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American Gods - Roman

von: Neil Gaiman

Bastei Lübbe AG, 2015

ISBN: 9783732507443 , 673 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 10,99 EUR

Exemplaranzahl:


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American Gods - Roman


 

Erstes Kapitel


Die Grenzen unseres Landes, Sir? Nun, Sir, im Norden grenzen wir an das Polarlicht, im Osten an die aufgehende Sonne, im Süden grenzen wir an die Wanderung der Äquinoktialpunkte und im Westen an den Tag des Jüngsten Gerichts.

JOE MILLERS WITZBUCH (Amerikanische Ausgabe)

Shadow hatte drei Jahre im Gefängnis gesessen. Weil er recht groß war und auch sonst ziemlich furchteinflößend wirkte, bestand sein ärgstes Problem darin, die Zeit totzuschlagen. Also hielt er sich in Form, brachte sich ein paar Tricks mit Münzen bei und dachte oft darüber nach, wie sehr er seine Frau liebte.

Das Beste an seinem Gefängnisaufenthalt – Shadows Meinung nach vielleicht das einzig Gute – war ein Gefühl der Erleichterung. Ein Gefühl, dass er so tief gefallen war wie nur irgend möglich und dass er die Talsohle erreicht hatte. Er machte sich keine Sorgen mehr, dass die Bullen ihn erwischen könnten, denn die Bullen hatten ihn erwischt. Wenn er im Gefängnis aufwachte, hatte er keine Angst; er fürchtete sich nicht mehr vor dem, was das Morgen bringen mochte, denn das Gestern hatte es bereits gebracht.

Shadow war zu der Feststellung gelangt, dass es keine Rolle spielte, ob man das, weswegen man verurteilt worden war, nun getan hatte oder nicht. Seiner Erfahrung nach fühlte sich jeder, dem er im Gefängnis begegnete, aus irgendeinem Grund ungerecht behandelt: Irgendetwas hatten die Behörden immer falsch verstanden, irgendetwas unterstellten sie einem, obwohl man es nicht getan hatte – oder man hatte es jedenfalls nicht ganz so getan, wie sie das behaupteten.

Von Bedeutung war aber allein, dass sie einen erwischt hatten. Dies war Shadow bereits während der ersten Tage aufgefallen, als alles, vom Slang bis zum schlechten Essen, noch neu gewesen war. Obwohl er sich elend fühlte und ihn das nackte Grauen packte, wenn er sich vor Augen führte, dass er hier eingesperrt war, ließ ihn diese Beobachtung leichter atmen.

Shadow bemühte sich, möglichst wenig zu reden. Doch irgendwann in der Mitte seines zweiten Jahres erklärte er seinem Zellengenossen Low Key Lyesmith seine Theorie.

Low Key, ein Trickbetrüger aus Minnesota, verzog seinen von Narben gezeichneten Mund zu einem Lächeln. »Yeah«, sagte er. »Das ist wahr. Noch besser ist es, wenn du zum Tode verurteilt wurdest. Dann fallen dir die Witze über die Typen ein, die ihre Stiefel abstreifen, während sich die Schlinge um ihren Hals legt, weil ihnen ihre Freunde immer erzählt haben, sie würden in ihren Stiefeln sterben.«

»Ist das ein Witz?«, fragte Shadow.

»Klar doch. Galgenhumor. Einen besseren gibt’s nicht – krawumm, das Schlimmste ist passiert. Dir bleiben ein paar Tage, bis du’s begriffen hast, und schon bist du mit dem Karren unterwegs, um auf dem Nichts zu tanzen.«

»Wann haben sie in diesem Bundesstaat zum letzten Mal jemanden aufgehängt?«, fragte Shadow.

»Verdammte Scheiße, woher soll ich das wissen?« Lyesmith rasierte sich seine orangeblonden Haare immer fast ganz ab. Die Linien, die über seinen Schädel verliefen, waren deutlich sichtbar. »Aber ich sag dir was. Mit diesem Land ging’s den Bach runter, als sie aufhörten, die Leute aufzuknüpfen. Ohne Galgen kann man den Kopf auch nicht mehr aus der Schlinge ziehen.«

Shadow zuckte die Schultern. Zum Tode verurteilt zu sein hatte für ihn nichts Romantisches.

Wenn man allerdings nicht zum Tode verurteilt war, dann war das Gefängnis bestenfalls eine Gnadenfrist, die einem vergönnt war, bevor das Leben weiterging, und zwar aus zwei Gründen. Erstens: Das Leben schleicht sich auch in das Gefängnis ein. Es gibt immer Orte, wo es noch weiter abwärtsgeht, selbst wenn man beim großen Spiel nicht mehr mitspielen darf; das Leben geht weiter, selbst wenn es nur ein Leben unter dem Mikroskop oder ein Leben im Käfig ist. Und zweitens: Wenn man sich zusammenreißt, müssen sie dich irgendwann rauslassen.

Am Anfang war dieser Zeitpunkt noch so weit weg, dass Shadow kaum daran dachte. Dann wurde daraus ein entfernter Hoffnungsschimmer, und wenn irgendwelche Knastscheiße ablief, lernte er, sich immer wieder zu sagen, dass »auch das vorbeigehen würde«, und es lief immer irgendwelche Knastscheiße ab. Eines Tages würde sich die magische Tür öffnen, und er würde hindurchgehen. Also strich er in seinem Kalender mit den Singvögeln Nordamerikas die Tage ab, dem einzigen Kalender, den sie im Gefängnisladen verkauften, und die Sonne ging unter, und er sah sie nicht, und die Sonne ging auf, und er sah sie nicht. Er übte Münztricks aus einem Buch, das er in der Einöde der Gefängnisbibliothek gefunden hatte; er hielt sich fit; und er stellte in seinem Kopf eine Liste auf, was er nach seiner Entlassung tun würde.

