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Gabriella Wise (S. 77-78)
Ihr größter Fan
Auf dem Schild stand »Kein Zutritt«, aber ich trat trotzdem ein. Da ich nun schon seit Wochen beobachtet hatte, wie die Angestellten von Astral Athena Records hier ein und aus gingen, wusste ich, dass die Tür nicht bewacht wurde. So etwas hatte ich zuvor noch nie getan, aber ich wollte unbedingt einen Blick auf mein Idol erhaschen. Und ich hatte meine Hausaufgaben gemacht. So wusste ich, dass sie das Studio nur einen einzigen Tag lang für Aufnahmen nutzen würde.
Das war meine Chance. Ich trug schwarze Satinhosen, ein langärmeliges schwarzes T-Shirt und eine schwarze Baseballkappe mit dem Astral-Athena- Logo drauf. Außerdem hatte ich einen hellgelben Postsack bei mir. Ich sah wie alle Angestellten von Athena aus – jung, hip, attraktiv. Also marschierte ich in die Büros und nickte der reizenden Dame am Empfang zu, bevor ich an ihr vorbei und in die Poststelle ging. Sie hielt mich nicht auf. Um an den Bauplan des Gebäudes zu kommen, hatte ich einen Freund bestochen, der früher mal kurzfristig für das Label gearbeitet hatte. Ich durchquerte die Poststelle, trat auf den Flur, wo ich in einen Fahrstuhl stieg und bis zur fünften Etage fuhr, wo sich die Aufnahmestudios befanden.
Dieser Bereich wurde allerdings von einer weiteren Empfangsdame abgeschirmt, doch auch diese Hürde nahm ich, indem ich einen Eilbrief aus meinem Postsack zog. »Ich brauche eine Unterschrift von Ms. X«, erzählte ich am Empfang. Die Frau betrachtete mich von oben bis unten und winkte mich dann durch. Schon nach meinen ersten Schritten hinter der Chromglas-Tür lief ich meinem Idol fast in die Arme. Ich blieb stehen, murmelte eine Entschuldigung und senkte in Erwartung einer Schimpftirade den Kopf. Ich hatte schon von ihrem unglaublichen Temperament gehört. Doch sie überraschte mich, hob mein Kinn mit zwei Fingern an und sah mir direkt in die Augen.
»Verzeihung«, wiederholte ich. »Ich hab nicht aufgepasst.« »Sie habe ich schon mal gesehen«, sagte sie. »Aber arbeiten tun Sie hier nicht.« Ich schüttelte den Kopf.Wir waren nicht allein, und ich spürte die schiere Größe des allgegenwärtigen Bodyguards in meinem Rücken, der mich sicher gleich rauswerfen würde. »Nein, Ma’am«, erwiderte ich mit sanfter Stimme, »aber es könnte sein, dass Sie mich draußen schon mal gesehen haben. Ich habe Sie beobachtet.« Sie grinste. Ihr außergewöhnliches Lächeln erhellte die ernsten Züge ihres Gesichts. »Stimmt. Und Sie waren auch schon auf Konzerten von mir, richtig?«
»Erste Reihe, Mitte«, antwortete ich und spürte gleichzeitig, wie die Wachleute mit ihren geschwollenen Muskeln immer näher kamen. Mein Idol schickte sie weg und führte mich in eines der Büros. Allein. Allein mit ihr. »Sie sind mir aufgefallen«, sagte sie. »Sie sind umwerfend.« Sie trat einen Schritt zurück, um mich zu betrachten, und überraschte mich dann erneut. Diesmal nahm sie eine Schere aus der Schreibtischschublade und schnitt mich sehr schnell aus meinen Sachen heraus. Sie behielt ihre Kleidung an – irgendwas Weiches in Schwarz.Mir gefiel das Gefühl ihrer Kleider auf meiner nackten Haut, und sie schien es auch zu mögen. Die Frau streichelte meinen Rücken, meinen Hals, küsste meine Augenbrauen, meine Wimpern und meine Wangen. »Es ist nicht so leicht, meine Aufmerksamkeit zu erregen. Du hast dir wirklich Mühe gegeben«, sagte sie, auf einmal zum vertrauten Du wechselnd.
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