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Einleitung in das Neue Testament

von: Martin Ebner, Stefan Schreiber, Hans-Josef Klauck

Kohlhammer Verlag, 2013

ISBN: 9783170271982 , 604 Seiten

2. Auflage

Format: PDF, ePUB, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 25,99 EUR

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Einleitung in das Neue Testament


 

B. I. Die synoptische Frage


(Martin Ebner)

Es ist kein Geheimnis: Die drei ersten Evangelien, das Matthäus-, das Markus- und das Lukasevangelium, zeigen in Aufbau und Abfolge ihrer Jesusstory frappante Übereinstimmungen – ganz im Gegensatz zum vierten Evangelium, dem Johannesevangelium, das geradezu eine eigene erzählerische Welt aufbaut (→ B.VII.2.1.3). Die Übereinstimmungen der drei ersten Evangelien, oft bis in den Wortlaut hinein, fallen besonders in die Augen, wenn man sie nebeneinander schreibt und in der „Zusammenschau“, also in der „Synopse“ (von griech. δυνóψις/synopsis), betrachtet. Deshalb werden auch die Bücher, in denen der Text der ersten drei Evangelien nebeneinander abgedruckt ist, „Synopsen“ und die drei ersten Evangelien entsprechend „synoptische“ Evangelien genannt. Liest man die drei ersten Evangelien synoptisch nebeneinander, fallen jedoch nicht nur die großen Übereinstimmungen, sondern zugleich auch die großen Unterschiede in die Augen. Die sog. „synoptische“ Frage, die sich aus diesem auffälligen Textbefund ergibt, lautet deshalb: Wie sind diese großen Übereinstimmungen bei gleichzeitig erheblichen Unterschieden erklärbar? Hatten alle drei Evangelien die gleiche Vorlage? Oder gibt es Verbindungslinien zwischen den drei ersten Evangelien, haben sie also eine miteinander verwobene Geschichte?

1. Ein authentischer Fingerzeig: Lk 1,1–4


Dass unsere Evangelien nicht als fertige Texte vom Himmel gefallen sind, sondern auf eine lange mündliche und schriftliche Vorgeschichte zurückschauen, bezeugt Lk im Vorwort zu seinem Evangelium:

1Nachdem es schon viele unternommen haben, eine Erzählung (διήγηδις) auf die Reihe zu bringen über die Ereignisse (πράγματα), die sich unter uns erfüllt haben, 2wie sie uns diejenigen, die von Anfang an Augenzeugen (αὐτóπται) und Diener des Wortes geworden sind, überliefert haben, 3schien es auch mir gut, nachdem ich allem von vorn akribisch (ἀκριβῶς) nachgegangen bin, es der Reihe nach dir aufzuschreiben, bester Theophilus, 4damit du erkennst die Zuverlässigkeit der Worte, über die du katechetisiert worden bist (κατηχήθης) (Lk 1,1–4).

Lukas unterscheidet vier Traditionsstufen: Am Anfang stehen Ereignisse, die (1) von „Augenzeugen“ wahrgenommen und dann (2) mündlich verkündigt werden („Diener des Wortes“). Die unmittelbare Vorstufe für Lk sind jedoch (3) schriftlich vorliegende „Erzählungen“, in denen die Einzelereignisse bereits zu einer Ereignisfolge aneinandergereiht sind. Lk selbst legt, nach gründlicher Revision dieser Traditionskette, erneut eine eigenständig organisierte Erzählung vor, die das Ziel verfolgt, dem Adressaten „Gewissheit“ über das zu geben, was er – vermutlich in der mündlichen Katechese der Gemeinde – gehört hat.

Lk legt Wert darauf, dass er sich in eine lange Traditionskette einreihen kann. Das ist ein ausgesprochenes Gütesiegel in der Antike. Sie hat ein ganz anderes Verständnis von „Originalität“ als wir heute. Dem absolut Neuen, dem noch nie Dagewesenen, also dem „Originellen“ in unserem Sinn, fehlt die Patina der Würde einer langen Tradition – und damit die Legitimation. Wertvoll ist allein das „Originale“ (von lat. origo = Ursprung), also das Alte, das in eine lange Vergangenheit zurückreicht und auf den Ursprung zurückgeht – und, über eine lange Traditionskette, trotzdem mit der Gegenwart in Verbindung steht. Im Sinn des Lk und der Antike mit den Mitteln der Moderne nach der Entstehungsgeschichte der Evangelien zu fragen, bedeutet deshalb gerade nicht, ihre „Originalität“ in ihrem Wert zu mindern, sondern diesen Texten die Würde einer langen Tradition zu bescheinigen. Die Frage ist nur: Wo und wie sind diese Vorstufen greifbar? Gehören auch das MkEv und das MtEv zu den „Erzählungen“, auf die sich Lk stützt?

