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Vom Haben zum Sein. Wege und Irrwege der Selbsterfahrung - The Art of Being

von: Erich Fromm, Rainer Funk

Edition Erich Fromm, 2015

ISBN: 9783959121156 , 89 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 6,99 EUR

Exemplaranzahl:  Preisstaffel

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Vom Haben zum Sein. Wege und Irrwege der Selbsterfahrung - The Art of Being


 

4. Die Selbst-Analyse als Weg der Selbsterfahrung


a) Psychoanalyse und Selbsterfahrung

1. Die Bedeutung der Psychoanalyse als Weg der Selbsterfahrung

Ich möchte in diesem Kapitel an die vorangegangenen Ausführungen zum Gewahrwerden seiner selbst anknüpfen. Ich setze bei meinen Überlegungen voraus, dass die Psychoanalyse eine sehr geeignete Methode ist, um das Gewahrwerden seiner selbst und dadurch die innere Befreiung zu fördern. Dies heißt auch, dass Psychoanalyse eine Bedeutung bekommen kann, die über die therapeutische Funktion hinausgeht, weshalb ich von transtherapeutischer Psychoanalyse spreche. Diese Annahme wird nicht von jedermann geteilt.

Psychoanalytische Laien wie Psychoanalytiker selbst bestimmen das Wesen der Psychoanalyse meist als Heilbehandlung für Neurosen. Die Heilung erfolgt durch das Gewahrwerden verdrängter sexueller Erinnerungen und Affekte, die mit diesen verbunden sind. Auch hier geht es um Gewahrwerden, jedoch in einem viel eingeschränkteren Sinne als dem oben genannten. Das Gewahrwerden bezieht sich hier im wesentlichen auf die verdrängten libidinösen Kräfte. Das Ziel der Analyse ist ein rein therapeutisches im konventionellen Sinne, das heißt, dem Patienten soll so geholfen werden, dass sein besonderes Leiden wieder auf das allgemeine und gesellschaftlich akzeptierte Maß reduziert wird.

Ich bin der Meinung, dass dieses eingeschränkte Verständnis von Psychoanalyse der wirklichen Tiefe sowie der Bedeutung der Entdeckungen Freuds nicht gerecht wird. Man kann Freud selbst zur Rechtfertigung dieser Aussage zitieren. Als er in den Zwanziger Jahren seine Theorie weiterentwickelte und nicht mehr dem Konflikt zwischen Libido und Ich, sondern dem zwischen zwei biologisch verwurzelten Trieben – dem Lebenstrieb und dem Todestrieb – die entscheidende Bedeutung zusprach, hatte er die Libido-Theorie faktisch aufgegeben, obschon er bestrebt war, die alte mit der neuen Theorie zu versöhnen. (Vgl. hierzu Sigmund Freuds Psychoanalyse – Größe und Grenzen, 1979a, GA VIII, S. 337-358.) Als Freud definierte, was er als Kern der psychoanalytischen Theorie betrachtete, nannte [XII-434] er die Verdrängung, den Widerstand, die Übertragung, nicht aber die Libido-Theorie und noch nicht einmal den „Ödipus-Komplex“.

Was der Kernbegriff der Psychoanalyse zu sein scheint, nämlich die Libido-Theorie, ist in Wirklichkeit gar nicht Freuds wichtigste Entdeckung – abgesehen davon, dass sie auch nicht richtig ist. Um dies zu verstehen, müssen wir ein allgemeineres Phänomen in Betracht ziehen. Jeder kreative Denker vermag nur in den Denkmustern und in den Kategorien seiner Kultur zu denken. Oftmals ist sein ursprünglicher Gedanke „undenkbar“, so dass er ihn entstellen muss, um seine Entdeckungen überhaupt „denkbar“ zu machen. Die ursprüngliche Idee muss zunächst in entstellter Form ausgedrückt werden, bis die Entwicklung des Denkens, die auf der Entwicklung der Gesellschaft basiert, es zulässt, dass die älteren Formulierungen sich von den zeitgebundenen Irrtümern befreien und damit eine Bedeutung annehmen können, die sogar größer ist, als der Autor selbst zu glauben vermochte.

