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Moralische Politik oder politische Moral? - Eine Analyse aktueller Debatten zur internationalen Gerechtigkeit. (Campus Forschung, Band 933)

Moralische Politik oder politische Moral? - Eine Analyse aktueller Debatten zur internationalen Gerechtigkeit. (Campus Forschung, Band 933)

von: Mathias Thaler

Campus Verlag, 2008

ISBN: 9783593387697, 353 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 32,20 EUR

Ersparnis: 5,70 EUR

  • Distinktion - Macht - Landschaft: Zur sozialen Definition von Landschaft
    Handbuch Soziologische Theorien
    Nackt duschen - streng verboten - Die verrücktesten Gesetze der Welt
    Geschichte der politischen Theorien in Deutschland 1300-2000
    Soziologie und Politik - Sozialwissenschaftliches Expertenwissen im Dritten Reich und in der frühen westdeutschen Nachkriegszeit
    Globalisierung
    Grundinformation Neues Testament
    Zeitbilder - Versuche über Glück, Lebensstil, Gewalt und Schuld
  • Word für's Büro - Schnelle Lösungen für den effektiven Einsatz von Word
    Geschichte des Christentums in Grundzügen
    Theorien der europäischen Integration
    Philosophie im Nationalsozialismus

     

     

     

     

     

 

Mehr zum Inhalt

Moralische Politik oder politische Moral? - Eine Analyse aktueller Debatten zur internationalen Gerechtigkeit. (Campus Forschung, Band 933)


 

1. Einleitung: Drei Mal Begründen (S. 19)

Dem deutschen Begriff »Begründen« eignet eine besondere Mehrdeutigkeit, die ich mir in dieser Arbeit zunutze machen möchte. »Begründen« kann nämlich zumindest drei Aktivitäten bezeichnen:

(1) Wir sprechen davon, etwas zu begründen, wenn wir eine Handlung rechtfertigen. Eine Rechtfertigung geben, bedeutet also, dass wir einen Grund anführen, der unsere Handlungsweise nicht bloß beschreibt, sondern auch intersubjektiv erklärt. Wir bringen Argumente vor, um unser Verhalten zu rechtfertigen, und erwarten zugleich, dass diese Argumente ihren Adressatenkreis nicht verfehlen und Zustimmung erzeugen. Der Anspruch, den wir im Prozess der Rechtfertigung erheben, zielt darauf ab, einem Gegenüber das Motiv zur Handlung darlegen zu können. Indem wir Gründe nennen und verlangen, versuchen wir, unseren Überzeugungen Ausdruck zu verleihen und dadurch andere zu überzeugen. Deshalb gehören Rechtfertigungen in die Domäne der praktischen Vernunft.

(2) Auch »Fundieren« ist ein Synonym für »Begründen«. Der Unterschied zur Rechtfertigung ist zwar nicht groß, aber auch nicht marginal. Behaupten wir etwa, jemand habe eine fundierte Meinung zu einer bestimmten Sache, so sagen wir mehr, als dass eine Rechtfertigung vorliegt. Wir vertreten Evidenz abgesichert. Eine fundierte Meinung nennen wir deshalb plausibel. »Fundieren« scheint außerdem Assoziationen mit Hauptwörtern wie Fundament oder Basis hervorzurufen.

Das Fundament einer These wirkt dann stabil, wenn es nicht schon beim geringsten Widerstand, beispielsweise in Form von Gegenargumenten und neuerlichen Experimenten, nachgibt. Bildlich ist manchmal davon die Rede, eine Aussage stehe »auf schwachen Beinen«, was recht anschaulich zeigt, worum es bei einem labilen Fundament geht. Es stürzt in sich zusammen, sobald seine Begründung ins Wanken gerät. Eine solche Aussage hat keine solide Basis. Dennoch erweckt ein allzu stabiles Fundament unser Misstrauen: So besitzt der Ausdruck »Fundamentalismus« einen pejorativen Einschlag.

(3) Schließlich kann auch »Gründen« mit »Begründen« gleichbedeutend verwendet werden. Dementsprechend ist es denkbar, eine Zeitrechnung mit der Gründung einer Stadt anzusetzen, wie dies im Römischen Reich der Fall war. Offenbar lässt sich alles Mögliche gründen: Gemeinschaften, Vereine, Familien, Nationen, Staaten. Wesentlich dabei ist, dass ein Akt oder eine Serie von Akten die betroffene Institution stiftet. Gründen heißt demnach, etwas neu erschaffen, was zuvor nicht vorhanden war.

In diesem Sinn ist jede Gründung kreativ. Zugleich jedoch soll mit Hilfe der Allegorie des Grundes der Eindruck erzeugt werden, dass die zu stiftende Institution immer schon im Verborgenen da war und nunmehr offiziell ins Leben gerufen wird. Der Gründungsakt beruft sich auf etwas, was ihm strukturell vorgelagert bleibt. Diese Spannung zwischen Schöpfung und Wiederentdeckung taucht in vielen Gründungsakten auf. In dieser Arbeit untersuche ich verschiedene Ansätze, Begründungen zu liefern. Die Mehrdeutigkeit des Wortes »Begründen« sehe ich dabei nicht als bedrohlich, sondern als Chance – zumal die störrische Komplexität wohl kaum über eine Einengung des Bedeutungsspektrums reduziert werden könnte.

Aufgrund der semantischen Überfrachtung des Wortes muss jedes Streben nach einer reinen Definition müßig erscheinen. Die Schwierigkeiten lassen sich nämlich beliebig verschärfen, sobald man nur die Frage aufwirft, wie die Meta- phorik von Grund und Boden beschaffen ist.

Dann gerät man ob der Vielschichtigkeit einer zunächst neutral scheinenden Wissenschaftsterminologie endgültig ins Staunen. Schon unser normales Sprechen ist auf unterschiedlichen Ebenen vom Vokabular der Begründung affiziert. So listet das Grimmsche Wörterbuch alleine hundert Adjektive auf, deren Präfix »grund-« ist: grunderfahren, grunderlogen, grundkundig, etc.

Um es mit einer Fachvokabel der Psychoanalyse zu sagen: Dieses Wort ist überdeterminiert. Selbst wenn eine Definition von Begründung zwecklos wirkt, heißt das aber nicht, dass wir uns mit einem vollends konturlosen Begriff begnügen sollten. Eine Option, um dem Begriff »Begründen« wieder Umrisse zu verleihen, bestünde darin, seine Spur in differenten Kontexten zu verfolgen und zu protokollieren.