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Adoleszenzpsychiatrie

Adoleszenzpsychiatrie

von: Jörg Michael Fegert, Annette Streeck-Fischer, Harald J. Freyberger (Hrsg.)

Schattauer GmbH, Verlag für Medizin und Naturwissenschaften, 2009

ISBN: 9783794565092, 897 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 129,00 EUR

Mehr zum Inhalt

Adoleszenzpsychiatrie


 

26 Zwangsstörungen (S. 290-291)

Hans Jörgen Grabe und Michael Kölch

Inhalt26.1 Definition und Klassifikation 290
26.2 Epidemiologie 293
26.3 Komorbidität 294
26.4 Ätiologie und Pathogenese 295
26.5 Therapie 297
26.6 Fazit 300
Literatur 300

Zusammenfassung

Zwangsstörungen zählen zu den häufig auftretenden psychischen Störungen. Der Erkrankungsbeginn kann bereits früh in der Kindheit und der Adoleszenz liegen. Zwangsstörungen zeigen eine hohe Gefahr der Chronifizierung. Ihr Erscheinungsbild und ihr Ausprägungsgrad können sehr unterschiedlich sein. Sie können als Zwangsgedanken, Zwangshandlungen oder Zwangsimpulse auftreten, wobei sich diese Phänomene oftmals auch gemischt repräsentieren. Patienten mit Zwangsstörungen bewältigen oft erstaunlich lange Zeit ihren Alltag, bis Hilfe gesucht wird. Die hohe Komorbidität mit anderen Erkrankungen, z. B. depressiven Störungen und Essstörungen, kompliziert den Krankheitsverlauf. Bei jüngeren Patienten ist die Grenze zwischen entwicklungspsychologisch normalem passagerem Verhalten und Pathologie unscharf, bei älteren Patienten kann die Grenzziehung zwischen Zwangsstörung und Persönlichkeitszügen, die keine behandlungswertige Pathologie haben, schwierig sein.

Zwangsstörungen werden im Klassifikationssystem ICD-10 unter den neurotischen, Belastungs- und somatoformen Störungen eingegliedert (F40–F48) und sind eine Domäne psychotherapeutischer Therapie. Dennoch nehmen auch pharmakotherapeutische Behandlungsoptionen einen großen Stellenwert ein. Im Jugendalter tritt als Sonderform eine mit einer Streptokokken-Infektion assoziierte Zwangsstörung auf, die auf eine antibiotische Behandlung ansprechen kann. Ätiologisch finden sich meist Auslöser, zumindest ein Zeitpunkt, zu dem die Symptomatik begonnen hat. Aufgrund neurobiologischer Forschungsbefunde zeigen sich Verbindungen von Zwangsstörungen zu neuropsychiatrischen Erkrankungen wie Tic-Störungen, womit auch bei Zwangsstörungen neurobiologische Grundlagen in die Ätiologie miteinbezogen werden müssen.

26.1 Definition und Klassifikation

Kennzeichnend für eine Zwangsstörung sind ihre Leitsymptome Zwangsgedanken, Zwangsimpulse und/oder Zwangshandlungen. Diese stereotyp wiederkehrenden, sich aufdrängenden Denkinhalte oder Handlungen sind teilweise extrem konsumierend und werden vom Betroff enen als störend, quälend und persönlichkeitsfremd (ich-dyston) erlebt. Der Erkrankte leistet Widerstand, ohne die Zwangsgedanken oder -handlungen dauerhaft unterdrücken zu können und verspürt starke Angst oder Anspannung bei ihrer Unterlassung. Er erkennt sie als eigene Gedanken oder Handlungen an und hält sie zumindest teilweise für sinnlos und übertrieben. Personen mit Zwangsstörungen verbringen täglich mehrere Stunden mit ihren oft verborgen bleibenden Zwangsgedanken und Zwangshandlungen.

Die ICD-10 setzt für die Diagnose der Zwangsstörung Gedanken oder Handlungen von sinnlosem, übertriebenem und stereotyp aufdringlichem Charakter voraus, gegen die Widerstand geleistet wird und die als eigenes geistiges Produkt angesehen werden. Zwänge müssen über einen Zeitraum von zwei Wochen bestehen und zu subjektivem Leidensdruck und einer Beeinträchtigung in einem oder mehreren Lebensbereichen führen (Tab. 26-1).

Im Gegensatz zur ICD-10 konzeptualisiert das DSM-IV das Kriterium »Einsicht in die Unsinnigkeit der Zwänge« als ein Kontinuum mit einem Subtyp der geringen Einsicht (poor insight). Hierbei können sogenannte überwertige Ideen auft reten, die an der Grenze zu echten Wahngedanken stehen. Von diesen überwertigen Ideen kann sich der Betroff ene nicht wirklich distanzieren, sondern glaubt tatsächlich, dass er z. B. dreimal den Lichtschalter antippen muss, damit seiner Tochter auf der Fahrt in die Schule nichts Schlimmes zustößt. Allerdings erreichen überwertige Ideen nicht den absoluten Überzeugungsgrad im Sinne von Wahngedanken.

Neben den strukturierten Interviews nach ICD-10 und DSMIV zur Diagnosestellung wurden zur Erfassung der Qualität (Symptome) und der Quantität (Dauer, Beeinträchtigung) der Symptomatik verschiedene Erhebungsinstrumente entwickelt. Hervorzuheben sind hierbei die Yale-Brown-Obsessive-Compulsive Scale mit einer ausführlichen Symptomcheckliste (YBOCS; deutsche Bearbeitung Hand u. Büttner-Westphal 1991), das Hamburger Zwangsinventar (HZI; Klepsch et al. 1992) und das in der zweiten Version vorliegende AMDP-Modul zur Erfassung von Zwangssymptomen (Grabe et al. 2002). Diese zusätzlichen Erhebungsverfahren können neben der Quantifi - zierung und der Veränderungsmessung der Ausprägung der Zwangssymptomatik während einer Th erapie auch als Screeningverfahren zur Identifi kation von Zwangssymptomen eingesetzt werden.