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14 (S. 109-110)
Den ganzen Tag über habe ich das unangenehme Gefühl, dass wir beobachtet, ja verfolgt werden. Ich spüre etwas Dunkles, Schattenhaftes um uns herum, doch sooft ich mich auch umdrehe, ich kann nichts Verdächtiges entdecken.
»Erzählen Sie mir doch von Anna«, bitte ich Mrs. McGuane. Sie seufzt, trinkt einen Schluck Wein und antwortet nicht gleich. Da ich noch keine der anderen Weinkellereien in der Umgebung besucht hatte, bestand sie darauf, dass wir auf Weinprobentour gehen, und nun machen wir eine Pause, nehmen auf dem Rasen von Clos Pegase, einer Kellerei am nördlichen Rand des Napa Valley, ein spätnachmittägliches Essen ein. Vorher waren wir in der Oakville Grocery, einem hundert Jahre alten Kaufhaus, das in einen Gourmet-Tempel und Delikatessen-Palast verwandelt worden ist.
Dort haben wir unsere Picknick-Kühlbox gefüllt – mit Kräuterbrie, in Scheiben geschnittener geräucherter Putenburst, Oliven, Sauerteig-Baguettes aus San Francisco, frischem Obst und ein paar Schokoladentrüffeln –, und bei Clos Pegase haben wir eine Flasche Chardonnay Reserve gekauft. Das Essen, das wir auf einer rot karierten Decke ausgebreitet haben, ist schon halb verzehrt. »Anna«, sagt sie schließlich, seufzt noch einmal und schüttelt den Kopf. Weiße Haarsträhnen umrahmen ihre Schläfen. Ihr Gesicht verfinstert sich, und dann taucht ein unbehaglicher Ausdruck in ihren Augen auf, ein angespannter und verkniffener Blick, der die Fältchen um ihre Augen zu vertiefen scheint.
Sie trägt einen dunkelblauen Rock und einen kurzärmeligen cremeweißen Pullover mit einem Perlenknopf am Kragen, an dem sie herumzuspielen beginnt. Sie sieht zu, wie ein paar Wagen auf den Parkplatz fahren und die Leute auf den von Säulen flankierten Eingang der Weinkellerei zugehen. Ich warte geduldig ab. Verteile Brie auf einem Stück Brot, das ich vom Laib abgerissen habe, und beiße hinein. Ich stütze mich auf dem Ellbogen ab, habe in der anderen Hand das Weinglas und schaue abwesend zur Kellerei hinüber.
Sie sieht ganz anders aus als Byblos oder die anderen Weinkellereien, die ich im Napa Valley gesehen habe; wie ein monumentaler griechisch-römischer Tempel und zugleich sehr zeitgenössisch, ein beige- und terrakottafarbener Bau von präziser Geometrie, mit strengen Winkeln, glatten Oberflächen und gigantischen Säulen. Über Spaliere ranken Weinreben mit üppigem hellgrünen Laub am Haus empor.
Ich schüttele meine Anspannung ab. Hier lauert nichts Finsteres, sondern moderne Skulpturen stehen verstreut auf dem Anwesen – verblüffende, drohende Kolosse, die aus der Erde hervorgebrochen zu sein scheinen, als wäre die Natur Amok gelaufen: ein über zwei Meter hoher faltiger Bronzedaumen, eine weiße Marmorskulptur, kurvig, von surrealer Formlosigkeit, eine üppige Anhäufung von Brüsten, die in ih- rem Purpur einer prallen reifen Weintraube ähnelt.
Der Chardonnay hat einen weichen, butterartigen Geschmack und einen Hauch von Vanille, der von den Eichenholzfässern stammt, wie ich von Mrs. McGuane gelernt habe. Und noch etwas hat sie mich gelehrt: Wein ist großer Musik sehr ähnlich – je mehr ich darüber weiß, desto mehr schätze ich ihn und erfreue mich an ihm. Ein herrlich gealterter Cabernet kommt einer Beethoven-Symphonie gleich, er ist klassisch, voller Schwingungen, tief und vielschichtig. Ein Pinot Noir dagegen ist eher wie Chopin, romantisch, sinnlich, exquisit, und ein Sauvignon Blanc ist reiner Jazz, lebendig und frech, mit einem unverschämten Nachklang. Mrs. McGuane wendet sich mir zu und sagt: »Sie und James haben eine Affäre, nicht wahr?« Überrascht schweige ich und nicke dann.
»Das habe ich mir gedacht«, sagt sie und lässt den Perlenknopf ihres Pullovers in Ruhe. »James hat das natürlich nicht erwähnt, er ist mir gegenüber immer sehr verschwiegen, was seine Freundinnen angeht, aber ich habe gesehen, dass er Sie anders anschaut. Direkter, vertrauter. Auch Gina ist die Veränderung aufgefallen.« Sie berührt sanft meine Hand und nimmt sie dann in ihre. Ihre Hand ist viel größer als meine – sie ist überhaupt viel größer als ich – und obwohl sie fast siebzig ist, hat sie eine Robustheit, mit der ich nicht mithalten kann. Neben ihr wirke ich empfindsam, zerbrechlich und substanzlos. Sie lächelt, hält noch immer meine Hand. »Ich mag Sie sehr. Das wissen Sie doch, oder?«
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