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1 Geschichte des Bildungssystems (S. 45-46)
Der einzige Weg ins staatliche Beamtentum – und damit zu Ruhm und Macht – führte im kaiserlichen China jahrhundertelang über ein strenges Prüfungssystem. Abgefragt wurden ausschließlich die Inhalte der klassischen Werke des chinesischen Philosophen Konfuzius (551–479 v. Chr.), in denen die Prinzipien des Staatsaufbaus und der Regierung sowie die moralischen Grundlagen des menschlichen Verhaltens festgelegt sind. Prinzipiell hatte jeder (Mann) das Recht, an den Prüfungen teilzunehmen. Allerdings konnten es sich die wenigsten Familien tatsächlich leisten, ihre Söhne an Privatschulen oder mithilfe von Hauslehrern auf die stark ritualisierten, rigiden Beamtenprüfungen vorzubereiten.
Im 19. Jahrhundert machte sich Kritik an den Inhalten und dem Nutzen der klassischen konfuzianischen Bildung, dem Rezitieren und Reinterpretieren der immer gleichen Texte breit. Es wurde deutlich, dass China damit schlecht gegen die Kolonialisierungsbestrebungen des Westens sowie Russlands und Japans gerüstet war. Angesichts der technischen Überlegenheit dieser eindringenden Mächte öffnete sich China den westlichen Wissenschaften. Eine Kombination westlicher Methoden mit der konfuzianischen Lehre nach dem Motto „Chinesische Lehre als Basis, westliche Lehre für die praktische Anwendung" erschien als Ausweg aus der technologischen Unterlegenheit und als Grundlage für die Stärkung der Nation.
Ende des 19. Jahrhunderts wurden in den Großstädten die ersten chinesischen Universitäten gegründet, von denen sich vor allem die 1898 gegründete Beijing-Universität als Zentrum der reformerischen Bewegung etablierte. 1905 wurde die konfuzianische Beamtenprüfung abgeschafft. In vielen größeren Städten wurden weitere Universitäten gegründet. Zwischen 1911 und 1949 litt die Entwicklung des Bildungssystems unter den Wirren der Kämpfe zwischen verschiedenen lokalen Kriegsherren, dem Widerstandskrieg gegen die japanische Besetzung sowie dem innerchinesischen Bürgerkrieg zwischen der Kommunistischen Partei und der Guomindang (der Nationalen Volkspartei).
Bei Gründung der Volksrepublik 1949 konnten ca. 80 Prozent der Bevölkerung kaum oder gar nicht lesen und schreiben. Bildung wurde deshalb in den folgenden Jahrzehnten des Aufbaus der Volksrepublik China zu einem zentralen Anliegen. Allerdings spiegelten sich die innerparteilichen Schwankungen zwischen ideologischen und pragmatischen politischen Zielsetzungen auch in der Bildungspolitik wider. Höhepunkt verschiedener Kampagnen gegen Intellektuelle, die als „rechte Elemente" des „Revisionismus" und der „Verachtung körperlicher Arbeit" bezichtigt wurden, war die „Große Proletarische Kulturrevolution" (1966 bis 1976), in deren Rahmen die Hochschulen für einige Jahre geschlossen blieben.
Das führte zum Verlust einer ganzen Generation von ausgebildeten Technikern, Akademikern und Lehrern. Mit den Folgen hatte man in der Nach-Mao-Ära zu kämpfen, als Bildung als ein Eckpfeiler der „Politik der Vier Modernisierungen" wieder an Bedeutung gewann. Im Zuge der allgemeinen Öffnungspolitik wurde auch im Bereich Bildung der Austausch mit dem Westen als zentral für die eigene schaftliche und technologische Entwicklung gesehen. Statt politischen Aktivismus war wieder Leistung als Zulassungskriterium im Bildungsbereich gefragt. Wie im vormodernen China spielen Prüfungen auch heute noch eine große Rolle im chinesischen Bildungssystem.
Prüfungsergebnisse sind grundsätzlich öffentlich. Jeder Schüler ist genau über seinen Rang in der Klasse informiert. Die wohl wichtigste Rolle spielt die jährlich zentral gestellte Hochschulaufnahmeprüfung (gaokao). Jedes Jahr Anfang Juni hält das ganze Land für zwei Tage den Atem an, wenn vier bis fünf Millionen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten die Hochschulaufnahmeprüfung ablegen, denn das an diesen beiden Tagen erreichte Punktergebnis ist entscheidend dafür, an welcher Hochschule und in welchem Studienfach die Schüler zugelassen werden. Minimale Punktunterschiede entscheiden über Schicksale.
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