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Schwere erworbene Hirnschädigungen

Schwere erworbene Hirnschädigungen

von: Frank Oehmichen

W. Zuckschwerdt Verlag, 2007

ISBN: 9783886039203 , 135 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: DRM

Windows PC,Mac OSX Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Windows PC,Mac OSX,Linux

Preis: 16,99 EUR

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Schwere erworbene Hirnschädigungen


 

1 Anliegen dieses Buches (S. 1)

Die Möglichkeiten der modernen Medizin bieten unter anderem im Bereich der Notfall- und Intensivmedizin vielfältige Chancen zur Lebensrettung und Lebenserhaltung. Auch die Möglichkeiten der Rehabilitation konnten in den letzten Jahrzehnten wesentlich erweitert werden. Trotz Ausschöpfung aller medizinischen und rehabilitativen Behandlungen lässt sich in vielen Fällen nicht die völlige Wiederherstellung des Vorzustandes erreichen.

Häufig bleiben Defektzustände erhalten, welche uns in ihrer Beurteilung vor menschliche Herausforderungen stellen, Herausforderungen, die auch ökonomische Tragweite haben. Erworbene Erkrankungen bzw. Schädigungen des zentralen Nervensystems gehen häufig mit schweren Beeinträchtigungen des betroffenen Menschen einher.

So kann die Fähigkeit zur Fortbewegung eingeschränkt bzw. aufgehoben werden. Auch die Möglichkeit der Kommunikation kann erheblich reduziert bis gänzlich verloren sein. Möglich ist eine Schädigung der vegetativen Funktionen einschließlich der Alteration der Spontan - atmung, sodass nur maschinelle Unterstützung das Leben erhält.

Die Schädigung des Nervensystems kann zur Unfähigkeit der Nahrungsaufnahme führen, sodass die Sicherstellung der Ernährung ohne pflegerische oder medizinisch-technische Hilfe unmöglich wird. Derartige Erkrankungen und Schädigungsmuster erfordern in allen Phasen der Behandlung unabdingbar Entscheidungen zur Intensität der Therapie, weil die Einschränkungen und ihre nachfolgenden Komplikationen schließlich zur Todesnähe für den Betroffenen führen können.

Möglicherweise wird durch medizinische Interventionen ein irreversibler Sterbeprozess gewollt oder ungewollt, zulässig oder unzulässig beschleunigt oder verzögert. Behandlungsentscheidungen in dieser Phase des Lebens müssen einerseits dem Prinzip des Lebensschutzes genügen, sie müssen andererseits auch der Sterbebegleitung Raum geben. Diese Entscheidungen erfolgen immer im Hinblick auf den Willen des Patienten, sie erfolgen aber auch vor dem Hintergrund des verantwortlichen Umgangs mit gesellschaftlichen Ressourcen.

Die Ärzte dürfen bei ihren Behandlungsentscheidungen nicht nur den individuellen Patienten im Blick haben, sie sind gleichermaßen verpflichtet, auf eine gerechte Verteilung der zur Verfügung stehenden Mittel zu achten. Damit müssen in den Entscheidungen allgemeine Möglichkeiten und individuelle Bedürfnisse abgeglichen werden. Der Ressourceneinsatz wird einerseits moduliert durch unterschiedliche indikations- und prognosebezogene wissenschaftliche Erkenntnisse und Empfehlungen, er kann andererseits aber auch durch individuelle Lebensentwürfe und Lebenswünsche beeinflusst sein.

Welche menschlichen, pflegerischen, medizinischen und technischen Unterstützungen sind geboten oder verzichtbar, zu fordern oder abzulehnen, notwendig, möglich oder wünschenswert? Über derartige Fragen ist ein Diskurs erforderlich, der sowohl gesamtgesellschaftlich geführt werden kann, der aber auch Betroffene und am individuellen Krankenbett versammelte Menschen zur Entscheidungsfähigkeit führen muss.

Insbesondere für die Diskussion am Krankenbett soll mit dem vorliegenden Buch der Versuch einer Orientierung gegeben werden. In diesem Buch werden zunächst unterschiedliche Schädigungsmuster bei erworbenen Erkrankungen des zentralen Nervensystems beschrieben und soweit möglich voneinander abgegrenzt. Eine Literaturauswahl gibt einen Überblick über die historische Entwicklung der unterschiedlichen Schwerpunkte der Krankheitsbezeichnungen bei erworbenen Hirnschäden.

Nach diesen Erwägungen zur Nomenklatur des Krankheitsspektrums werden prognostische Gesichtspunkte der betreffenden Erkrankungen anhand unterschiedlicher Literaturempfehlungen und unter Berücksichtigung von Expertenmeinungen diskutiert, um schließlich die allgemeinen therapeutischen Möglichkeiten in den Blick zu nehmen. Ausgehend von dieser Darstellung des denkbaren Diagnose- und Behandlungsspektrums wird versucht, Entscheidungskriterien für eine notwendige Wahl zwischen den unterschiedlichen Wegen der Behandlung zu finden, um dem individuellen Einzelfall gerecht zu werden.

Ein Schwerpunkt dieses Buches ist die Herausarbeitung der individuellen medizinischen Indikation im Einzelfall aus allgemein indizierbaren Möglichkeiten. Dabei stellt die Abschätzung der Prognose ein wichtiges Kriterium in der ärztlichen Entscheidungsfindung dar. Es wird Wert gelegt auf die Beschreibung der Entwicklung des individuellen Willens aus allgemeinen Vorstellungen des Betroffenen oder seines Stellvertreters im Verlauf der Auseinandersetzung mit der Erkrankung.