Shadows Liste wurde immer kürzer und kürzer. Nach drei Jahren standen nur noch zwei Dinge darauf.

Erstens: Er würde ein Bad nehmen. In einer Wanne mit Seifenblasen, und zwar so lange wie irgend möglich. Vielleicht würde er dabei Zeitung lesen, vielleicht auch nicht. An einem Tag stellte er es sich so vor, an einem anderen anders.

Zweitens: Er würde sich mit dem Handtuch abrubbeln und einen Morgenmantel anziehen. Und vielleicht Pantoffeln. Die Vorstellung gefiel ihm. Wenn er rauchen würde, dann hätte er in diesem Moment eine Pfeife im Mund, aber er rauchte nicht. Er würde seine Frau mit starken Armen hochheben (»Welpchen«, würde sie kreischen, mit gespieltem Entsetzen und echter Freude, »was machst du denn da?«). Er würde sie ins Schlafzimmer tragen und die Tür schließen. Wenn sie Hunger bekamen, würden sie Pizza bestellen.

Drittens: Nachdem Laura und er – vielleicht zwei Tage später – wieder aus dem Schlafzimmer herausgekommen waren, würde er den Kopf einziehen und sein ganzes Leben lang anständig bleiben.

»Und dann wärst du glücklich?«, fragte Low Key Lyesmith. An dem Tag arbeiteten sie in der Gefängniswerkstatt – sie setzten Futterhäuschen für Vögel zusammen, was nur minimal interessanter war, als Nummernschilder zu stanzen.

»Ob jemand glücklich war«, erwiderte Shadow, »weiß man erst bei seinem Tod.«

»Herodot«, sagte Low Key. »Langsam lernst du was.«

»Wer zum Teufel ist Herodot?«, fragte Iceman, der die einzelnen Teile der Futterhäuschen ineinandersteckte und sie dann an Shadow weiterreichte, der sie mit Schrauben versah und diese festdrehte.

»Ein toter Grieche«, sagte Shadow.

»Meine letzte Freundin kam auch aus Griechenland«, sagte Iceman. »Was für einen Scheiß die bei ihr zu Hause gegessen haben! Das würdet ihr nicht für möglich halten. In Blätter eingewickelten Reis und so was. Ekelhaft.«

Iceman hatte die gleiche Größe und Form wie ein Cola-Automat; seine Augen waren blau und seine Haare so blond, dass sie fast weiß wirkten. Er hatte einem Kerl eine Tracht Prügel verpasst, der seine Freundin in einer Bar begrapscht hatte, in der sie tanzte und er als Rausschmeißer arbeitete. Dessen Freunde hatten die Polizei gerufen, und die Bullen hatten Iceman überprüft und festgestellt, dass er auf Bewährung draußen und vor achtzehn Monaten vom Arbeitsfreigang nicht zurückgekehrt war.

»Was hätt ich denn machen sollen?«, hatte Iceman entrüstet gefragt, als er Shadow die ganze traurige Geschichte erzählte. »Ich hab ihm erklärt, dass sie meine Freundin ist. Hätte ich zulassen sollen, dass er mich respektlos behandelt? Echt, Mann? Ich mein ja nur – der Kerl hat wild an ihr rumgefummelt!«

Shadow hatte etwas Bedeutungsloses wie »Recht hast du« gesagt und es dabei belassen. Eine Sache hatte er gleich am Anfang gelernt: Im Gefängnis sitzt man seine eigene Zeit ab. Man lädt sich nicht noch die Geschichten der anderen auf. Man zieht den Kopf ein. Und bemüht sich, nicht aufzufallen.

Vor einigen Monaten hatte Lyesmith ihm eine zerlesene Taschenbuchausgabe von Herodots Historien geliehen. »Das ist nicht langweilig. Das ist cool«, hatte er gesagt, als Shadow einwandte, er würde keine Bücher lesen. »Schau erst mal rein, dann wirst du mir recht geben.«

Shadow hatte das Gesicht verzogen, aber er hatte damit angefangen und war gegen seinen Willen begeistert gewesen.

»Griechen«, sagte Iceman abschätzig. »Und es stimmt auch gar nicht, was man über sie erzählt. Ich hab versucht, es meiner Freundin in den Arsch zu besorgen, und sie hat mir fast die Augen ausgekratzt.«

Eines Tages war Lyesmith verlegt worden, und das ohne jede Vorwarnung. Seinen Herodot schenkte er Shadow, zusammen mit mehreren Münzen, die zwischen den Seiten versteckt waren – zwei Vierteldollar, einen Penny und einen Nickel. Münzen waren verboten: Man konnte die Ränder an einem Stein wetzen und jemandem damit bei einer Prügelei das Gesicht aufschlitzen. Shadow war nicht auf Waffen aus; er wollte nur etwas mit den Händen zu tun haben.

Shadow war keineswegs abergläubisch. Er glaubte nicht an Dinge, die er nicht sehen konnte. Trotzdem hatte er in jenen letzten Wochen das Gefühl, dass eine dunkle Wolke über dem Gefängnis hing, wie damals, in der Woche vor dem Raubüberfall. Er verspürte ein leeres Gefühl in der Magengrube, redete sich jedoch ein, er würde sich nur davor fürchten, in die Welt da draußen zurückzukehren. Aber sicher war er sich nicht. Er war noch paranoider als normalerweise, und im Gefängnis war man normalerweise schon sehr paranoid, weil man das dort zum Überleben brauchte. Shadow wurde noch stiller, noch mehr ein Schatten als ohnehin schon. Er ertappte sich dabei, wie er die Körpersprache der Wachleute und der anderen Insassen...