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"IV Die Analyse der vorigen Kapitel zeigt, daß Machiavellis (S. 88-89)
Denken auf eine bestimmte Weise geschichtet ist und daß diese Schichten manchmal eine direkte Emanation der Weltsicht der Renaissance sind, sich manchmal aber ziemlich von der Quelle der Zeit entfernen und logisch und pragmatisch hergeleitet werden müssen, damit ihre Herkunft belegt werden kann. Die Schichten von Machiavellis Denken sind: Die Priorität des Weltlichen in der Politik und die deutliche Trennung von Politik und Moral, die naturgesetzliche Auffassung als Betrachtung einer Wirklichkeit, die an sich nicht naturgesetzlich und mechanisch funktioniert, sondern lediglich von einer flexiblen Gesetzmäßigkeit gewissermaßen „regiert"" wird, welche die Entfaltung des individuellen Willens nicht behindert, die historiographische Technik als Einschätzung veränderlicher, aber wiedererkennbarer Größen und als Herausbildung der jeweils richtigen praktischen Einstellung, der Patriotismus als Kraft, die diese Technik lenkt, ohne dabei ihre Eigengesetzlichkeit zu beschneiden – als irrationale Geisteshaltung, die in einer dialektischen Beziehung zum Rationalismus der Technik steht, und schließlich die Schnittmenge mit der humanistischen Bewegung in ihren verschiedenen Phasen, zugleich aber auch eine merkliche Abweichung von ihr, vor allem was den kritischen Punkt des Umgangs mit der Antike und deren Verwertung als Vorbild betrifft.
Die Vielschichtigkeit dieser geistigen Welt findet in Machiavellis Stil großen Widerhall, und dieser Widerhall ist um so bedeutender, als er direkt mit seinem Gedankengebäude verwoben ist und uns das Verständnis erleichtert, wenn wir von dessen äußeren Ausdrucksmitteln ausgehen – was sehr wertvoll ist, denn Machiavellis Denken drückt sich nirgendwo gefiltert und systematisch aus, sondern die Hinweise sind verstreut, und uns fällt die Aufgabe zu, sie zu ordnen. Indem man also die grundlegenden Merkmale von Machiavellis Stil findet, prüft man bis zu einem bestimmten Punkt, inwieweit man die Schichten seines Denkens richtig erfaßt hat, allerdings darf man nicht vergessen, daß sich die grundlegenden Positionen in seinem Denken und in seinen Methoden nicht an bestimmten Punkten konzentrieren, sondern sie sind über das ganze Werk verteilt und bilden mit ihm ein dichtgewobenes Netz.
Wenn man dieses Netz abtastet, merkt man, wie Darstellungsweise und Denken zusammenhängen, und man kann nacheinander die Auswirkungen des instrumentellen Denkens im Aufbau der Gedanken, die Funktion der irrrationalen Elemente und der Phantasie, den stilistischen Ausdruck des naturalistischen Weltentwurfs und den Einfluß gelehrter, humanistischer Elemente verfolgen. Die praktische und didaktische, im weitesten Sinne also technische Struktur von Machiavellis Denkweise manifestiert sich sowohl in den Discorsi als auch im Fürst auf greifbare Weise im Umfang, den die Beispiele in der Gesamtheit der Texte einnehmen. Wohl mehr als die Hälfte dieser beiden Werke macht die Schilderung von Beispielen aus der antiken wie auch aus der zeitgenössischen Geschichte aus, das spricht für sich.
Daß in einem Kapitel keine Beispiele angeführt werden, ist sehr selten, wo es aber vorkommt (wie in Discorsi I,30), wurden die damit verbundenen Beispiele im unmittelbar vorangegangenen Kapitel angeführt. Beispiele und Schlußfolgerungen stehen überall in einem Dialog, sie wechseln sich ab, ergänzen sich, hängen voneinander ab, werden verwoben und stellen logische Kontrapunkte dar, auf eine Weise, die kein Urteil darüber zuläßt, welcher von beiden Priorität hat, denn für Machiavelli hat eine Theorie, die sich nicht auf die Praxis bezieht (sich also nicht wieder anwenden läßt, indem sie deutlich in einem Beispiel enthalten ist) keinen Sinn, genausowenig wie das rohe historische Material einen Sinn hat, wenn der Geist daraus keine Substanz und keine Lehre zieht. "
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