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Das Eigene in der Fremde: Die chinesische Diaspora und das späte Qing-Reich (S. 235-237)
Sabine Dabringhaus
Migration gehört zu den Grundphänomenen der chinesischen Geschichte. Staat und Kultur haben sich in einem Jahrtausende währenden Prozess von Kriegen, Bündnissen, Spaltungen und Zusammenschlüssen kleinerer kultureller Zentren zu einem großen Ganzen entwickelt. Siedler, Kaufleute, Beamte und Soldaten waren im chinesischen Kaiserreich ständig in Bewegung. Zusammengehalten wurde die traditionelle Gesellschaft durch drei grundlegende soziale Muster: (1) das konfuzianisch geprägte Familiensystem mitsamt dem Ahnenkult, (2) das Staatsprüfungssystem, das dem Kaiser seinen bürokratischen Herrschaftsapparat sicherte, und (3) die hohe Mobilität in der Bevölkerung, die vom kaiserlichen Beamten, der niemals in seiner Heimatregion eingesetzt wurde, bis zum armen Bauern hinabreichte, der in der Fremde nach besseren Verdienstmöglichkeiten suchte oder den Folgen von Naturkatastrophen ausweichen musste. Familienpflichten banden den Einzelnen ein Leben lang an seinen Geburtsort, wo sich der Ahnentempel des Familienclans befand und wohin er bei allen familiären Anlässen zurückkehrte.
Die kindliche Pietät gegenüber den Eltern und die Ahnenverehrung gehörten zu den wichtigsten Pflichten des Individuums. Die Idee der Migration schien im Widerspruch zu den traditionellen Grundpfeilern des chinesischen Denkens und Verhaltens zu stehen. Dennoch war Migration permanent vorhanden und wurde sogar vom Staat gefördert. So setzte das kaiserliche Prüfungssystem, das bis zu seiner Abschaffung im Jahre 1905 die einzig möglichen Bildungs- und Karrierechancen bot, gerade das Verlassen des Heimatortes voraus. Neben Naturkatastrophen und wirtschaftlicher Not, zwangen vor allem staatliche Umsiedlungsprogramme das einfache Volk zur Wanderschaft. Noch der moderne chinesische Begriff für Migranten yimin leitet sich von der kaiserlichen Kolonisierungpolitik yimin shibian (wörtlich: mit Migranten die Grenzgebiete durchdringen) ab, die sich auf die Verlegung chinesischer Bauern oder Soldaten zur Kolonisierung innerasiatischer Grenzgebiete bezog.
Der Einzelne wurde von den kaiserlichen Behörden umgesiedelt und verließ seinen Heimatort nicht aus eigener Motivation. Mobilität war in der chinesischen Gesellschaft somit immer präsent, erfolgte aber nie freiwillig. Die emotionalen und familiären Bindungen an den Heimatort blieben weiterhin bestehen. Das Verlassen des chinesischen Kulturraumes war diesem Denken fremd und wurde von der kaiserlichen Regierung mit dem Verbot der Rückkehr untersagt.8Aus konfuzianischer Sicht konnte ein Chinese in der Fremde seinen konfuzianischen Pflichten nicht mehr nachkommen. Er verletzte damit das hohe Gebot der kindlichen Pietät und wurde aus der chinesischen Kulturgemeinschaft ausgeschlossen. Erst mit der Öffnung Chinas unter dem Druck der europäischen Imperialmächte änderte sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts diese Haltung. Migration nach Übersee wurde offiziell erlaubt, und Auslandschinesen konnten wieder in ihre Heimat zurückkehren.
Bis zur Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 nutzten viele Überseechinesen die Möglichkeit zum Besuch ihrer Verwandten, zum Aufbau von Geschäftsbeziehungen und selbst zu politischem Engagement. Vor dem Hintergrund der Rassendiskriminierung vor allem in Amerika kehrten in der Republikzeit (1912–1949) auch im Ausland geborene Chinesen in die Heimat ihrer Väter und Ahnen zurück. Den heute im Zuge der Globalisierungsdebatten diskutierten Bedeutungsverlust internationaler Grenzen bei gleichzeitig wachsender Unterscheidung zwischen nationalen und ethnischen Identitäten, erlebte bereits die chinesische Diaspora seit dem späten 19. Jahrhundert. Auslandschinesen agierten schon sehr früh »transnational«. Sie überwanden geographische Räume, überquerten kulturelle Grenzen und veränderten dabei auch ihre eigenen Identitäten.
Die Tatsache, dass Auswanderung nach ihrer Legalisierung in der Mitte des 19. Jahrhunderts keine Einbahnstraße mehr darstellte, machte Rückwirkungen der Überseechinesen auf ihr Ursprungsland möglich.
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