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22 (S. 150-154)
ROSANNA GING SO SCHNELL, dass sie fast ihre Schuhe verloren hätte. Sie sah auf ihre Füße und bewunderte ihre burgunderroten, hochhackigen Riemchensandalen. Die waren zwar nicht für lange Märsche geeignet, aber sie wollte gut aussehen. Natürlich kannte sie Irma Taccani, aber sie war von ihr noch nie zum Tee geladen worden. Und Rosanna hielt es für angemessen, sich etwas Mühe zu geben, auch wenn sie nicht sicher war, ob sie einmal die Schwiegertochter von Irma werden würde. Es gab nicht mehr viele Dinge, deren sich Rosanna gewiss war. Bereits vor Reubens plötzlichem Erscheinen war sie bezüglich Corrados unschlüssig gewesen.
Doch nun wusste sie überhaupt nicht mehr, was sie denken sollte. Seit dem Moment, als Reuben mit einem von Sandros weißen Handtüchern um die Hüften vor ihr gestanden hatte, war sie kaum in der Lage gewesen, an etwas anderes zu denken. Was hatte dieser Mann nur an sich? Sie war eine rationale Frau, die sich nicht mir nichts, dir nichts in einen Mann verliebte. Trotzdem strahlte er etwas aus, das sie faszinierte, obwohl sie wusste, dass sie allen Grund hatte, nicht an ihn zu denken. Oder doch? Einer der Gründe, weshalb sie glaubte, nicht an Reuben denken zu dürfen, war die Tatsache, dass sie mit Corrado zusammen war, auch wenn sie daran zweifelte. Und das war einer der Gründe, weshalb sie sich bereit erklärt hatte, bei seiner Mutter zum Tee zu erscheinen. Der zweite Grund war, dass Elena mit Reuben verlobt war.
Andererseits war sie auch mit Mark verlobt, was die Situation von Grund auf änderte. Sie stöhnte. Konnte sie einfach in der Hoffnung warten, für welchen Mann sich ihre Schwester entschied, dass es nicht derjenige war, in den sie sich verliebt hatte? Doch selbst wenn Elena sich für Mark entschied, hatte sie noch keinen Beweis dafür, dass Reuben etwas für sie empfand, obwohl sie vorhin ständig seinen glühenden Blick auf sich gespürt hatte. Sorgsam darauf bedacht, jeden Gedanken an Reuben zu verdrängen, bog sie nach rechts in die kleine Straße ein, die zu Irma Taccanis Haus führte. Die Wohnung war eine von mehreren, die auf einen der winzigsten Kanäle Venedigs hinausgingen.
Über dem Kanal waren Wäscheleinen gespannt, deren bunte Farben sich im schmutzigen Wasser spiegelten, das reglos wie ein Stillleben dalag. Wie Sandros Wohnung befand sich auch dieses Haus in einem ruhigen Viertel, abseits der Touristenströme. Dies war das Venedig, das Rosanna liebte, auch wenn sie nicht sicher war, ob sie dasselbe auch von diesem Nachmittag behaupten konnte. Sie holte tief Luft und drückte auf den Klingelknopf aus Messing. Ein paar Minuten vergingen, ehe sie das Krächzen einer älteren Frau hörte. »Signora Taccani? Ich bin’s, Rosanna Montella.« Keine Antwort. »Corrado hat mich eingeladen. Zum Tee.« Nach wie vor drang kein Laut aus dem Lautsprecher, aber nach einer kleinen Ewigkeit summte der Türöffner. Schweiß bildete sich auf Rosannas Handflächen, als sie besorgt an ihrem Haar herumzuzupfen begann, das sich garantiert gelöst hatte und ihr das Aussehen einer Hexe verlieh.
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