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Sämtliche Geistergeschichten - Band 1

von: M. R. James, Montague Rhodes James

Festa Verlag, 2016

ISBN: 9783865524836 , 446 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 7,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Sämtliche Geistergeschichten - Band 1


 

Gespenster – geht behutsam mit ihnen um!

Ihr berühmtester Schöpfer erklärt, wie man das Beste aus ihnen herausholt

Was hat als Erstes mein Interesse an Gespenstern geweckt? Diese Frage kann ich sehr genau beantworten. Irgendwann entdeckte ich als kleiner Junge eher zufällig ein Kasperletheater, dessen Figuren aus Pappe hergestellt waren, und eine davon war »das Gespenst«. Die hochgewachsene Gestalt war in ein weißes Gewand gehüllt, hatte einen von weißem Haar umkränzten unnatürlich langen und schmalen Schädel und ein trübseliges Gesicht. Diese Pappfigur prägte meine Vorstellungen von einem Gespenst und suchte mich jahrelang in meinen Träumen heim.

Andere Fragen – etwa »Warum mögen Sie Gespenstergeschichten?«, »Welche halten Sie für die besten, und warum?« oder auch »Haben Sie ein Rezept dafür, wie man solche Geschichten schreibt?« – konnte ich niemals so eindeutig beantworten.

Doch zweifellos kommen Gespenstergeschichten bei den Lesern gut an. In den letzten Jahren hat das Interesse daran wieder deutlich zugenommen. Natürlich hat das auch mit der wachsenden Popularität von Kriminalgeschichten zu tun.

Die Gespenstergeschichte kann auf ihre Weise hervorragend sein oder auch erbärmlich ausfallen. Genau wie andere Vorhaben kann sie an Übertreibungen, aber auch an mangelnder Ausarbeitung scheitern. Bram Stokers Roman Dracula enthält sehr gute Ideen, aber der Autor hat, umgangssprachlich ausgedrückt, allzu dick aufgetragen, und das ist die Schwäche dieses Buches. Ein Beispiel für die mangelhafte Ausarbeitung einer Gespenstergeschichte zu geben, fällt mir schwer, denn in dieser Hinsicht unzulängliche Texte bleiben nicht im Gedächtnis haften.

Ich beziehe mich hier auf die literarische Gattung Gespenstergeschichte. Ganz anders verhält es sich mit den Geschichten, die der 1882 in London gegründete Verein zur Erforschung parapsychologischer Phänomene als »wahrheitsgetreu« bezeichnen würde. Eine solche Gespenstergeschichte ist in der Regel eher kurz und lässt sich einer von mehreren Kategorien zuordnen. Und das leuchtet auch ein, denn wenn es tatsächlich Gespenster gibt (was ich durchaus für möglich halte), veranschaulicht die wahrheitsgetreue Gespenstergeschichte ja lediglich die »normalen« (wenn man so sagen darf) Verhaltensweisen dieser Wesen. Folglich enthalten diese Geschichten dann oft genauso viel Würze wie Milch.

Im Unterschied dazu muss das von einem Autor erschaffene Gespenst seine Existenz dadurch rechtfertigen, dass es Angst und Schrecken verbreitet. Tut es das nicht, muss man es zumindest mit einer Vergangenheit ausstatten, die nach Erlösung schreit, denn nur so kann es zum Handlungsträger werden.

Da Gespenstern bei ihren Handlungen nur wenige Möglichkeiten offenstehen – beispielsweise können sie Menschen in den Wahnsinn oder Tod treiben und Geheimnisse aufdecken –, halte ich die Szenerie für das Wichtigste einer Geschichte, denn hier hat der Autor die größten Gestaltungsmöglichkeiten.

Schon der Schauplatz des Geschehens und die ersten Vorboten übernatürlicher Erscheinungen müssen kommende Schrecken andeuten. Allerdings müssen und dürfen wir dabei nicht gleich alle Farben aus dem Tuschkasten auftragen.

Als die literarische Kunst, Gespenstergeschichten zu erzählen, noch in den Kinderschuhen steckte, mussten die Autoren noch auf Spukschlösser, vorzugsweise auf einsamen Felsvorsprüngen gelegen, zurückgreifen, um ihren Lesern den angemessenen Handlungsrahmen vorzugeben. Und der Hang dazu ist auch heute noch nicht ausgestorben. Jüngst habe ich eine Geschichte gelesen, deren Schauplatz ein geheimnisvolles Herrenhaus in Cornwall ist, das abgeschieden auf einem Hügel thront. Darin praktiziert ein edler Herr Magie der schlimmsten Sorte. Ach ja, wie oft schon hat man mir verfallene alte Gebäude als optimale Schauplätze für Gruselgeschichten beschrieben oder auch persönlich gezeigt. »Haben Sie nicht geradezu vor Augen, wie dort irgendein alter Mönch oder Ordensbruder in den langen Gängen herumspukt?« Nein, habe ich nicht, tut mir leid.

Da geht es mir völlig anders als William Harrison Ainsworth. In seinem Roman The Lancashire Witches wimmelt es von Zisterziensermönchen und Bräuten Jesu in zerschlissenen Gewändern, die ohne einleuchtenden Grund durch Gänge schleichen. Doch diese Gestalten sind wenig beeindruckend. Dennoch habe auch ich eine Schwäche für The Lancashire Witches, denn so albern vieles in diesem Roman sein mag, hat er, soweit es die erzählte Handlung betrifft, auch seine starken Seiten.

