Suchen und Finden
Service
Infos und Kontakt
Kapitel 11 Können wir auf das Denken verzichten? (S. 345-346)
Belagerte Menschheit, rückschrittliche Moderne, Spielarten der Barbarei, die sich verstohlen unter das Getöse der Neuzeit mischen: Inzwischen erkennen wir vielleicht besser, wie schwerwiegend die Erschütterungen sind, die uns bevorstehen. Und wie tiefgreifend die Verwerfungen. Denn im schwer zugänglichen Untergrund lauert heute eine »stille Katastrophe«. Das fortschreitende Zerbröckeln, die heimtückische Aushöhlung des Prinzips Mensch – wir würden die Gefahr gern bannen.
Etwas in uns erschaudert und bäumt sich auf. Eine Furcht packt uns, und wir wissen nicht, wie damit umgehen. Uns wehren? Sicher, aber wie? Ein sonderbarer Moment der Geschichte. In unseren Gesellschaften rumort es von vielfältigen Ängsten, von Zorn, Groll und Verweigerung, die aber meist unartikuliert bleiben. Oder zum Schweigen gebracht werden. (Das neue Elend der Politik, die auf das alles nicht mehr eingehen kann!) Unsere stummen Ängste erinnern an das geheimnisvolle Vorausahnen irgendeiner unbekannten Gefahr, das ganze Herden manchmal mit erhobenen Köpfen erstarren läßt.
Hinter dem oberflächlichen Geplapper und dem hektischen Aktionismus lauert ein und dieselbe dumpfe Furcht, in jedem von uns. Mangels besserer Vorbilder folgt jeder mechanisch seinem Vordermann, Tag für Tag, ohne zu wissen, wohin es geht. Wir werden zur Menschenmasse … Die sich blind vorwärtsbewegt und schließlich den Globus umspannt, denn »die ganze Welt folgt dem Westen, und der Westen ist nirgendwohin unterwegs«2.
Eine »Menschheitsdämmerung« Ich habe diesem Kapitel ein Zitat von Edmund Husserl (1859bis 1938) vorangestellt, das, wie mir scheint, eine ähnliche Beklemmung und Unentschlossenheit ausdrückt – allerdings schon älteren Datums: Das Zitat stammt aus dem Jahr 1935. Am Ende seines Lebens beobachtet der alte Philosoph beunruhigt zwei barbarische Staatsformen, die sich aufeinander zubewegen, den Stalinismus und den Nationalsozialismus, und »stellt sich die bange Frage, ob die Unphilosophien, wie er sie nennt, den Sieg über die Philosophien davontragen werden, die darum kämpfen, den eigentlichen Sinn der Philosophie zu erfüllen: die Verwirklichung der Humanität des Menschen«.
Er kann nicht vorhersagen, was geschehen wird, spürt aber, daß erst Europa, dann der Rest der Welt durchaus im Relativismus und Nihilismus untergehen könnten. Aus derselben Stimmung heraus gab der Dichter Kurt Pinthus einer Sammlung expressionistischer Dichtung, die 1919 erschien, den Titel Menschheitsdämmerung.4 Menschheitsdämmerung? Im wörtlichen Sinn ja: Vor dieser Frage stehen wir wieder. »Heute«, bekennen Francisco Varela und seine Kollegen, ehe sie uns an die buddhistische Weltentsagung verweisen, »bildet der Nihilismus ein handgreifliches Problem, nicht nur für unsere westliche Kultur, sondern für den ganzen Planeten.
« Die mögliche Katastrophe hat ihr Wesen verändert, wovon sämtliche vorhergehenden Kapitel zeugen. Die Humanität des Menschen droht nicht mehr durch kriegerische Gewalt zerschmettert zu werden, die Gefahr ist vielmehr, daß sie sich in der stillen Abgeschiedenheit der Forschungslabors und Universitäten kurzerhand auflöst. Die Welt der Wissenschaft ist vom gewöhnlichen Leben Lichtjahre entfernt, die Konklaven der Forscher sind gleichgültig gegen – und taub für – die Alltagssorgen, mit denen sich unsere Zeitgenossen nach wie vor herumplagen. (Zu schweigen von der Lähmung, die der Demokratie droht, seitdem sie mehr und mehr darauf beschränkt ist, die »Banalität zu verwalten«, wie Cornélius Castoriadis sagte.)
Alle Preise verstehen sich inklusive der gesetzlichen MwSt.; Ersparnis im Vergleich zur Printversion









