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Messe (Frankfurt) (S. 96-97)
Nach Frankfurt fahre ich jedes Jahr im Herbst – zur Buchmesse. Und jedes Mal läuft das Programm nach dem gleichen Muster ab: Tagsüber sitzen alle in den Hallen herum und imitieren Geschäftstüchtigkeit, abends gehen sie in den Frankfurter Hof, trinken und warten. Die Literaturagenten warten, bis die deutschen und ausländischen Verleger genug intus haben, um ein paar Bücher unbekannter deutscher Autoren einzukaufen. Die Verleger warten darauf, dass die Agenten sich betrinken. Sie versprechen sich dann bessere Konditionen beim Kauf der vermeintlichen Bestseller des kommenden Jahres. Diese Strategie geht aber selten auf. Bis Mitternacht bleiben alle fit, dann stürzen sie gleichzeitig dermaßen ab, dass man schon nichts mehr kaufen, geschweige denn verkaufen kann. Die wenigen Autoren, die dabei sind, betrinken sich aus Solidarität und um nicht aufzufallen. Deswegen sind für mich die Frankfurter Bücherherbste zu einer sich ständig wiederholenden Trinkschleife geworden.
Nur an die erste Messe kann ich mich noch gut erinnern, sie hatte mich damals – einen naiven Anfänger – ordentlich überrascht. Der Laden war rappelvoll. In den Gängen wimmelte es von Menschen, alt und jung, Männer und Frauen, Studenten mit schlappen Rucksäcken und vornehme Damen in schönen Abendkleidern. Das Ganze nannte sich »Frankfurter Buchmesse mit dem Schwerpunkt polnische Literatur «, und ich als junger Autor eines einzigen Buches stand mittendrin. Das Ausmaß des Geschehens hat mich beeindruckt: zu viele Leute, zu schlechte Luft und eine beinahe hysterische Stimmung. So stellte ich mir einen Bahnhof in Zeiten des Krieges oder bei einer bevorstehenden Evakuierung vor. Aus allen Lautsprechern schallten wichtige Informationen, die man jedoch unter keinen Umständen verstehen konnte. Wahrscheinlich werden hier alle Ansagen auf Polnisch gemacht, dachte ich, wegen des Schwerpunkts. Von meinem Agenten wusste ich, dass die meisten Leute hier nicht gewöhnliche deutsche Leser waren. Hier wurden Geschäfte gemacht, hier wurde viel Geld verdient und ausgegeben.
Nach einigen Stunden in den Hallen konnte ich mich einigermaßen orientieren. Ganz oben unter einer Glaskuppel saßen die Literaturagenten. Sie wickelten dort ihre Termine mit wichtigen Leuten ab. Vor der Glaskuppel standen aufgeregte Menschen mit Aktentaschen: noch unentdeckte Autoren. Sie warteten auf Agenten, um sie mit einem Ma- nuskript zu überraschen. Aber die Agenten waren nicht dumm und gingen den unentdeckten Autoren aus dem Weg. Dazu ließen sie sich noch von Sicherheitskräften bewachen und verließen ihre Glaskuppel nur in äußerster Not. Ganz unten im Erdgeschoss liefen die Verlagsangestellten aus aller Welt herum, ebenso die bereits entdeckten Autoren mit ihren Familienangehörigen, Journalisten, Touristen und Messefans. Sie alle suchten irgendetwas.
»Ich suche Günter Grass«, sprach mich ein Verrückter an. »Wissen Sie nicht zufällig, wo er dieses Jahr steckt? Es ist sehr wichtig, es geht um die Verletzung meiner Menschenrechte. Keiner will mir helfen, Günter Grass ist meine letzte Chance.« Ich wusste nichts von Günter Grass und war selbst auf der Suche – nach Jelzin. Irgendwo sollten einige russische Verlage ihre Neuerscheinungen präsentieren, unter anderem Jelzins Erinnerungsbuch »Mein Leben als Präsident«. Vielleicht saß der Autor selbst da, konnte sich vor Langweile nicht retten, und wir könnten zusammen einen trinken gehen. Die Russen waren aber schwer zu finden, erst nach zwei Stunden entdeckte ich sie: Auf vier kleinen Tischen lagen Postkartensammlungen mit schönen Kirchen, einige nicht übersetzte Lebenswerke alter russischer Philosophen und bunte Kalender mit Blondinen der neuen Generation. Jelzin war nirgendwo zu sehen, nur zwei Vertreter seines Verlags. Sie naschten an einem Trockenfisch. Ich verließ die Messe allein und ging zum Hotel Frankfurter Hof. Dort war ich mit meinem Agenten verabredet. Wir setzten uns in die Lounge und bestellten Mineralwasser. Langsam baute sich an unserem Tisch eine kleine Gesellschaft auf: der Verleger eines Konkurrenzverlags, der sich auch ein Mineralwasser bestellte, eine alte Übersetzerin, die Kamillentee trinken wollte, dann eine dicke Russin aus New York zusammen mit ihrer Tochter, die als russische Literaturagenten unterwegs waren und an einem Orangensaft nippten.
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