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Phänomen Wiesntracht: Identitätspraxen einer urbanen Gesellschaft. - Dirndl und Lederhosen, München und das Oktoberfest
3. Festbesucher und ihre Kleider im Wandel der Zeit (S. 35-36)
3.1. Trachten und Besucher auf der Theresienwiese
3.1.1. Inszenierte Aufzüge im Umfeld des Oktoberfests
Trachten sind bis heute eng mit der Vorstellung und Wahrnehmung des Festgeschehens auf der Theresienwiese verbunden, denn „[d]ass Tracht – wie anderes auch – in der Kultur der Moderne in Prozessen der Selbstherstellung zur Inszenierung und Darstellung genutzt wird, verweist auf ihre Brauchbarkeit im reflektierten und deshalb auch kalkulierbaren Schaffen von Images“ (Köstlin 2002: 207). In diesem Zusammenhang wird „Tracht als Zeichen, als Bekenntnis und als Spielform von Ausdrucksmöglichkeiten“ verstanden (vgl. ebd.). Hauptsächlich soll das Augenmerk zwar auf die unorganisierten Akteure und ihren Trachten gerichtet sein, Kleider waren im Verlauf des Oktoberfests aber immer auch Teil der Schaustellung, des offiziellen Auftritts und der organisierten Demonstration, diverse Um-, Ein- oder Aufzüge wirkten sich maßgeblich auf das Bild der Festivität, auf die Verbindung von Fest und Tracht aus. Schon zur Hochzeit von Ludwig und Therese organisierte Felix Joseph von Lipowsky, Archivar der Ständeversammlung, den Auftritt von Münchner Kindern in speziell angefertigten Trachten, gekleidet nach Modellen aus den bayerischen Kreisen und auch in Altwittelsbacher Tracht, huldigten die Kinder dem König und seiner Gemahlin. Nach Ansicht von Gerda Möhler stand die Trachtenvorführung symbolisch für das neue bayerische Staatsgebiet und repräsentierte nicht die Landwirtschaft oder den Bauernstand, wie Joseph von Hazzi 1825 vermutet (vgl. Möhler 1981: 180). Allerdings hatte „[d]as Erheben der im Alltag getragenen Tracht zu einer ‚allegorie réelle’ (...), zu einer Allegorie für die Verwaltungseinheiten des Territoriums (...) Trachtenfestlegungen zur Folge“ (ebd. 183). Weitere Szenen und Bilder schlossen im Lauf der Jahre an und „[a]ls 1826 Ludwig I., erstmals als König, das Oktoberfest besucht, begrüßt ihn die Münchner Bürgerstochter Creszenz Orff als Bavaria, wohlgemerkt in der Miesbacher Tracht, mit einem patriotischen Gedicht. Die Tracht wird ein Politikum, sie wird zum Ausdruck bayerisch-patriotischer Gesinnung, sie wird zum Dekor vaterländischer Feste“ (Rattelmüller 1970: 17).
Zum Spektakel geriet der Umzug von 1835, Silberhochzeit und Festjubiläum wurden gefeiert und von Gustav Wilhelm Kraus in einer Reihe von Lithografien festgehalten, im Mittelpunkt standen erneut die acht bayerischen Kreise, der Zug wurde von den Landgerichten des Isarkreises organisiert. Die Mitwirkenden kleideten sich aber nicht den Kreisen entsprechend, sondern trugen ihnen verfügbare Trachten, eine Neuausstattung war schlicht zu teuer. Fraglich ist der Quellenwert der Krausschen Bilder. Laturell moniert besonders die geringe Zeitspanne, die für Skizzen überhaupt zur Verfügung gestanden hat (vgl. Laturell 1998: 188f.). Gerda Möhler nimmt ihrerseits zwar methodische Sorgfalt an, schließt Veränderungen aber ebenfalls nicht aus (vgl. Möhler 1981: 186). Abgebildet hat Kraus indessen auch den Hochzeitszug von 1842, Kronprinz Maximilian und Marie von Preußen schlossen die Ehe und „36 [katholische und evangelische] Brautpaare aus dem ganzen Königreich (...) [wurden] eingeladen, um mit dem Kronprinzenpaar Hochzeit zu feiern“ (Rattelmüller 1970: 17). Bedingung war jedoch, dass sie „(...) ihre unverfälschten einheimischen Trachten tragen, und sie müssen all die Personen nach München mitbringen, die bei ihnen daheim zu einer richtigen Bauernhochzeit gehören (...)“, so etwa einen Hochzeitslader etc. (ebd.). Die ausgewählten Paare hatten bei den Vorbereitungen allerdings mit diversen Schwierigkeiten zu kämpfen, zum Teil gab es in ihren Heimatorten gar keine lokal geprägte Tracht, zurückgegriffen wurde dann auf historische Formen oder gemischte Versionen. Auch beeinflussten unterschiedliche finanzielle Mittel deutlich die Aufmachung der einzelnen Paare und ganz davon abgesehen reisten überhaupt nur sehr begrenzte Brautzüge an, um die Kosten für die Stadt möglichst gering zu halten (vgl. Möhler 1981: 191-196). Aber auch exotische Modelle waren auf der Wiese zu sehen.
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