Freud, selbst sehr in der Philosophie des bürgerlichen Materialismus verhaftet, fand die Annahme „undenkbar“, dass eine psychische Kraft den Menschen motivieren könnte, ohne gleichzeitig als physiologische Kraft nachweisbar zu sein. In der sexuellen Energie sah er die einzige Kraft, die beide Qualitäten verband.

Freuds Theorie, dass der Konflikt zwischen Libido und Ich der entscheidende Konflikt im Menschen ist, war eine notwendige Annahme, weil sie es ihm ermöglichte, seine fundamentale Entdeckung „denkbarer“ zu machen. Wenn wir die Psychoanalyse von den Fesseln der Libido-Theorie befreien, können wir das Wesen der Psychoanalyse folgendermaßen definieren: Sie hat die Bedeutung der miteinander in Konflikt befindlichen Strebungen entdeckt, sie sah die Macht des „Widerstands“ gegen das Bewusstwerden dieser Konflikte, sie entdeckte die Rationalisierungen, die glauben machen, dass es keine Konflikte gibt, und die befreiende Wirkung des Bewusstwerdens des Konflikts, und sie erkannte die pathogene Rolle von ungelösten Konflikten.

Freud hat nicht nur diese allgemeinen Prinzipien entdeckt, sondern er war der erste, der konkrete Methoden zur Erforschung des Verdrängten in Träumen, Symptomen und im alltäglichen Verhalten entwickelt hat. Die Konflikte zwischen sexuellen Impulsen, dem Ich und dem Über-Ich sind nur ein kleiner Teil der Konflikte, die eine zentrale Rolle im Dasein des Menschen spielen, mögen sie nun tragischerweise ungelöst bleiben oder auf produktive Weise gelöst werden.

Freuds historische Bedeutung liegt nicht in der Entdeckung der Wirkungen verdrängter sexueller Strebungen. Diese Entdeckung war zur damaligen Zeit eine kühne Behauptung. Wäre sie aber Freuds größter Beitrag gewesen, hätte er nie die aufrüttelnde Wirkung gehabt, die er hatte. Freud brach mit der konventionellen Ansicht, dass Denken und Sein des Menschen identisch sind, und er deckte die Heucheleien auf. Seine Theorie war kritisch, das heißt, er hinterfragte die bewussten Gedanken, Absichten und Tugenden und zeigte auf, wie oft sie nichts anderes als Formen des Widerstandes sind, die die innere Realität verbergen.

Interpretiert man Freuds Theorien in diesem Sinne, dann ist es nicht schwierig, einen Schritt weiter zu gehen. Wir kommen zu der Erkenntnis, dass die Psychoanalyse mehr ist als eine rein therapeutische Methode. Sie kann ein Weg zu innerer Befreiung sein, indem der Mensch sich seiner verdrängten Konflikte gewahr wird. [XII-435]

Bevor ich auf die transtherapeutische Bedeutung der Psychoanalyse zu sprechen komme, möchte ich einige Warnungen aussprechen und auf einige Gefahren der Psychoanalyse hinweisen.

2. Die Begrenztheit der Psychoanalyse als Weg der Selbsterfahrung

Obwohl es modern geworden ist, zum Psychoanalytiker zu gehen, sobald man im Leben Schwierigkeiten hat, sprechen auch einige Gründe dagegen, dies zu tun. Oft ist der Gang zum Psychoanalytiker ein leichter Ausweg, um seine Probleme nicht selbst angehen zu müssen. Mit dem Ideal eines Lebens ohne Reibung, Leiden und Anstrengung, über das wir oben gesprochen haben, geht der Glaube einher, dass das Leben keine Konflikte oder schmerzvollen Entscheidungen mit sich bringen sollte. Solche Situationen werden mehr oder weniger als abnorm oder pathologisch und nicht als notwendiger Bestandteil des gewöhnlichen Lebens betrachtet. Es stimmt, Maschinen haben keine Konflikte; warum sollten lebende Automaten Konflikte haben, es sei denn auf Grund eines Konstruktions- oder Funktionsfehlers?

