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Phase 7 – Strahlentherapie und Sozialmedizin (S. 223-224)
Die Angst vor dem inneren Tschernobyl
Strahlen – ein Wort mit zwei Botschaften: auf der einen Seite die Vorstellung von Sonne, Glanz, Licht und Heiterkeit, auf der anderen Seite die Phantasie vom Super- Gau, von Tschernobyl, von Atommeilern, von Strahlenbunkern. Es mag an dieser nicht fassbaren Doppeldeutigkeit liegen, dass die Behandlung mit Strahlen zu den am meisten gefürchteten Therapien in der Zeit nach einer Brustkrebsoperation gehört.
Unheimlich ist auch, dass wir Strahlen nicht sehen, fühlen, riechen oder schmecken können – sie entziehen sich unserer normalen Wahrnehmung. Auch wenn Strahlentherapien häufig nicht mehr in einem düsteren, fensterlosen Trakt des Krankenhauses stattfinden, wirken diese Abteilungen bedrohlich. Der Blick fällt sofort auf die vielen schwarz-gelben Warndreiecke, die ionisierende Strahlung symbolisieren.
Wortlose Patienten sitzen abrufbereit im Wartezimmer – von denen strahlt keiner, sie werden gleich bestrahlt. Endlich der Aufruf durch den Lautsprecher. Der Aufruf zum Gang in eine moderne Hölle, wo Krebszellen im Körper auf unsichtbare Weise vernichtet werden sollen. Man wird auf einer Liege so genau zurecht gerückt – noch einen Millimeter nach rechts, nein, bitte noch einen Hauch mit dem Po nach hinten – dass die anonyme Gefahr noch gefährlicher scheint.
Und dann der Moment, in dem sich die strahlensichere Doppeltür hinter der Assistentin schließt und man da liegt, allein und mit einem tiefen Gefühl von Verlassenheit, und auf etwas wartet, das kommen wird und das man nicht sieht. Etwas Machtvolles soll kommen, so mächtig, dass es Krebszellen zunichte machen kann, etwas, das man nicht sehen, nicht riechen und nicht schmecken kann, etwas, das kaum Geräusche erzeugt, außer jenem Sirren aus einem Apparat über der Liege, der aussieht wie eine fliegende Untertasse.
Und nach zweieinhalb Minuten öffnet sich die strahlensichere Doppeltür, die MTA kommt herein und man fragt sich, ob das denn bitte alles gewesen sein soll. Wozu der ganze Aufwand für diesen Krebskiller, der auf leisen Sohlen und mit einer Tarnkappe gekommen ist? Wozu die ganze Angst? Dieses Szenario einer Strahlentherapie soll Ihnen ein wenig von den irrationalen Befürchtungen nehmen, die diese unsichtbare Krebsbehandlung belasten.
Auch wir haben unserem persönlichen Krebs-Tschernobyl mit vielen schrecklichen Phantasien entgegengesehen. Als dann nichts geschah, warteten wir täglich, dass jetzt doch endlich etwas passieren müsse: Erbrechen, so etwas wie eine innere Explosion vielleicht, Rippen, die zu Bruch gehen, Schluckbeschwerden. Es kam nichts. Nur nach drei Wochen begannen wir allmählich zu merken, dass die Strahlen tatsächlich etwas taten: Sie machten uns müde, sehr müde.
Fatigue – die chronische Müdigkeit. Ein Symptom, das wir Ihnen mit vielen anderen Informationen zur Strahlentherapie in dieser Phase vorstellen werden. Strahlen – die unsichtbare Macht Seit es 1895 dem Physiker Wilhelm Conrad Röntgen gelungen ist, radioaktive Strahlung (X-Strahlen) in einem aufwendigen Apparat zu erzeugen, steht der Medizin für die Diagnostik und Behandlung von Krankheiten ein unschätzbares Werkzeug zur Verfügung. Schon lange bevor der Brustkrebs in Ihr Leben getreten ist, haben Sie die Macht dieser unheimlichen Strahlen bereits kennen gelernt: Selbst unsichtbar, machen sie im Röntgenbild Verborgenes sichtbar. Andere Physiker haben die Arbeit des Nobelpreisträgers Röntgen fortgesetzt und neue, komplizierte Geräte erfunden, die energiereiche Röntgenstrahlen erzeugen können.
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