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Von Terroristen, Sympathisanten und dem starken Staat - Die öffentliche Debatte über die RAF in den 70erJahren

Von Terroristen, Sympathisanten und dem starken Staat - Die öffentliche Debatte über die RAF in den 70erJahren

von: Hanno Balz

Campus Verlag, 2008

ISBN: 9783593387239, 350 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 33,90 EUR

Ersparnis: 6,00 EUR

Mehr zum Inhalt

Von Terroristen, Sympathisanten und dem starken Staat - Die öffentliche Debatte über die RAF in den 70erJahren


 

1. Mediendiskurse, deutsche Presse und Öffentlichkeit (S. 17)

Die zeitgeschichtliche Forschung hat, wie auch Teile der »Historischen Sozialwissenschaft « im Allgemeinen, in den letzten Jahren ihre Analyseinstrumente im Bereich der medialen Formationen und ihrer Wirkungen auf die Gesellschaft erweitert.

Es ist sogar von einer Wende in diesem Bereich der Forschung gesprochen worden, von einem »linguistic turn«, der unter einer breiten Einbeziehung der Semiotik, Linguistik, Psychologie und der Anthropologie einen poststrukturalistischen Paradigmenwechsel einleitete: »Die Aneignung der Welt ist dabei doppelt gesellschaftlich vermittelt: die Sprache, mit der die Menschen sich die Welt aneignen, trägt die Sedimente vergangener Weltdeutungen schon in sich, darüber hinaus geschieht jede Erarbeitung der Welt dialogisch: indem über sie geredet wird, hier wird Gesellschaftlichkeit konkret.

Sprache als System von Sprachspielen, als gesellschaftliche Praxis heißt: Form und Stoff der (sprech-)tätigen Aneignung von Welt. Sprache ist darum der Ort der Aufbereitung und Aufbewahrung historischen Wissens. In der Geschichtlichkeit der Sprache spiegelt sich die Erfahrung der Geschichte selbst.« Im Laufe dieser Wende wurden nunmehr neue epistemologische Ansprüche an die gesamte Geschichtswissenschaft formuliert, wobei hier forschungsleitend immer die Frage nach den erkennbaren und verborgenen Strukturen von Macht im Vordergrund stand. Es handelt sich bei der Suche nach den Machtverhältnissen im Ganzen also um eine kritische Analyse.

»Kritisch« darf in diesem Zusammenhang jedoch nicht als bloße negative »Sichtweise« verstanden werden, sondern meint das Herausarbeiten von Komplexitäten und Aufbrechen von dichotomen Erklärungsmustern, um dabei Widersprüche zu benennen. Denn es kann, so formuliert es Louis Althusser, keine »unschuldige Lektüre« von Texten geben.

Als nach wie vor einflussreich bei der Erforschung des Zusammenhanges von Deutungszusammenhängen, Machtstrukturen und Sprache gilt das Werk Michel Foucaults. Der von ihm geprägte Ansatz einer Diskurstheorie, hat den oben angedeuteten Paradigmenwechsel maßgeblich geprägt.

Zwar hat Foucault keine geschlossene Methodik entwickelt, doch stellen seine Begriffe »eine Art Matrix dar, die spezifische Arten von (interessegeleiteten) Analysen ermöglicht, die also jeweils bestimmte Perspektiven auf das zu untersuchende Material erlaubt«. Bei dem von mir benutzten Diskursbegriff handelt es sich in erster Linie nicht um eine Debatte, wie sie in den Medien »widergespiegelt« wird, also ein reines Untersuchungsobjekt, sondern um eine materielle Praxis, die es als eigenständige Einheit zu analysieren gilt.

Die kritische Diskursanalyse wird hier als sozialwissenschaftliche Methode verstanden, sie ist elementarer Bestandteil einer Gesellschaftstheorie, in deren Zentrum die historisch-systematische Analyse steht und welche es sich zur Aufgabe macht, zu untersuchen, wie »Wahrheiten« historisch erfunden und hegemonial wirksam werden können.

Am Ende ist eine diskursanalytisch ausgerichtete Untersuchung also immer eine dekonstruktivistische Analyse – es geht bei ihr eben nicht um die Enthüllung eines »falschen Bewusstseins« oder von Manipulation. Ansätze einer Methodik zur Diskursanalyse sind in den letzten Jahren insbesondere vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung, hier vor allem von Siegfried Jäger, weiterentwickelt worden. Aber auch die englische Schule der Critical Discourse Analysis (CDA), beziehungsweise der Critical Linguistics, bietet mit einem kritischen, aber durchaus pragmatischen Ansatz eine Grundlage für meine theoretischen und methodischen Vorüberlegungen.

In meinem methodischen Herangehen beziehe ich mich daher in erster Linie auf die Ansätze Siegfried Jägers und im Allgemeinen auf die CDA, gerade was die Verbindung von Diskurs und Ideologie betrifft. Zusätzlich hierzu bilden die theoretischen Begrifflichkeiten Foucaults den Grundrahmen meiner methodischen Überlegungen.

Im Sinne Foucaults sind das, was wir unter Diskursen verstehen, »institutionalisierte, geregelte Redeweisen, insofern sie an Handlungen gekoppelt sind und also Machtwirkungen ausüben«.

Diskurse sind somit in erster Linie nicht als Ausdruck gesellschaftlicher Praxis von Interesse, sondern, weil sie bestimmten Zwecken dienen, nämlich Machtwirkungen ausüben. Dies tun sie, weil sie institutionalisiert und geregelt sind. Zwar ist jede Diskursanalyse auch immer eine Texthermeneutik, sie geht jedoch in der Analyse einer Gesamtaussage über eine qualitative sozialwissenschaftliche Untersuchung hinaus, denn diese geht für jeden einzelnen Text »von einer in sich geschlossenen Sinn- und Fallstruktur« aus, d.h. vom Text als Dokument eine spezifischen Falles.