Ich halte diese Annahme für naiv. Nur in einem ganz oberflächlichen und entfremdeten Leben können wir bewusste Entscheidungen vermeiden. Dafür kommt es dann zu einer Fülle neurotischer und psychosomatischer Symptome, zum Beispiel zu Magengeschwüren oder Bluthochdruck, die Ausdruck unbewusster Konflikte sind. Wenn ein Mensch die Fähigkeit zu fühlen noch nicht vollständig verloren hat, wenn er nicht zum Roboter geworden ist, dann kann er es nicht vermeiden, schmerzvolle Entscheidungen treffen zu müssen. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn ein Sohn sich von seinen Eltern löst. Die Ablösung kann für ihn sehr schmerzvoll sein, wenn er das Leid spürt, das er den Eltern durch die Trennung zufügt. Es wäre aber naiv zu glauben, dass das Schmerzvolle und Schwierige einer solchen Entscheidung bereits etwas Neurotisches ist und analysiert werden muss.

Ähnliches gilt für die Probleme im Zusammenhang mit einer Scheidung. Die Entscheidung, sich von seiner Frau – oder von seinem Mann – zu trennen, ist eine der schmerzvollsten. Dennoch kann sie notwendig sein, um endlose Konflikte und ernsthafte Behinderungen in der eigenen Entwicklung zu beenden. In einer solchen Situation denken Tausende, sie müssten analysiert werden, weil sie einen „Komplex“ hätten, der ihnen die Entscheidung so schwer mache. Dieses denken sie zumindest bewusst. In Wirklichkeit haben sie oft andere Motive. Sehr häufig wollen sie ganz einfach die Entscheidung hinausschieben mit der Rationalisierung, dass sie erst durch eine Analyse herausfinden müssten, was ihre unbewussten Motive sind.

Viele Paare beschließen, dass beide vor einer solchen Entscheidung eine Psychoanalyse machen sollen. Der Umstand, dass eine Analyse zwei, drei oder gar vier Jahre dauern mag, stört sie dabei nicht besonders. Im Gegenteil, je länger sie dauert, desto länger können sie die Entscheidung hinausschieben. Aber mit dem Hinausschieben der Entscheidung während der Analyse verbinden viele – bewusst oder unbewusst – andere Hoffnungen. Einige hoffen, der Analytiker selbst fälle irgendwann einmal die Entscheidung für sie oder gebe ihnen direkt oder über eine „Deutung“ einen Rat. [XII-436] Auch wenn dies nicht zutrifft, haben sie noch eine weitere Erwartung: Sie glauben, dass die Psychoanalyse zu einer solchen inneren Klarheit verhilft, dass sie sich ohne Schwierigkeiten und ohne Schmerz entscheiden können. Wenn beide Erwartungen sich nicht verwirklichen, so kann die Analyse dennoch eine zweifelhafte Wirkung haben: Sie haben vom Reden über die Scheidung endlich genug und entschließen sich entweder zur Trennung oder zum Zusammenbleiben. Im letzteren Fall haben wenigstens beide ein Thema zum Reden, das sie beide interessiert, nämlich ihre eigenen Gefühle, Ängste, Träume usw. Mit anderen Worten, die Analyse hat ihren Gesprächen zwar einen Inhalt gegeben, jedoch bleibt es beim Reden über Gefühle, anstatt dass sie zu neuen Gefühlen füreinander kommen.

Den bisher gegebenen Beispielen könnten viele andere...