Eines kann man gar nicht genug betonen: Je weiter (in zeitlicher Hinsicht) das Gespenst der Gegenwart entrückt ist, das heißt, je länger sein irdisches Dasein zurückliegt, desto schwieriger wird es, dieses Gespenst mit bestimmten Wirkungskräften auszustatten – vorausgesetzt, es handelt sich um den Geist eines verstorbenen Menschen. Das gilt natürlich nicht für Erd-, Wasser-, Wind- oder Feuergeister oder ähnliche mythologische Größen.

Grob gesagt sollte das Gespenst ein Zeitgenosse derjenigen sein, die es wahrnehmen. So verhält es sich etwa mit dem Geist von Hamlets Vater, der nicht lange nach seinem Ableben dem Königssohn erscheint. Und auch in »A Christmas Carol« von Charles Dickens ist es der verstorbene Teilhaber Jacob Marley, der seinem Geschäftspartner, dem Geizhals Ebenezer Scrooge, am Weihnachtsabend ins Gewissen redet. Dieses Beispiel führe ich hier aus voller Überzeugung und trotz aller Verrisse dieses Werkes an. Egal, was man gegen einige Stellen einwenden kann: Die Eingangsszene mit der Ankunft des Jacob Marley halte ich für unbestreitbar gelungen und außerordentlich wirkungsvoll.

An dieser Stelle will ich noch anmerken, dass die Szenerie in beiden klassischen Beispielen eine zeitgenössische, sogar recht gewöhnliche ist. Die Festungsmauern des dänischen Schlosses Kronborg und die Zimmer des Ebenezer Scrooge sind für die Menschen, die hier verkehren, ein alltäglicher Anblick.

Doch keine Regel ohne Ausnahme: Man kann eine uralte Heimsuchung angsteinflößend gestalten und mit aktuellen Bezügen ausstatten. Es verlangt jedoch viel Geschick, die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf überzeugende Weise herzustellen. In jedem Fall braucht man als Gegengewicht einen modernen, nüchtern denkenden Menschen – im Fall Hamlets ist das dessen Freund Horatio. Genauso muss ein Detektiv wie Sherlock Holmes einen Watson und ein Hercule Poirot einen Arthur Hastings an seiner Seite haben. Diese loyalen Freunde und Helfer übernehmen jeweils die Rolle des laienhaften Beobachters.

Aus all dem folgt, dass man die Szenerie oder das Umfeld als wesentlich betrachten muss. Je genauer der normale Leser dieses Umfeld einschätzen kann, desto besser. Wesentlich ist darüber hinaus, dass sich unser Gespenst erst nach und nach bemerkbar machen sollte, und zwar durch gewisse Vorgänge, die eine Atmosphäre des Unbehagens und der bösen Vorahnung schaffen. Man darf also nicht gleich alle Geschütze des Horrors auffahren.

Muss denn unbedingt Horror im Spiel sein? Ich glaube schon. Meines Wissens gibt es nur zwei Beispiele guter Gespenstergeschichten in englischer Sprache, in denen Elemente der Schönheit und des Mitgefühls Angst und Schrecken in die Schranken verweisen: Lanoe Falconers »Cecilia de Noël« und Mrs. Oliphants »The Open Door«. Beide Geschichten enthalten Momente des Horrors, aber bei beiden seufzen wir am Ende, genau wie Hamlet: »Ach, armer Geist.«

Vielleicht bin ich zu streng, wenn ich hier nur diese beiden Geschichten anführe. Aber die genannten sind bei Weitem die besten ihrer Art – daran habe ich keinerlei Zweifel.

Verallgemeinernd würde ich behaupten, dass man auf Horror und Heimtücke in Gespenstergeschichten nicht verzichten kann, jedoch genauso wenig auf Zurückhaltung bei Verwendung dieser Elemente.

Es gibt eine Anthologie-Reihe von Horrorgeschichten (wohl zumeist amerikanischen Ursprungs), die in den 1920er- und 1930er-Jahren unter dem übergreifenden Titel Not at Night mit diversen Untertiteln veröffentlicht wurde.1 Ich habe diese Reihe gelesen und dabei festgestellt, dass die hier versammelten Geschichten in vielerlei Hinsicht gegen die von mir genannten Regeln verstoßen. Sie zielen nämlich darauf ab, beim Leser die unstillbare Gier zu wecken, mehr und mehr von diesem (Lese-)Futter zu verschlingen, so wie Little Fat Joe in Charles Dickens’ erstem Roman The Pickwick Papers den Bauch nie voll genug kriegen konnte.

Selbstverständlich möchten alle Verfasser von Gespenstergeschichten bei Leserin und Leser eine Gänsehaut erzeugen. Aber die in den Anthologien vertretenen Autoren versuchen das auf schamlose Weise. Ihre Geschichten sind unglaublich plump und wirr erzählt und suhlen sich geradezu im Dreck. Wenn es etwas gibt, das man aus Gespenstergeschichten unbedingt heraushalten sollte, dann sind es Leichenhäuser – und Sex. Womit ich nicht sagen will, dass die Reihe Not at Night einzig um diese Themen kreist, wohl aber andere Horrorgeschichten neueren Datums – eine Schande für das ganze Genre.

Aber ich will an dieser Stelle nach den negativen Beispielen auch die positiven hervorheben. Welche Autoren haben die literarischen Möglichkeiten, die Gespenstergeschichten bieten, am besten ausgeschöpft? Ohne zu zögern nenne ich hier an erster Stelle Joseph Sheridan Le Fanu. Der Band In a Glass Darkly enthält vier hervorragende Geschichten: »Green Tea«, »The Familiar«, »Mr. Justice Harbottle«...