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Die Kinder der Finsternis - Roman

von: Wolf von Niebelschütz

kein & aber, 2012

ISBN: 9783036991917 , 704 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 15,99 EUR

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Die Kinder der Finsternis - Roman


 

EIN NATUREREIGNIS

Es lag ein Bischof tot in einer Mur am Zederngebirge fünf Stunden schon unter strömenden Wolkenbrüchen. Die Mur war hinabgemalmt mit ihm und seinem Karren und seinen Maultieren und seiner Geliebten, unter ihm fort, über ihn hin, als schmettere das Erdreich ihn in den Schlund der Hölle, kurz vor Anbruch der Nacht.

Fünf Stunden donnerten die Gießbäche, Felsen und Schuttlawinen; die Bergflanke bebte. Fünf Stunden kauerte die Geliebte neben dem Gehaßten, unverletzt, naß bis zur Haut, frierend, obwohl es warm war. Fünf Stunden schrien und keilten hufoben die Mulis und rüttelten durch das verknäulte Geschirr den Wagenkasten, der ohne Räder hintüber auf dem Steinmeer saß, bedeckt von grauenvoller Dunkelheit.

In der sechsten hob sich die Regenbank, der Mond jagte hinter finsteren Schleiern und bestrahlte im Winkel den weich lehnenden Leichnam, dessen Blicke erglitzerten, loschen, glitzerten. Sein höhnisch zudringliches Schillern steigerte die Angst der Verlassenen. Aus Angst, er sei nur betäubt gewesen, wagte sie nicht, ihm die Lider zu schließen; aus Angst vor den Muren wagte sie keine Flucht. Zwanzig Klafter tiefer gischtete der Wildfluß, Ziel aller Wächten und Tobel. Wohin flüchten? zu wem? Niemandem konnte sie begegnen, der nicht Böses vorhatte, niemand in der Mauretanischen Mark öffnete nachts ein Haus, die Nächte waren von Raubkatzen durchschlichen. Nicht einmal wehren konnte sie sich: Dom Firmians Schwertgurt, beim Fallen hinausgeschleudert, ruhte unter Klötzen begraben am Grunde der Schlüfte. Auch beten konnte sie nicht mehr, hatte der Bischof doch alles Fromme in ihr zunichte gemacht.

Unheimliche Geräusche spielten mit ihren aufgepeitschten Sinnen: vor dem Rumpeln und Schroten der Wasser im Tal das Gurgeln zum Tal; Hall und Nachhall von Steinschlägen; das Knarren im fernen Hochwald, Windesgesause; Fauchen; Geflatter; knackendes Astwerk; am unheimlichsten das Zwitschern und Seufzen des Geriesels in der Kleidung des Toten, der zu stöhnen schien. »Dom Firmian? lebt Ihr?« Ihre Hand schreckte zurück. Kalt und starr nickte der Herr von Trianna. Was da stöhnte, stöhnte unter dem Fahrzeug, dessen Längsbaum die Kruppe eines der Maulesel zerwirkte. Das zweite Tier, in der Qual des Verendens, erwachte zu schauriger Klage, die den Luchs anlocken würde. Ein großer Vogel strich ein. Wo er die Schwingen faltete, ragten aus den Felsmassen die bespornten Beine des Bereiters. Sie bekreuzigte sich. Der Geier faßte Stand und hackte.

Durch das Knappen des Schnabels hindurch horchte sie, mürbe vor Grausen, auf ein schleifendes Schurren, auf das immer nähere Schleifen und Schurren und Trappeln den Saumpfad entlang. Ein paarmal stockte es, trommelte gedämpft weiter; jetzt war es über ihr; es verhielt. Am Hang trabten wolfsartige Schatten, bellten auf und schnürten in das Düster zurück. Wenn es Schakale waren oder ludernde Hunde, genügte der Bischof zum Fraße; einem Wolfsrudel genügte er nicht, Wölfe rissen nur dampfendes Fleisch. Sie duckte. Streunten sie schon auf der Schweißfährte?

Statt des Rudels wuchs aus dem Berg etwas schwarz gespenstisch Flappendes, wuchs riesenhaft, stand eine Weile, schaute umher wie mit einem Gesicht, das viel zu klein war, legte die Geisterhand vor den Streif Stirn, und fiel zusammen; das Trappeln begann wieder; dann verstummte alles; der Geier entflog. Und dennoch waren sie in ihrer Lautlosigkeit da, gierige Schemen. Abermals wuchs das Gespenst in den Silberdunst. Sie rührte sich nicht. Abermals zuckten die Hufe der Kreatur. Sogleich drehte der Unhold; das Grauschwarze wurde schmal, glitt, beutelte sich und enthüllte im Sinken seinen Kern: Schultern, Arme und Rumpf eines nackten Mannes zwischen Mond und Erde. Ein Mensch! Ein Mensch in der Nacht war immer ein Mörder. »Herr mein Gott, erbarmt Euch, schützt mich, heilige Mutter Maria, ich bin noch so jung.« Sie preßte die Handwurzel in die Zähne, denn er kam.

