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Transsylvanien - Transsylwahnien

Transsylvanien - Transsylwahnien

von: Dieter Schlesak

Dieter Schlesak, 2009

ISBN: 9783939845904, 329 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC,Mac OSX,Windows PC Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 8,00 EUR

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Transsylvanien - Transsylwahnien


 

 

(S. 4-5)

Weg tauchen aus diesem Licht. Die Uhren nicht mehr hören, Nichts mehr hören. Mich verbergen, verschwinden. Ein Niemand sein. Und so alles ertragen können! Auch die Angst vor dem Tod, und die Angst vor dem Tod aller geliebten Menschen

… Mutter gibt es nicht mehr…

Durch das geschlossene Fenster hinab in den grünen Garten sehen: auf die bekannten zwei Bäume, ich spürte ein Summen im Ohr, im Kopf. Ein Klopfen an der Glasscheibe, die trennt. Klopft ein Vogel, kein Brieflein im Schnabel? Ein Klirren, doch das dünne Glas hält. Auch kein Geist, Mutter ist nicht da, Unsinn, sich das vorzustellen; sie selbst würde darüber lachen; ein Geist? sie ist … ach nein, Grammatik stimmt so nicht mehr. Ich starre hinaus, hinein ins Zimmer. Alles nur Täuschung. Ich bin isoliert wie die meisten, habe Angst wie alle. Fühle mich der Erschöpfung nahe wie viele.

Draußen stürmt es; ein heftiger Nordwind, der die Bäume biegt, als wäre es ein großer Zorn. Vom Himmel ein Dröhnen.

Ein Jet vom Militärflughafen Pisa. Dazwischen Rotmeisen auf den Olivenbäumen. Zerzaustes Thymiankraut oben im Licht des Berges Pedone. Da kommt eben Hannah an. Man hört den Motor unseres Autos, er heult in der Steigung auf, blubberndes Geräusch bei der Einfahrt. Ein Maultierpfad war es früher; wie die Zeit vergeht, eine hohle Gasse. Seit wann war Mutter nicht mehr hier?

Seit vielen Jahren.

Seit einer Woche ist sie tot, seit einer Woche, es war der 20. Februar, und sie wird NIE mehr hierher kommen Ich springe auf, renne die Treppe hinab. Der Hund bellt schon, plotzt gegen die geschlossene Tür. Die Signora kommt. Das Haus wächst, taut auf, streckt sich, scheint Leben anzunehmen.

Leben?

Und nun ist auch Hannah da. Während ich ihre Einkäufe, Butter, Salate, Käse in den Kühlschrank räume, läutet es, es ist der Postbote, der sitzt auf seiner Vespa vor dem Tor, reitet darauf, die Füße aufgestützt. Reicht einen Brief. Doch niemals mehr von ihr. Es ist immer wieder dasselbe. Nach dem Sturm gute Fernsicht. Solche Klarsicht ist selten, bis hinüber zum toskanischen Archipel und heute sogar bis Korsika; mittags können wir schon draußen am Steintisch sitzen; es riecht schön wie früher im Hausenblaszhaus, wenn die ersten Spargelspitzen aus der Erde kamen, als würde es endlich Frühling auch in den Sinnen, die Luft ist scharf, der Himmel unwahrscheinlich blau (du kennst das mit dem blauen Band, sagte Mutter. Sie wird es nie mehr sagen!) Vogelgezwitscher in der Luft und dazu die Linie des Apennin wie mit dem Rasiermesser geschnitten. Im Garten blühen jetzt Mimosen und die japanischen Quitten, ich fasse sie gern an, sie sind ganz weich, wie Kinderlippen!

Im Kinderhaus damals hatte Mutter auf die rosa Blüten gezeigt und gesagt, sieh, das sind Japanische Quitten, seither weiß ich es; so vieles hat sie mir zum allerersten Mal gezeigt und den Namen dazu gesagt. Und es ist ein Schrecken, als wäre nun seit Mutters Tod auch das Kind in mir gestorben…