vom Stamm entfernt hin und beobachtete ihn. Ganz unten war er mindestens einen Meter dick. Zum ersten Mal fiel ihm auf, dass die Buche sich leicht über den Abgrund neigte. »Mist«, dachte er. »Ich werde die Seilwinde nehmen müssen.«
In etwa eineinhalb Metern Höhe waren allerlei Zeichen in die Rinde geritzt. Hier hatten sich die Spaziergänger verewigt, mit einem Taschenmesser ihre Botschaften hineingeschnitten. Der Pflanzensaft aber hatte die Wunden schnell wieder verschlossen, der Baum sie im Wachsen überwuchert und dadurch unlesbar gemacht. Ein Zeichen jedoch war in diesem Dickicht von Hieroglyphen lesbar geblieben und hatte sich gegen den Zahn der Zeit gewehrt: ein Herz, das sich um zwei Buchstaben schlang, ein M und ein F. Und Santo hing eine Weile seinen Gedanken über die beiden Unbekannten nach, deren Initialen seit wer weiß wie vielen Jahren von diesem Zeichen der Liebe umrahmt wurden.
»Wo sie heute wohl sind?«, fragte er sich. »Vielleicht lieben sie sich ja gar nicht mehr. Oder einer von beiden ist tot, vielleicht auch beide. Und wenn sie noch am Leben sind, dann sind sie mittlerweile wohl ziemlich alt.«
Wie er daran denken musste, dass der Fluss des Lebens unseren Körper aufzehrt und unsere Gefühle erlöschen lässt, überfiel ihn die Melancholie. Auch er hatte vor Jahren in der Steiermark zwei Buchstaben in einen Baum geritzt, aber die Sache ging auseinander, sodass er am Ende allein geblieben war.
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