Seine Hüfte blitzte von Messern; Schenkel und Fuß schimmerten in der Luft. Ein gigantischer Schritt, und er schwebte voran; ein zweiter, und er stieg durch das Geröll talwärts; beim fünften sah sie, daß er auf Stelzen daherfuhr; mit dem achten sprang er geschmeidig zu Boden, stach die Tiere ab, trat an den Wagen, das Fangmesser gezückt, tastete nach Dom Firmians Halswirbel, neigte das Ohr, um den Atem zu prüfen, und blickte, indem er horchte, der Lebendigen, die sich tot stellte, in das Mark. Nun hob er den mächtigen Rücken, seidig von Haut, und streckte ihn waagrecht. Ihre Lungen schmerzten. Ein mißtrauisches Knabenlächeln begleitete das Emporstreifen der Dolchhand an ihrer Schulter. Die Berührung durchflammte sie, während er pantherhaft jäh die Linke um ihre im Schoß verkrampften Hände schlug, deren Finger der Schreck spreizte; wild atmend, fühlte sie seine Gewalt errichtet. Noch tat er ihr nichts. Sie rang um Luft. Rätselhaft wurde das Lächeln. Als er sie losließ, löste sie sich und schmiegte den Nacken zitternd in seinen Griff. Da überlief ein Leuchten den ganzen goldbraunen Körper, er drückte ihren Kopf nieder, stieß den Bischof hinaus, schnitt ihr das Kleid vom Rückgrat und ging zu ihr ein, ohne Wort.

Ohne Wort lud er sie über die Schultern, trug sie, den Messergurt in der Hand, wie ein Lamm zur Bergweide empor, die voll Herden war, und warf sie aufs Lager. Ohne Wort, im Rausche der Zeugung, schöne, leise und schlanke Tiere, verlangten sie einander, Geflechte der Zärtlichkeit, immer aufs Neue, bis aus den Lustgewittern die schwarze Windstille der Schwermut brach.

Der Morgen graute; bald färbte purpurnes Blau den Rücken des Schweigsamen in den Knien der Schweigsamen, deren Augen, offen im Himmel, den Wandel des Purpurs zu Hyazinthen-Azur und Flamingoflaum spiegelten. Verloren liebkoste sie seinen Kopf, während ihr festes Gemüt gegen leidenschaftliche Wünsche kämpfte. Oben vor dem Frühgewölk floß in fächelnder Brise die Erinnerung des Ausdrucks, mit dem der Schäfer sie nahm in der Mondnacht. Er atmete auf ihr, ein durchsonnter Fels, und war doch schon fort, ein Mann der Unrast. Sie wappnete ihr Herz. Von der Sippe befohlen um der Sippe willen, hatte sie, eine Farrancolin, den Bischof erduldet, in Schande trotz ihres Opfers, niemandem mehr zu verheiraten, und konnte nach Farrancolin nicht zurück. Farrancolin hieß Nonne im Kloster oder Steinigung wegen Buhlschaft. Kein Kirchenfürst schützte sie mehr vor der Kirche; keiner, er sei denn Fürst der Kirche, durfte sich erlauben, was Dom Firmian, ein streitbarer Dreißiger, Monate hindurch sich erlaubte: sie mitzuführen wie im Kriege den Knappen, wie im Pontifikaldienst den Ornatkoffer. Der Ornatkoffer war nun frei; frei war sie, mußte sich kleiden. Jenseits der Grenze kannte man sie nicht; wohl kannte man Bischöfe vorkanonischen Alters und herbergte sie, wenn sie nach Rom pilgerten. Dorthin wollte sie. Und wer etwa forschte, aus welchem Grunde der geistliche Herr in Pontifikalien statt in Reisetracht wallfahrtete, der ehrte wohl ein geistliches Schweigegelöbnis.

Von Dom Firmian, trotz wachsender Helligkeit, war kaum noch etwas zu unterscheiden. Die Geier hockten auf dem Kadaver. Ameisen und Käfer wimmelten durch die aufgepflügten Aasbänke. Für einen Moment barg sie das Gesicht an der Brust des Hirten, der sie begütigte, wie es der Seelenhirt nie getan hatte. Sie verscheuchten die Leichenvögel und holten den Koffer unversehrt aus dem Wagenfach. Weitab von der Walstatt öffneten sie ihn. Ein Hemd fand sich nicht; so glitt der Chorrock tiefrot leuchtend an der weißen Haut bis zu den Füßen und schlug sich im Staube auf. Mit dem Cingulum band der Schäfer ihn hoch und streifte die Alba, durchbrochene Stickarbeit, darüber, kreuzte die Stola, hängte das Pluviale um ihre Schultern, nahm die Wollschere, ihr die Locken zu stutzen, setzte Bischofskäppchen und Mitra darauf und reichte den Krummstab, sorgfältig zusammengesteckt. Sie zögerte. »Ist das Kirchenfrevel?« – »Gewiß.« – »Mein Haar in Eurem Gürtel. Das bleibt Euch von mir.« – »Warum willst du nur fort?« – Sie legte den Finger auf die Lippen, als sei sie schon unterwegs. »Weil Euer Stern meinen Unstern nicht mag; er brächte Euch Unglück. Was mißfällt Euch?« – »Ich glaube dir deinen Bischof nicht. Steig vorauf zur Wiese.« Schaudernd raubte er, was noch fehlte: von Dom Firmians Finger den Ring, vom Nacken das Brustkreuz.

Sie sprachen nichts mehr. Keiner wußte des anderen Namen, keiner begehrte ihn. Keiner rührte an das, was sein würde, wenn der Bischof gebar. Sie lächelten beide, jung, unsicher und mutig. Nun war sie es, die ihm den Mantel reichte, den grauschwarzen Filz ihres nächtlichen Erschreckens. Er faßte hinein, sie teilten das Brot, das Salz, Feigen und Münzen. Dann fing er ein Milchschaf, je zwei Läufe in jeder Faust, und hielt ihr das Euter vor den Mund; sie trank, ihre Augen waren fröhlich. Als sie plötzlich voll Tränen standen, kehrte sie sich um, Stab und Mitra funkelten, und...