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Es beginnt am siebten Tag - Psychothriller

Es beginnt am siebten Tag - Psychothriller

von: Alex Lake

HarperCollins, 2016

ISBN: 9783959676106 , 480 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 7,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Es beginnt am siebten Tag - Psychothriller


 

1. DAS LEBEN IST KOMPLIZIERT


I.


Sie würde zu spät kommen. Schon wieder.

Julia Crowne warf einen Blick auf die Uhr an der Wand des Konferenzraums. Es war eine dieser Schweizer Bahnhofsuhren mit den viereckigen Zeigern. Die Uhr war echt, keine Billigimitation, sondern ein edles Original. Alles hier war teuer und edel – von dem ovalen Tisch aus glänzend poliertem Holz bis hin zu den bequemen Ledersesseln. Angeblich hatte all der Luxus eine beruhigende Wirkung auf die Klienten, die sie hier empfingen.

Vierzehn Uhr vierzig. Das heutige Meeting war leider ganz und gar nicht ruhig verlaufen. Und ein Ende der Sorgerechtsbesprechung war noch längst nicht in Sicht. Was vor allem an Carol Prowse lag, Julias Klientin. Carol verhielt sich irrational, auch wenn man ihr das nicht wirklich übel nehmen konnte. Immerhin hatte die Stadträtin ihren Mann Jordi – seines Zeichens Poet und Teilzeitenglischlehrer – mit einer ehemaligen Schülerin im Bett erwischt. Leichter machte Carols Verhalten die Sache trotzdem nicht.

Tap, tap, tap. Unter dem Tisch begann Julias Fuß einen nervösen Rhythmus zu klopfen. Um drei Uhr musste sie Anna, ihre fünfjährige Tochter, von der Schule abholen. Und heute durfte sie unter gar keinen Umständen zu spät kommen, denn eine halbe Stunde später waren sie bereits mit dieser Cockerspanielbesitzerin verabredet, damit Anna sich einen Welpen aussuchen konnte.

Die Hundebesitzerin hatte angeboten, bis um halb vier auf sie zu warten – danach musste sie zur Nachtschicht ins Krankenhaus. Und natürlich hatte Anna seit Tagen von nichts anderem mehr gesprochen als von diesem Hund. Julia und sie hatten zusammen ein Körbchen gekauft. Sie hatten überlegt, wo sie es hinstellen konnten und wie der Babyhund heißen sollte. Nach langem Zögern hatte Anna sich für „Bella“ entschieden, was Julia gar nicht so schlecht fand. Während sie gemeinsam Hundefutter, Napf und Leine besorgten, hatten sie sich ausgemalt, wie sie mit Bella spazieren gehen würden. Und wenn es eines gab, was Julia um alles in der Welt vermeiden wollte, dann war es, zu spät zu kommen und ihrer enttäuschten Tochter ins Gesicht blicken zu müssen, wenn sie ihr sagte, dass der Babyhund heute Abend doch nicht in seinem neuen Bettchen schlafen würde.

Mehr noch. Anna brauchte diesen Hund. Sie brauchte all die Freude und die Liebe, die so ein Welpe mit sich brachte. Denn bald würde Julia ihren eigenen Scheidungskampf durchfechten müssen. Und falls die Auseinandersetzung um das Sorgerecht auch nur annähernd in die Carol-Prowser Richtung ging, würde Anna jede Ablenkung, die sie bekommen konnte, bitter nötig haben.