2. Der Textbefund


2.1 Übereinstimmungen zwischen den drei ersten Evangelien

(1) Alle drei synoptischen Evangelien zeigen prinzipiell den gleichen Aufriss: Nach Taufe und Wüstenaufenthalt beginnt Jesus seine öffentliche Tätigkeit in Galiläa mit Wundertaten und Reden in der Öffentlichkeit. Im Unterschied zum JohEv erzählen die Synoptiker von einer einzigen Reise nach Jerusalem (vier im JohEv: 2,13; 5,1; 7,10; 12,12). Die entscheidenden Stationen dort sind: Einzug, Streitgespräche im Tempel, Abendmahl, Prozess, Kreuzigung, Grablegung sowie der Grabgang der Frauen.

(2) Innerhalb der Gesamterzählung werden in allen synoptischen Evangelien thematisch verwandte Stoffe zu Blöcken zusammengestellt: Gleichnisse (Mt 13; Mk 4; Lk 8), Streitgespräche (Mt 9,1–17; 12,1–14; Mk 2,1–3,6; Lk 5,17–6,11), Wundergeschichten (Mt 8,18–9,26; 14,13–33; Mk 4,35–5,43; 6,32–52; Lk 8,22–56; 9,10–17), die Passionserzählung (Mt 26f.; Mk 14f.; Lk 22f.).

(3) Die gleiche Abfolge findet sich teilweise auch bei inhaltlich durchaus nicht selbstverständlich zusammengehörigen Stoffen, z. B. bei folgender Sequenz: Messiasbekenntnis des Petrus, erste Leidensankündigung mit anschließender Jüngerbelehrung, Verklärung Jesu, Gespräch beim Abstieg vom Berg (fehlt bei Lk), Heilung eines besessenen Knaben sowie zweite Leidensankündigung (Mt 16,13–17,23; Mk 8,27–9,32; Lk 9,18–45). Im Rahmen der Jüngerbelehrung werden sechs Sprüche in völlig gleicher Reihenfolge aneinandergereiht:

Spruch

Mt

Mk

Lk

Nachfolge und Kreuztragen

16,24

8,34

9,23

Leben retten

16,25

8,35

9,24

Welt gewinnen

16,26a

8,36

9,25

Gegenwert fürs Leben

16,26b

8,37

Bekenntnis zu Jesus

16,27

8,38

9,26

Verheißung für die Augenzeugen

16,28

9,1

9,27

(4) Übereinstimmender Wortlaut ganzer Perikopen, lässt sich feststellen z. B. bei der Heilung eines Aussätzigen (Mt 8,1–4; Mk 1,40–44; Lk 5,12–14); der bereits genannten Jüngerbelehrung (Mt 16,24–28; Mk 8,34–9,1; Lk 9,23–27); der Frage nach der Vollmacht Jesu (Mt 21,23–27; Mk 11,27–33; Lk 20,1–8); sowie bei Teilen der Endzeitrede (z. B. Mt 24,3b–8; Mk 13,4–8; Lk 21,7–11).

(5) Besonders eklatant ist es, dass sich der gleiche syntaktische Fehler bzw. der gleiche Zitationsfehler in allen drei Evangelien findet. Als die Pharisäer sich wundern, warum Jesus dem Gelähmten die Sünden vergibt, sagt er zu ihnen:

Mt 9,6

Mk 2,10

Lk 5,24

… damit ihr aber wisst, dass Vollmacht hat der Menschensohn auf der Erde Sünden zu erlassen, da sagt er dem Gelähmten:

… damit ihr aber wisst, dass Vollmacht hat der Menschensohn Sünden zu erlassen auf der Erde, sagt er dem Gelähmten:

… damit ihr aber wisst, dass Vollmacht hat der Menschensohn auf der Erde Sünden zu erlassen, sprach er zum Gelähmten:

Dir sage ich,

Dir sage ich,

Steh auf, trag deine Liege und geh fort in dein Haus

steh auf, trag deine Pritsche und geh fort in dein Haus …

steh auf, trag deine Liege und geh fort in dein Haus …

Es handelt sich um einen Anakoluth, also um einen nicht vollständig zu Ende geführten Satz. Was Jesus den Pharisäern sagt (… damit ihr aber wisst …) bleibt als Halbsatz stehen und wird von der Erzählung (… sagt er dem Gelähmten …) unterbrochen.

Während in Jes 40,3 zu lesen ist: „… Gerade macht die Pfade unseres Gottes“, zitieren alle drei synoptischen Evangelien: „… Gerade macht seine Pfade“ (Mt 3,3; Mk 1,3; Lk 3,4) – bezogen auf Jesus als Herrn.

Wenn Fehler im Wortlaut übernommen werden, so ist das ein deutliches Zeichen auf schriftliche Abhängigkeit der entsprechenden Autoren.

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