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Die Sturmschwester - Roman - Die sieben Schwestern 2

von: Lucinda Riley

Goldmann, 2015

ISBN: 9783641166564 , 608 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 10,99 EUR

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Die Sturmschwester - Roman - Die sieben Schwestern 2


 

I

Ägäis

Nie werde ich vergessen, wo ich war und was ich tat, als ich hörte, dass mein Vater gestorben war.

Ich sonnte mich nackt auf dem Deck der Neptun, Theos Hand schützend auf meinem Bauch. Der menschenleere Goldstrand der Insel vor uns schimmerte, eingebettet zwischen Felsen, im Licht der Sonne, und das kristallklare, türkisblaue Wasser, das träge am Ufer leckte, schäumte wie die Milch auf einem Cappuccino.

So träge, dachte ich, wie ich.

Am Abend zuvor waren wir bei Sonnenuntergang in einer kleinen Bucht vor einer der griechischen Makares-Inseln vor Anker gegangen und mit zwei Kühlboxen an Land gewatet. Die eine war mit frischen Meeräschen und Sardinen gefüllt, die Theo gefangen hatte, die andere mit Wein und Wasser. Als ich die meine schwer atmend auf dem Sand abstellte, hatte Theo mich zärtlich auf die Nase geküsst.

»Wie Schiffbrüchige auf unserer eigenen verlassenen Insel«, hatte er verkündet und die Arme ausgebreitet. »Ich sammle Brennholz, damit wir den Fisch braten können.«

Ich hatte ihm nachgesehen, wie er auf die im Halbrund um die Bucht gruppierten Felsen zugegangen war, zwischen denen knochentrockene Büsche wuchsen. Trotz seines eher schmalen Körpers war er ein Weltklassesegler, und dazu brauchte man Kraft. Verglichen mit anderen Männern aus den Crews in Segelwettbewerben, die ausschließlich aus Muskeln zu bestehen schienen, wirkte Theo fast zierlich. Zu den ersten Dingen, die mir an ihm aufgefallen waren, gehörte sein schiefer Gang. Inzwischen wusste ich, dass er sich als Kind beim Sturz von einem Baum den Knöchel gebrochen hatte, der nie richtig zusammengewachsen war.

»Wahrscheinlich bin ich deshalb für ein Leben auf dem Wasser prädestiniert. Auf dem Boot merkt keiner, wie lächerlich ich an Land watschle«, hatte er schmunzelnd erzählt.

Wir hatten den Fisch gebraten und uns unter dem Sternenhimmel geliebt. Der folgende Morgen war unser letzter gemeinsamer an Bord gewesen. Kurz bevor ich beschloss, wieder mit der Außenwelt in Kontakt zu treten, indem ich mein Handy einschaltete, und erfuhr, dass mein Leben in Scherben lag, hatte ich völlig entspannt neben ihm geruht. Und vor meinem geistigen Auge wie in einem surrealen Traum Revue passieren lassen, wie ich an diesen wundervollen Ort gelangt war …

Das erste Mal war ich ihm etwa ein Jahr zuvor bei der Heineken-Regatta in Sint Maarten in der Karibik begegnet. Als die Siegercrew mit einem Diner feierte, hatte ich zu meiner Begeisterung festgestellt, dass ihr Skipper Theo Falys-Kings war, in der Segelwelt berühmt, weil er bei Rennen in den vergangenen fünf Jahren mehr Mannschaften zum Sieg geführt hatte als jeder andere Kapitän.

»Er ist ganz anders, als ich ihn mir vorgestellt habe«, gestand ich Rob Bellamy, einem alten Segelkameraden, mit dem ich im Schweizer Nationalteam gesegelt war, mit leiser Stimme. »Mit der Hornbrille sieht er aus wie ein Nerd«, fügte ich hinzu, während ich beobachtete, wie er aufstand und an einen anderen Tisch trat, »und er hat einen merkwürdigen Gang.«

»Er ist nicht gerade der muskelbepackte Bilderbuchathlet«, pflichtete Rob mir bei, »aber als Segler das reinste Genie, denn er hat einen sechsten Sinn fürs Wasser. Bei stürmischer See würde ich keinem Skipper mehr vertrauen als ihm.«

Als Rob mich später am Abend Theo vorstellte, musterte mich dieser nachdenklich mit seinen grünen, haselnussbraun gesprenkelten Augen.

»Du bist also die berühmte Al d’Aplièse.«

Sein britischer Akzent klang freundlich und ruhig. »Der zweite Teil stimmt«, entgegnete ich, verlegen über das Kompliment, »doch soweit ich weiß, bist du der deutlich Berühmtere von uns beiden.«

Er schmunzelte.

»Was ist so komisch?«, erkundigte ich mich.

»Offen gestanden hatte ich nicht dich erwartet.«

»Wie meinst du das?«

Da wurde Theo von einem Fotografen abgelenkt, der eine Aufnahme vom Team machen wollte, weswegen ich nie erfuhr, was er damit hatte sagen wollen.

Danach kreuzten sich unsere Wege immer wieder bei gesellschaftlichen Anlässen anlässlich der Regatten. Er hatte etwas Dynamisches und ein leises, angenehmes Lachen, das die Menschen trotz seiner augenscheinlichen Reserviertheit anzog. Bei offiziellen Anlässen trug er als Zugeständnis ans Protokoll und an die Sponsoren für gewöhnlich Chinos und ein verknittertes Leinenjackett, doch seine uralten Segelschuhe und seine widerspenstigen braunen Haare ließen ihn immer aussehen, als wäre er gerade vom Boot gekommen.