Im Gegensatz zu Carol hatte Julia ihren Mann nicht im Bett mit einer Schülerin vorgefunden – dankenswerterweise, schließlich unterrichtete Brian die Unterstufe. Auch sonst war keine weibliche Konkurrenz in ihr Leben eingedrungen. Und selbst wenn, hätte ihr das vermutlich nichts ausgemacht. Und genau darin lag das Problem. Sie mochte Brian. Er war ein guter Mensch, ein guter Vater und ein guter Ehemann. Na ja, er war okay, als Mensch, Vater und Ehemann. Aber er inspirierte sie nicht. Schlimmer noch: Er interessierte sie nicht. Inzwischen jedenfalls nicht mehr. Jetzt war er für sie fast so etwas wie ein Arbeitskollege. Jemand, den man kannte, aber aus der Ferne betrachtete. Jemand, über dessen Probleme man sprach (Hast du schon gehört, dass Brian sich scheiden lässt?), um dann bedauernd den Kopf zu schütteln und mit der Arbeit weiterzumachen. So traurig es auch sein mochte, das war es, was sie für Brian empfand: Er gehörte nicht mehr in ihr Leben.

Es war nicht immer so gewesen. Eine Zeit lang hatte da dieses Foto auf dem Schreibtisch in ihrem Büro gestanden – Brian und sie, am Strand von Milos. Der erste Abend ihrer Flitterwochen. Sie hatten gegrillten Fisch gegessen, während im Hintergrund die Sonne im griechischen Meer versank.

Nach dem Essen hatten Brian und sie eng umschlungen am Strand gestanden und hinaus aufs Meer geschaut.

„Das hier ist das Paradies“, hatte sie gesagt. „Unglaublich, oder? Dass es auf der Welt so viel Magie, so viel Schönheit gibt.“

Brian hatte gelacht. „Du klingst, als ob du Gras geraucht hättest. Wie dieses eine Mal, als wir gekifft und dann ewig die Sterne angestarrt haben.“

„Aber das hier ist echt“, hatte sie erwidert. „Es ist wirklich das Paradies! Unsere Füße im Wasser, keinerlei Sorgen. Es gibt nichts, was wir tun müssen. Wir können einfach zurück ins Hotel gehen.“ Sie hatte ihn angesehen, die muskulösen Arme, den flachen Bauch. Dann hatte sie ihre Lippen an seinen Hals gedrückt und die Hand in seinen Haaren vergraben, die vom Salzwasser ganz steif waren. „Und wenn wir im Hotel sind, können wir in unser Zimmer gehen und überlegen, ob uns nicht irgendetwas Nettes einfällt für die nächsten Stunden unserer Flitterwochen.“

Damals war zwischen Brian und ihr alles so einfach gewesen. So liebevoll, so eng verbunden. Aber diese Verbundenheit existierte längst nicht mehr. Irgendwo auf ihrem Weg hatten sie beide unterschiedliche Pfade eingeschlagen und angefangen, unterschiedliche Dinge im Leben wichtig zu finden. Der ganze Prozess war derart schleichend abgelaufen, dass sie es zunächst gar nicht bemerkt hatten. Und jetzt war es zu spät. Inzwischen waren sie meilenweit voneinander entfernt. Vermutlich hatte diese schleichende Trennung ungefähr mit Annas Geburt begonnen. Anna war ein Einzelkind und würde das wohl leider auch bleiben, wenn man bedachte, wie schwer es gewesen war, sie überhaupt zu bekommen. Als einziger kleiner Mensch unter lauter großen brauchte Anna Inspiration. Sie brauchte einen Vater, der sich wilde Geschichten für sie ausdachte, der mit ihr auf Schatzsuche ging, mit ihr malte und bastelte. Einen Vater, der ihre Lebenslust nicht bremste, sondern ihr beibrachte, dass die Welt voller Wunder und spannender Abenteuer war.

