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Text und Kontext - Fallstudien und theoretische Begründungen einer kulturwissenschaftlich angeleiteten Mediävistik (Schriften des Historischen Kollegs, Band 64)
"IV. Text und Kontext (S. 14-16)
Die Kontextverwendung kam bisher nur insoweit zur Sprache, als sich der Fokus auf die gedeutete, strukturierende mythologische Tradition richtete, die sich mit impliziten Vertextungsstrategien und konventionalisierten Erzählverfahren des 12. und 13. Jahrhunderts verbindet42. Lutz Danneberg würde dies als ,intrakontextuelle‘ Analyse43 bezeichnen, die Teil der Kontextbildung ist, so daß strenggesehen „jede (bedeutungszuweisende) Untersuchung eines literarischen Werkes kontextbezogen"" ist44.
Wenn nun aber nach den fundierenden mythologischen Strukturen gefragt wurde und jetzt danach zu fragen ist, welches kulturelle Wissen die Texte voraussetzen könnten, das dann für zentrale Anliegen der feudaladligen Gesellschaft genutzt wird (hier: Dynastie, Genealogie), dann fällt dies vielleicht im Verständnis Dannebergs unter das Verdikt einer Art von Kontextver wendung, die alles Mögliche miteinander verknüpft. Unter der Voraussetzung, daß Kontexte als Zeichenzusammenhänge zu verstehen sind, die zunächst grundsätzlich historisch und außerdem in steter Bewegung befindlich sind, bereitet aber schon eine Bestimmung des den Texten vorgängigen Wissenshorizonts die größten Schwierigkeiten.
Mit einer der Zweifelsfragen Dannebergs, ob es sich um ein bewußtes oder bloß virtuelles Wissen handelt45, verbindet sich deshalb eine Maximalerwartung, der weder die Informations- und Materiallage im Mittelalter gerecht werden kann noch die „Vielfalt kultureller Erfindungen"". Macht man etwa die Radikalisierung der Befugnisse des Imaginären nach Cornelius Castoriadis zum Ausgangspunkt für die Kontextfrage, dann ist die die Texte umgebende Realität mit ihren vorgegebenen Verhaltensmustern und Traditionen einerseits „zu unbestimmt und vieldeutig, um die Vielfalt kultureller Erfindungen zu erklären"", andererseits aber auch „zu bestimmt und eindeutig, um die fließende Bedeutungsfülle . . . auch nur zu beschreiben, geschweige denn, ihre Entstehung zu erklären"".
Die Welt wie auch die Literatur als integraler Bestandteil der Selbstthematisierung und Selbstkonstitution der Gesellschaft artikuliert sich durch imaginäre Bedeutungen, d. h. durch Sinnzusammenhänge, „die weder nur Abbild des Wahrgenommenen noch einfach Verlängerung und Sublimierung animalischer Strebungen noch streng rationale Bearbeitung des Gegebenen sind"". Und Bedeutungen sind nicht das, „was sich die Einzelnen bewußt oder unbewußt vorstellen oder was sie denken. Sie sind vielmehr das, wodurch und von wo aus die Individuen als gesellschaftliche Individuen formiert, das heißt befähigt werden, am gesellschaftlichen Tun und Vorstellen/Sagen teilzunehmen.""
Der polare Gegensatz bewußt/ unbewußt bildet somit keine adäquate Grundlage für die Suche nach dem verborgenen Vorverständnis: So, wie die gesellschaftliche Welt sich in Anknüpfung und Anlehnung an Erfahrungen eine Lebenswelt schafft und gestaltet, so vermengt sich auch in der Literatur „Vorgefundenes und Selbstgeschaffenes"", was wiederum vielfältige Bezüge eröffnet. Dabei verliert sich die Suche nach dem Sinn keineswegs im Unbestimmten, wenn Imagination im Prozeß des Bestimmens weder in Realität und Rationalisierung aufgeht, noch umgekehrt Realität und Rationalisierung ihre Eigenschaft einbüßen. Wie sich die Sinnbildung realisiert, ist der Literatur als Ergebnis des Schaffens und Umschaffens abzulesen.
Dabei ist der sprachlich artikulierte Sinn „immer in offene interpretative Horizonte eingebettet"", was sowohl die „Integration von neuen wie auch die Problematisierung von alten Bedeutungen"" ermöglicht. Und daher vermag die Rekonstruktion von Bezügen nur Minimalerwartungen zu erfüllen, weil sich die Bedingungen und Voraussetzungen der Aufnahme und Übernahme dessen, was ins Bild gesetzt und in einem bestimmten Sinn aufgefaßt wird, eben nicht zureichend erklären lassen."
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