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Favorit - Ein Sid-Halley-Roman

von: Dick Francis

Diogenes, 2015

ISBN: 9783257606492 , 416 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 8,99 EUR

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Favorit - Ein Sid-Halley-Roman


 

[7] 1

Ich hatte einen Freund, und der war allgemein beliebt. (Mein Name ist Sid Halley.)

Ich hatte einen Freund, der war allgemein beliebt, und ich habe ihn vor Gericht gebracht.

Wenn man als Detektiv arbeitet, wie ich es seit annähernd fünf Jahren tue, dann bleibt es leider nicht aus, daß man hin und wieder Fakten zutage fördert, die Überraschungen und Entsetzen hervorrufen und Menschen für immer um ihren Frieden bringen.

Erst nach tagelangem innerem Kampf hatte ich mich entschließen können, meinen Ermittlungsergebnissen gemäß zu handeln. Dabei ging es mir elend, aber ich hatte nach Unglauben, Abwehr und Zorn schließlich doch auch das letzte Stadium der Trauer, die Hinnahme, erreicht. Ich trauerte um den Mann, den ich gekannt hatte. Den ich zu kennen geglaubt hatte, der aber immer nur eine Fassade gewesen war. Ich trauerte um den Verlust einer Freundschaft, um einen Mann, der noch so aussah wie sonst, aber ein anderer, ein Fremder geworden war… ein Gegenstand des Abscheus. Ich hätte viel leichter um ihn trauern können, wäre er tot gewesen.

Der Verwirrung, die ich insgeheim empfunden hatte, folgte ein allgemeiner Aufschrei, als ich mit meiner [8] Enthüllung an die Öffentlichkeit trat. Die Presse ergriff spontan und energisch für den Angeklagten Partei und ließ an mir, seinem Beschuldiger, kein gutes Haar. Auf den Rennbahnen, meinem Hauptarbeitsfeld, kannten mich alte Bekannte nicht mehr. Mein Freund wurde mit Zuneigung, Beistand und Trost überschüttet. Unglauben, Abwehr und Zorn herrschten vor: bis zur Hinnahme war es noch weit. Einstweilen wurde ich und nicht er zur Zielscheibe des Hasses erkoren. Ich wußte, es war nur auf Zeit. Man mußte es über sich ergehen lassen und abwarten.

Am Morgen, an dem sein Prozeß eröffnet wurde, brachte sich die Mutter meines Freundes um.

Die Nachricht erreichte sehr bald das Gericht in Reading, wo der vorsitzende Richter im schwarzen Talar bereits die Sachvorträge der Anklage und der Verteidigung gehört hatte und wo ich als Zeuge der Anklage allein in einem seelenlosen Nebenzimmer auf meinen Aufruf wartete. Ein Justizbeamter unterrichtete mich von dem Selbstmord und sagte mir, da der Richter die Verhandlung vertagt habe, könne ich nach Hause gehen.

»Die arme Frau«, rief ich in ungespieltem Entsetzen.

Der Justizbeamte hätte unparteiisch sein sollen, war aber doch auf der Seite des Beschuldigten. Er musterte mich ungnädig und sagte, ich solle am nächsten Morgen Punkt zehn wieder erscheinen.

Ich verließ das Zimmer und ging langsam durch den Korridor zum Ausgang, wurde aber vorher von einem Anwalt abgefangen, der mich beim Ellbogen faßte und beiseite zog.

»Seine Mutter hat sich ein Hotelzimmer genommen und ist aus dem sechzehnten Stock gesprungen«, sagte er ohne [9] Vorrede. »In einem Abschiedsbrief schrieb sie, sie könne die Zukunft nicht ertragen. Was halten Sie davon?«

Ich sah in die dunklen, intelligenten Augen von Davis Tatum, einem dicken, schwerfälligen Mann mit einem nüchternen, regen Verstand.

»Das wissen Sie besser als ich«, meinte ich.

»Sid!« Ein Anflug von Gereiztheit. »Sagen Sie mir, was Sie denken.«

»Vielleicht bekennt er sich jetzt schuldig.«

Er entspannte sich und lächelte ein wenig. »Sie haben Ihren Beruf verfehlt.«

Ich schüttelte dankend den Kopf. »Ich fange die Fische. Ausweiden könnt ihr sie.«

Er ließ meinen Arm wieder los, und ich ging vom Gericht geradewegs zum Bahnhof, fuhr eine halbe Stunde bis zur Endstation in London und nahm für die letzten anderthalb Kilometer bis nach Hause ein Taxi.

Ginnie Quint, dachte ich unterwegs. Arme, arme Ginnie Quint. Lieber war sie in den Tod gesprungen, als für alle Zeit unter der Schande ihres Sohnes zu leiden. Ein einsamer, plötzlicher Abgang. Ende der Tränen. Ende des Kummers.

Das Taxi hielt vor dem Haus am Pont Square (eine Seitenstraße von Cadogan Square), wo ich gegenwärtig ein Apartment im ersten Stock bewohnte und vom Balkon auf die eingezäunte, schattige Gartenanlage in der Platzmitte schauen konnte. Wie gewohnt war es ruhig auf dem abgelegenen kleinen Platz, nur ab und zu ein Auto und einige wenige Fußgänger. Es war Anfang Oktober – ein schwacher Herbstwind wehte in die schon welken Blätter der Linden und trug einzelne wie gelbe Schneeflocken zum Boden hin.

[10] Ich stieg aus und bezahlte den Taxifahrer durchs offene Fenster, und als ich mich umdrehte, um den Gehsteig zu überqueren und die wenigen Stufen zur Haustür hinaufzugehen, sprang ein dem Anschein nach ruhig daherkommender Mann mich plötzlich wütend an und machte Anstalten, mir mit einer langen schwarzen Metallstange den Schädel einzuschlagen.

