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27 (S. 300-301)
Im Haus Humbert Street 23
Wie Sophie wurde Gaynor später immer wieder von blutigen Träumen heimgesucht. Jimmy auch. Traumatisiert von den Geschehnissen jenes Tages, pflegten sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf hochzufahren, schweißgebadet, die weit aufgerissenen Augen mit starrem Blick in die Dunkelheit gerichtet, mit zitternden Fingern nach dem Lichtschalter tastend. Alle lehnten sie eine Therapie ab; Sophie, weil sie Bob hatte, der ihr mit viel Geduld beistand; Gaynor, weil sie es nicht ausgehalten hätte, Schmerz und Schuldgefühle jenes Tages noch einmal zu durchleben; und Jimmy, weil er sie immer wieder von neuem durchleben musste, um die verlorenen Menschenleben nicht zu vergessen. Ihrem Unbehagen zum Trotz wagte Gaynor es schließlich, sich an das Haus Nummer 23 heranzupirschen.
Es irritierte sie, dass die Hintertür zur Küche mit Gewalt aufgebrochen worden war, aber Jimmy wäre da sicher nicht rausgekommen, sagte sie sich, wenn dies nicht einer der Notausgänge wäre, und sie suchte ja nichts weiter als einen Durchgang nach vorn. Wie vorher Jimmy, als er zu ihr gekommen war. Im Vorbeigehen warf sie einen schnellen Blick durchs Fenster des hinteren Zimmers und sah, dass niemand dort war, genau wie in der Küche. Sie tappte durch Wasser, das auf dem Fußboden stand, und blieb an der Tür stehen.
»Hallo? Ist hier jemand?«, rief sie laut. »Ich möchte zur Humbert Street durch. Ich suche meine Kinder.« Totenstille antwortete ihr. Wenn sich jemand im Haus aufhielt, war er offenbar darauf bedacht, sich nicht bemerkbar zu machen. Sie versuchte ihr Glück an der Tür zum hinteren Zimmer, aber es war abgesperrt; sie blickte die Treppe hinauf, machte dann vor der offenen Tür des Wohnzimmers halt. Mit einem einzigen Blick registrierte sie alles: das eingeschlagene Fenster; die wehenden Vorhänge; zertrümmerte Möbel; umgestoßene Lampen; Ziegel und Steine auf dem Boden. Gleichzeitig nahm sie den beißenden Qualm eines mit Wasser gelöschten Feuers wahr.
Ihr erster Impuls trieb sie zur Flucht, aber vor dem Fenster erkannte sie, unverwechselbar, die hochgewachsene Gestalt ihrer Tochter, die mit dem Rücken zum Haus stand. An ihrer Seite war Colin. Und während sie hinausblickte, löste sich das Geschrei der Menge in einzelne höhnische Stimmen auf. Die erste kannte sie, konnte aber nicht sagen, wem sie gehörte. »Hey, lang warten wir nicht mehr, du Kuh!« »Was macht dein Typ da drinnen, Mel? Treibt er's vielleicht mit Perversen? «
»Kann ja sein, dass er für Tussen mit dicken Bäuchen nichts übrig hat. Kneif nächstes Mal lieber die Beine zusammen.« Dieselbe Stimme, lauter und hemmungsloser. Die Stimme eines Schwarzen. »Wenn der denen hilft, Zicke, reiß ich euch den Arsch auf, dir und deinem beschissenen Bruder, das schwör ich. Wie wir die Bomben gemacht haben, hast du große Reden geschwungen, Col, und jetzt traust du dich nicht, damit zu werfen, du feige Sau.« Wesley Barber, dachte Gaynor erschrocken. Der Verrückte, der auf Methedrin war - und allem Anschein nach bis obenhin damit vollgepumpt. O Gott, was sollte sie tun? Rauslaufen und sich zu Melanie und Colin stellen? Den Leuten sagen, dass Jimmy gar nicht mehr da war? Sie würden ihr nicht glauben. Und wo war er überhaupt hin? Was tat er? Wer waren die Leute, die er bei sich hatte? Sie suchte krampfhaft nach Antworten. Waren es die Kinderschänder?
Aber wer war die Frau? Und was würden die Leute mit Mel und Col machen, wenn sie glaubten, Jimmy hätte den Perversen zur Flucht verholfen? Mit Gewalt zügelte sie ihre Gedanken. Das Einzige, was sie zu interessieren hatte, war eine Lösung. Es war unsinnig, wenn Mel und Col ein leeres Haus bewachten. Da wäre es das Gescheiteste, sie - Gaynor - stiege durchs Fenster raus und sagte ihnen, sie sollten sich zurückziehen und Wesley ins Haus lassen. Den Brandgeruch nahm sie nicht als bedrohlich wahr. Das Feuer war aus, und die Konsequenzen für die Nachbarhäuser, wenn Nummer 23 in Flammen aufginge, interessierten Gaynor im Augenblick so wenig, dass sie diese Gefahr nicht einmal in Erwägung zog. Sie lief in Windeseile die Treppe hinauf, um einen Blick in die oberen Räume zu werfen.
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