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Das Bild - Kulturwissenschaften: Theorie, Geschichte, Praxis

Das Bild - Kulturwissenschaften: Theorie, Geschichte, Praxis

von: Matthias Bruhn

Akademie Verlag GmbH, 2008

ISBN: 9783050043678, 257 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 17,80 EUR

Ersparnis: 2,00 EUR

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Das Bild - Kulturwissenschaften: Theorie, Geschichte, Praxis


 

5 Farbe und Linie (S. 73-75)

In der Vorzeichnung für ein Gemälde, das Federico Barocci Ende des 16. Jahrhunderts angefertigt hat, kommt eine frühneuzeitliche Technik des Pigmentauftrags zum Einsatz, bei der mit einigen bunten Stiftstrichen eine effektvolle Überhöhung von Details erreicht wurde. Durch die partielle Kolorierung der Haut scheint sich der gezeichnete Körper greifbar und plastisch vom Untergrund abzuheben: Farbe wird zum materiellen Ausdruck von Lebendigkeit, obwohl die Zeichentechnik selbst nur auf wenigen, routiniert aufgetragenen Linien beruht.

In den Aufnahmen einer Schädeluntersuchung per Magnetresonanz-Tomografie (MRT) werden krankhafte Veränderungen des Hirngewebes in einer Gegenüberstellung zweier Aufnahmen kontrastiert, um die unterschiedliche Erkennbarkeit farbkodierter und schwarzweißer Visualisierungen zu demonstrieren. So zeigt sich eine minimale Veränderung im unteren rechten Bereich in der schwarzweißen Darstellung besonders deutlich. Der Vergleich wird dadurch erleichtert, dass der Betrachter intuitiv und aufgrund entsprechender Gewohnheiten aus dem identischen Umriss der Schnittbilder auf eine mögliche Verwandtschaft zwischen beiden Aufnahmen schließt.

Farbigkeit wird, auch wenn sie sich synästhetisch auf andere Phänomene wie die ,Klangfarbe‘ übertragen lässt, als eine der zentralen Kategorien bildlicher Darstellung angesehen. Umso bemerkenswerter ist, dass viele Bildformen auch ohne Buntwerte auskommen, etwa ein großer Teil von Pressebildern oder Grafiken, aber auch jede Bleistiftskizze, die einer ,farbigen‘ Umsetzung (d. h. einer Ausführung mit bestimmten Pigmentstoffen) oft vorausgeht. Auf dieser über die Jahrhunderte eingeübten technischen und sprachlichen Unterscheidung von bunten und schwarzweißen Darstellungen beruhen auch Bildkonzepte, die zwischen einer farbigen Oberfläche und einer zeichnerisch- linearen Struktur trennen, welche das Wesentliche übermittelt und eine besondere Intelligenz von Auge und Hand erfordert. Damit drücken sie, wie bei der Differenzierung von Form und Inhalt, ein vergleichbar komplexes Wechselverhältnis aus. Aus der Beziehung von Zeichnung und Farbgebung in Kunst und visueller Kommunikation, Technik und Naturwissenschaft la¨ sst sich ablesen, wie tief deren Versta¨ndnis kulturell-historisch verankert ist.

5.1 Bunt und Schwarzweiß

Farbe meint im allta¨glichen Sprachgebrauch etwas, das korrekterweise begrifflich als Buntheit, als Pigment (Farbstoff), als Graustufe oder als Wellenlänge bezeichnet werden müsste. Genaugenommen ist alles Farbe, was innerhalb der sichtbaren Wellenlängenbereiche von 400 bis 700 nm vom menschlichen Auge wahrgenommen werden kann: Eine weiße Wand wird mit Wandfarbe bemalt, und auch eine grau bemalte Figur hat bestimmte Töne und Schattierungen, ganz unabhängig davon, ob und wie das Auge, seine Netzhaut oder das Gehirn an der Wahrnehmung derselben beteiligt sind.

Wie schon das Beispiel des Wildunger Altars im zweiten Kapitel belegt, haben sich im Laufe der Geschichte dennoch begriffliche wie praktische Unterscheidungen zwischen farbigen (bunten) und grauen (oder monochromen) Darstellungen entwickelt, welche auch die künstlerisch-ästhetischen Diskussionen, insbesondere zum Unterschied von Zeichnung und Malerei, beherrschten und die durch das Aufkommen von Techniken wie Fotografie und fotomechanische Reproduktion noch einmal verstärkt wurden.

Vor allem der Buchdruck und der Holzschnitt haben den Druck mit schwarzer Farbe auf weißem Papier zur Regel gemacht. Schon früh wurden Drucke jedoch auch koloriert oder in verschiedenen Farben mit mehreren Druckstöcken hergestellt. Seit dem 18. Jahrhundert wurde verstärkt erkundet, wie durch die Überlagerung von Farbschichten eine bunte Grafik produziert werden könnte (vgl. Graselli / Philipps 2003). Einen ersten Höhepunkt dieser Versuche und ¢berlegungen stellte Godefroy Engelmanns Chromolithografie von 1837 dar, die auf dem lithografischen Flachdruckverfahren Alois Senefelders und anderer (um 1800 einsetzbar) beruhte. Das Bild wurde dazu in Farbwerte zerlegt und stufenweise übereinander gedruckt. Generell erlaubte die Lithografie durch Auftrag einer flachen präparierten Platte die zeichnerische Erstellung der Druckvorlage (im Unterschied zum Kupferstich) und einen Abdruck in höherer Auflage.