Ich spürte mehr, als ich sah, wie er zum ersten bösen Schlag ausholte, und bewegte mich gerade noch so weit, daß die Stange statt meines Kopfes meine Schulter traf. Er schrie mich halb von Sinnen an, und ich wehrte einen zweiten brutalen Schlag mit dem Unterarm ab. Danach packte ich sein Handgelenk im Zangengriff, schob ihm ein Bein hinter die Kniekehle und kippte seinen schweren Körper hintenüber, so daß er mitsamt dem Eisen der Länge nach aufs Pflaster knallte. Er schimpfte, schrie, fluchte halb unverständliches Zeug und stieß Morddrohungen aus.

Das Taxi stand noch da, sein Dieselmotor lief, der Fahrer gaffte sprachlos mit offenem Mund, und daran änderte sich auch nichts, als ich den schwarzen Schlag aufriß und mich wieder auf die Rückbank fallen ließ. Mein Herz klopfte. Nun, was auch sonst?

»Fahren Sie«, sagte ich drängend. »Fahren Sie weiter.«

»Aber…«

»Machen Sie schon. Weg hier! Bevor er wieder auf die Beine kommt und Ihnen die Scheiben einschlägt.«

Der Fahrer klappte rasch den Mund zu, legte den Gang ein und fuhr ruckartig und nicht gerade schnell die Straße entlang.

»Hören Sie«, betonte er, halb zu mir gewandt, »ich habe [11] nichts gesehen. Sie sind meine letzte Fuhre, ich bin seit acht Stunden im Dienst und so gut wie auf dem Heimweg.«

»Fahren Sie bitte«, sagte ich. Zu wenig Atem. Zuviel Durcheinander im Kopf.

»Ich fahre ja… aber wohin?«

Gute Frage. Denk nach.

»Wie ein Straßenräuber sah der mir nicht aus«, stellte der Fahrer pikiert fest. »Aber heutzutage kann man nie wissen. Soll ich Sie bei der Polizei absetzen? Der hat Sie fürchterlich erwischt. Man konnte es richtig hören. Als ob er Ihnen den Arm gebrochen hätte.«

»Würden Sie einfach fahren, bitte?«

Der Fahrer war massig, um die Fünfzig und Londoner, aber nicht gerade selbstbewußt, und seine Kopfbewegungen und die bohrenden Blicke, die er mir wiederholt im Rückspiegel zuwarf, verrieten mir, daß er nicht in meine Probleme verwickelt werden wollte und es kaum erwarten konnte, mich loszuwerden.

Als sich mein Puls endlich beruhigte, fiel mir nur ein Ort ein, wo ich jetzt hinkonnte. Meine einzige Zuflucht in manchen früheren Notsituationen.

»Nach Paddington«, sagte ich. »Bitte.«

»Zum Krankenhaus, meinen Sie? St Mary’s?«

»Nein. Zum Bahnhof.«

»Aber da kommen Sie doch gerade her«, wandte er ein.

»Ja, aber fahren Sie mich bitte wieder hin.«

Gleich etwas fröhlicher gestimmt, wendete er und brachte mich zur Paddington Station, wo er mir abermals versicherte, daß er nichts gesehen und nichts gehört habe und sich in nichts hineinziehen lassen würde.

[12] Ich bezahlte ihn einfach, ließ ihn fahren und merkte mir seine Zulassungsnummer allenfalls aus Gewohnheit, nicht weil ich mir davon etwas versprach.

Als Teil meiner Standardausrüstung trug ich ein Mobiltelefon am Gürtel, und auf dem Weg in den hohen, luftigen Bahnhof tippte ich die Nummer des Mannes ein, dem ich am meisten auf der Welt vertraute. Konteradmiral a. D. Charles Roland, der Vater meiner Exfrau, meldete sich zu meiner großen Erleichterung nach dem zweiten Klingeln.

»Charles«, sagte ich. Meine Stimme kippte über, ohne daß ich es wollte.

Stille, dann: »Bist du das, Sid?«

»Kann ich… vorbeikommen?«

»Natürlich. Wo bist du?«

»Paddington. Ich nehme Bahn und Taxi.«

Er sagte ruhig: »Komm durch die Seitentür. Sie ist nicht abgeschlossen«, und legte auf.

Ich lächelte: Das war Charles, immer zuverlässig, ohne viel Worte. Als kühler, reservierter Mensch war er zwar nicht wie ein Vater zu mir und alles andere als nachsichtig, gab mir aber dennoch die Gewißheit, daß ihm an meinem Tun und Lassen sehr viel lag, und bot mir Halt und Unterstützung an, wenn ich sie brauchte. So wie ich sie jetzt gerade brauchte, aus verschiedenen mehr oder weniger zwingenden Gründen.

Da mitten am Tag weniger Züge nach Oxford fuhren, wurde es vier, bis das Oxforder Taxi den Weg zu Charles’ weitläufigem altem Haus in Aynsford zurückgelegt hatte und mich vor der Seitentür absetzte. Ich bezahlte ungeschickt den Fahrer – mein Arm war inzwischen steif [13] geworden – und betrat erleichtert den Riesenbau, den ich letztlich als mein Zuhause ansah, Fixpunkt in meinem mitunter ganz schön turbulenten Leben.

Charles saß wie so oft in dem großen Ledersessel, den ich unbequem hart fand, der aber ihm, dem Kompromißverächter, für sein schmales Hinterteil gerade richtig erschien. Irgendwann einmal hatte ich einen der weicheren, aber immer noch recht spartanischen alten Brokatsessel aus dem Wohnzimmer in das kleinere, von ihm »Offiziersmesse« genannte Zimmer gestellt, in dem wir immer saßen, wenn wir unter...