Brian liebte seine Tochter. Er vergötterte sie. Aber der Gedanke, zusammen mit ihr etwas Neues auszuprobieren, lag ihm völlig fern. Nie im Leben würde er Anna zum Campen auf eine einsame Insel mitnehmen oder auch nur ins Kindertheater gehen. Noch kein einziges Mal hatte er einen Hindernisparcours im Garten aufgebaut, sich mit ihr verkleidet, Trampolinspringen mit ihr geübt oder eine Familienolympiade ausgerichtet. Stattdessen hatte er ihr einfach die gleichen Lego-Sets und die gleichen Disney-Puppen geschenkt, die alle Mädchen ihres Alters bekamen. Brian war völlig zufrieden damit, dass seine Tochter innerhalb der engen Grenzen des langweiligen Vororts aufwuchs, den er seit Neuestem so schätzte. Nur kein Schritt über die Linie, immer schön den Regeln folgen. Aber das war zu wenig für Anna. Und, dachte Julia jetzt, es war auch zu wenig für sie. Sie wollte mehr, für sich und für ihr Kind. Nur war Brian leider nicht derjenige, mit dem sie das erreichen würde.

Um ganz ehrlich zu sein, war er einfach etwas langweilig. Auch wenn sie ihm das nie so gesagt hätte.

Jedenfalls war das ihre feste Absicht gewesen. Aber als sie Brian vor einem Monat mitgeteilt hatte, dass sie sich Gedanken über ihre gemeinsame Zukunft machte – beziehungsweise über die Frage, ob es so etwas überhaupt geben würde –, hatte er äußerst gereizt reagiert. Die Sache war in einen bösen Streit ausgeartet, und am Ende hatte sie sich zu einigen Bemerkungen hinreißen lassen, die sie nun bereute. Doch einmal losgelassen, waren solche Sätze nicht mehr zurückzunehmen. Daher blieb ihr jetzt nichts anderes übrig, als mit den Konsequenzen zu leben.

„Du bist einfach ein wenig … Weißt du, du bist irgendwie so …“ So langweilig hatte die Stimme in ihrem Kopf den Satz vollendet. Aber sie hatte sich gerade noch zurückhalten können und in letzter Sekunde eine etwas harmlosere Formulierung gefunden. „Du bist einfach so normal.“

Doch ihr Versuch, den Schlag abzumindern, war nicht besonders erfolgreich gewesen. Brian war noch bleicher geworden, und sie hatte gesehen, wie er die Zähne zusammenbiss. „Normal?“, hatte er schließlich hervorgestoßen. „Du meinst wohl langweilig, oder?“

Dummerweise hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Gläser Wein intus gehabt und ihren Ärger nicht mehr im Zaum halten können. Also hatte sie genickt.

Und dann hatte sie ein paar Dinge zu Brian gesagt, die im Grunde komplett überflüssig gewesen waren. Wie zum Beispiel, dass sie keine Lust mehr hatte, das Leben einfach nur an sich vorbeirauschen zu sehen. Oder dass es sie unglaublich nervte, jedes verdammte Wochenende dieselben Dinge zu unternehmen, im Urlaub immer an dieselben Orte zu fahren und immer in denselben Restaurants zu essen. Weil sie sich nach mehr sehnte. Nach Abenteuer, Leidenschaft und Farbe in ihrem Leben.

„Das ist doch einfach nur deine beschissene Midlife-Crisis“, hatte Brian entgegnet. „Schon komisch. Dabei sollte doch ich derjenige sein, der den guten alten Zeiten hinterher trauert und unsere Ersparnisse auf den Kopf haut, um einen Sportwagen zu kaufen. Ach ja. Und eine heiße Affäre mit irgendeinem hübschen jungen Ding würde vermutlich auch noch zu diesem Affentanz gehören.“

Woraufhin sie die Dinge gesagt hatte, die sie inzwischen wirklich bereute.

„Weißt du was, Brian? Ganz ehrlich: Ich wünschte, du hättest eine Affäre. Ein Mann, der Leidenschaft empfindet, wäre immerhin noch interessant. Jedenfalls viel interessanter als einer, der quasi schon, mit Hausschuhen und Pfeife bewaffnet, die Abende im Sessel verbringt.“

„Was!“ Brian war plötzlich ganz rot im Gesicht geworden. „Was hast du gerade gesagt?“

Also hatte sie ihre Aussage wiederholt. „Ein Mann, der quasi schon, mit Hausschuhen und Pfeife bewaffnet, die...