Unsere Begegnungen wirkten ein wenig wie ein Eiertanz. Obwohl sich unsere Blicke immer wieder trafen, machte Theo keine Anstalten, unser erstes Gespräch fortzuführen. Erst nach dem Sieg meines Teams in Antigua, beim Lord Nelson’s Ball, der das Ende der Regattawoche markierte, tippte er mir auf die Schulter.

»Gut gemacht, Al«, lobte er mich.

»Danke«, sagte ich, befriedigt darüber, dass unsere Crew ausnahmsweise der seinen überlegen gewesen war.

»Diese Saison habe ich schon viel Gutes über dich gehört, Al. Hättest du Lust, im Juni bei der Zykladenregatta in meinem Team mitzumachen?«

Mir war bereits ein Platz in einer anderen Crew angeboten worden, aber ich hatte noch nicht zugesagt. Theo sah mein Zögern.

»Du bist schon vergeben?«

»Vorläufig, ja.«

»Hier ist meine Visitenkarte. Überleg’s dir und lass es mich bis Ende der Woche wissen. Jemanden wie dich könnte ich an Bord gut gebrauchen.«

»Danke.« Innerlich schob ich mein Zögern bereits beiseite. Wer hätte sich schon die Chance entgehen lassen, im Team des Mannes zu segeln, der als »König der Meere« bekannt war? »Eine Frage noch«, rief ich ihm nach, als er sich von mir entfernte, »warum hast du bei unserem letzten Gespräch gesagt, du hättest nicht ›mich‹ erwartet?«

Er musterte mich kurz. »Ich kannte dich nicht persönlich und hatte lediglich das eine oder andere über deine Fähigkeiten als Seglerin gehört. Und ich hatte etwas anderes erwartet. Gute Nacht, Al.«

Auf dem Weg zurück zu der kleinen Pension am Hafen, wo die Straßenlaternen die farbigen Häuserfronten in einen warmen nächtlichen Schimmer tauchten und das träge Gemurmel der Gäste aus den Bars und Cafés zu mir herüberdrang, war ich im Geist noch einmal unser Gespräch durchgegangen und hatte mich gefragt, warum Theo mich so faszinierte.

In meinem Zimmer hatte ich ihm gleich eine Mail geschrieben, um zuzusagen, vor dem Abschicken jedoch geduscht und sie danach noch einmal gelesen. Und war rot geworden, weil sie so begeistert klang. Also hatte ich den Entwurf zunächst nur abgespeichert, ohne ihn abzusenden, mich aufs Bett gelegt und meine vom Rennen verkrampften Arme gestreckt.

»Das wird bestimmt eine interessante Regatta«, hatte ich schmunzelnd gemurmelt.

Als ich die E-Mail schließlich abgeschickt hatte, war Theo postwendend darauf eingegangen und hatte mir erklärt, wie sehr er sich über meine Zusage freue. Doch einige Wochen später an Bord der fürs Rennen aufgetakelten Hanse-540-Jacht im Hafen von Naxos, zu Beginn des Trainings für die Zykladen-Regatta, war ich dann plötzlich nervös geworden.

Der Wettbewerb war nicht sonderlich anspruchsvoll, weil eine Mischung aus ernsthaften Sportsleuten und Wochenendseglern mitmachte, alle angelockt durch die Aussicht auf acht Tage fabelhaften Segelns zwischen einigen der schönsten Inseln der Welt. Mir war klar, dass wir als eines der erfahrensten Teams als potenzielle Sieger gehandelt wurden.

Theo stellte bekanntermaßen gern junge Crews zusammen, weil er diese noch formen konnte. Mein Freund Rob Bellamy und ich waren mit unseren dreißig Jahren die ältesten und erfahrensten der Mannschaft. Die anderen in dem sechsköpfigen Team waren alle Anfang zwanzig: Guy, ein stämmiger Engländer, Tim, ein lässiger Australier, und Mick, halb Deutscher, halb Grieche, der die Ägäis kannte wie seine Westentasche.

Obwohl ich sehr gern mit Theo segeln wollte, hatte ich mich nicht blind auf dieses Wagnis eingelassen, sondern mir Informationen über den rätselhaften »König der Meere« aus dem Internet beschafft und mit Leuten gesprochen, die schon einmal mit ihm unterwegs gewesen waren.

Und herausgefunden, dass er Brite war und in Oxford studiert hatte, was seinen Akzent erklärte, doch im Internet hieß es, er sei amerikanischer Staatsbürger, der das Segelteam von Yale mehrfach zum Sieg geführt habe. Ein Freund von mir wusste, dass er aus einer wohlhabenden Familie stammte, ein anderer, dass er auf einem Boot wohnte.

»Perfektionist«, »Kontrollfreak«, »nie zufrieden«, »Workaholic«, »Frauenfeind« … Auch diese Einschätzungen hatte ich gehört, letztere von einer anderen Seglerin, die behauptete, in seiner Crew übergangen und schlecht behandelt worden zu sein, was mich ins Grübeln brachte. Doch der Grundtenor lautete: »Der absolut beste Skipper, mit dem ich je gesegelt bin.«

An meinem ersten Tag an Bord begriff ich, warum Theo bei seinen Kollegen so großen Respekt genoss. Ich war laute Skipper gewohnt, die Anweisungen und Beschimpfungen herausbrüllten. Theos zurückhaltende, wortkarge Art war etwas völlig Neues. Er beobachtete uns aus der Distanz. Am Ende des Tages rief er uns dann zusammen und fasste mit ruhiger Stimme unsere Stärken und Schwächen zusammen. Da merkte ich, dass ihm nichts entging, und seine natürliche Autorität bewirkte, dass wir alle an seinen Lippen hingen.

»Und Guy: keine heimlichen Zigaretten mehr bei einer Übungseinheit unter Regattabedingungen«, sagte er zum Abschied mit einem...