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Hilflos

von: Dick Francis

Diogenes, 2016

ISBN: 9783257606768 , 288 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 7,99 EUR

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Hilflos


 

{5}1


Der Brief von Tally kam an dem Tag, an dem Bert Checkov starb. Er sah ganz harmlos aus; bloß eine Einladung von einem Hochglanzmagazin, einen Artikel über den Lamplighter Gold Cup zu schreiben. Ich schnippte ihn über den Schreibtisch zum Ressortleiter und öffnete weiter die Post, die sich freitags immer bei mir häufte. Luke-John Morton grunzte, streckte träge die Hand aus und blinzelte geistesabwesend, während er seinem offenbar ungemein redseligen Gesprächspartner am Telefon lauschte.

»Ja … ja. Laß die Fetzen fliegen«, sagte er.

Die Fetzen fliegen zu lassen war oberster Leitsatz der Sunday Blaze, einem Muster an Kaltherzigkeit. Warum ich nicht für die Sunday Times schrieb, wollte meine Schwiegermutter ständig wissen, anstatt für ein Schmierblatt wie die Sunday Blaze. Weil man dort keine Verwendung für mich hatte, darum. Für sie war das kein Argument, und sie entschuldigte sich weiter bei sämtlichen Bekannten für meine Arbeit, wenn sie das Thema nicht mit Schweigen übergehen konnte. Daß die Blaze achtundzwanzig Prozent mehr bezahlte als die Times und daß ihre Tochter einiges kostete, übersah sie geflissentlich.

Ich schlitzte einen billigen braunen Umschlag auf und erfuhr, daß irgendein Spinner fand, nur ein fieser, skrupelloser Saukerl wie ich könne an dem Mann, den ich letzten Sonntag verteidigt hatte, irgend etwas Gutes finden. Der Brief war auf Klopapier geschrieben und troff förmlich vor Gehässigkeit. Über meine Schulter gebeugt, las Derry Clark mit und lachte.

»Hab dir ja gleich gesagt, einige würden sich auf den Schwanz getreten fühlen.«

{6}»Was tut man nicht alles für ein unruhiges Leben«, meinte ich.

Derry schrieb jede Woche seine bedächtigen, unverfänglichen Rennberichte und überließ die Glaubenskriege und die heißen Eisen prinzipiell mir. Mein Kreuz, behauptete er ständig, sei breiter als seines.

Acht weitere Leserbriefschreiber, so stellte sich heraus, dachten wie er. Alle anonym, selbstverständlich. Ihre Probleme, überlegte ich, während ich ihre Ergüsse in den Papierkorb warf, waren noch größer als meine.

»Wie geht’s deiner Frau?« fragte Derry.

»Gut, danke.«

Er nickte, ohne mich anzusehen. Er hatte es nie geschafft, sich ohne Verlegenheit nach Elizabeth zu erkundigen. Manche Leute reagierten eben so.

Luke-Johns Gespräch näherte sich dem Ende. »Klar … klar. Telefonier’s bis spätestens sechs durch.« Er legte auf und konzentrierte sich auf meinen Brief von Tally, den sein Blick mit professioneller Geschwindigkeit überflog.

»Eine Studie mit Tiefgang … wie diese schicken Blätter dieses Wort lieben. Hast du denn Lust dazu?«

»Wenn das Honorar stimmt.«

»Ich dachte, du wärst noch immer als Ghostwriter von Buster Figgs Autobiographie zugange.«

»Ich hänge in Kapitel sechs fest. Er ist auf die Bahamas abgedüst und hat mir kein Material dagelassen.«

»Wie weit bist du denn mit seiner popeligen Vita?«

»Beim Ende seiner Lehrzeit und seinem ersten Sieg in einem klassischen Rennen.«

»Meinst du, so was verkauft sich?«

»Keine Ahnung.« Ich seufzte. »Alles, was ihn interessiert, ist Geld, und bei manchen Rennen erinnert er sich nur noch an die Eventualquote. Er hat Tausende gewettet. Und er besteht darauf, daß ich seine dicksten Wetten mit hereinnehme. Er sagt, jetzt, wo {7}er pensioniert ist, können sie ihm seine Lizenz nicht mehr wegnehmen.«

Luke-John schniefte, rieb sich mit der von Sommersprossen übersäten Hand die stark hervortretenden Sehnen seines mageren Halses, massierte seinen walnußgroßen Kehlkopf und senkte die schweren Augenlider, während er über den Brief von Tally nachdachte. Mein Vertrag mit der Blaze war ziemlich restriktiv: Bücher waren o.k., aber ich durfte ohne Luke-Johns Genehmigung – die ich meist nicht bekam – keine Artikel für andere Zeitungen oder Zeitschriften schreiben.

Derry drängte mich von seinem Schreibtischstuhl und setzte sich selbst darauf. Da ich nur freitags in der Redaktion auftauchte, stand mir kein eigener Schreibtisch zu, so daß ich jedesmal den meines jüngeren Kollegen usurpierte, wenn er gerade nicht hinsah. Derrys Schreibtisch enthielt in den obersten drei Schubladen eine stattliche Sammlung von Rennberichten, sozusagen seine Handbibliothek, und in der untersten eine halbe Flasche Wodka, zweihundert Bennys und einen Katalog pornographischer Filme. Letztere waren nur Staffage. Sie stellten den abgebrühten Burschen dar, der Derry gern sein wollte, nicht den maßvollen, zurückhaltenden und eher spießigen Mann, der er war.

Ich setzte mich auf die Schreibtischkante und besah mir den Freitagmorgenbetrieb, einen Viertelmorgen Schreibmaschinen und Telefone, die auf halber Kraft liefen, während die Woche dem Samstag entgegenstrebte. Dienstags war die Redaktion wie ausgestorben: samstags summte sie wie ein mit DDT besprühter Fliegenschwarm. Freitags fühlte ich mich ihr zugehörig. Samstags ging ich zu den Rennen. Sonntags und montags hatte ich offiziell frei. Dienstag bis Donnerstag dachte ich mir irgendein faszinierendes Thema aus und schrieb darüber. Freitags lieferte ich ab, so daß Luke-John und der Chefredakteur es lesen und absegnen konnten.

{8}Ergebnis: eintausend Wörter die Woche, ein Stapel Schmähbriefe und ein saftiger Scheck, der meine Ausgaben nicht deckte.

Luke-John sagte: »Wer macht das Lamplighter, du oder Derry?«

Ohne mir eine Sekunde Zeit zum Überlegen zu geben, sagte Derry: »Ich.«

»Bist du einverstanden, Ty?« fragte Luke-John skeptisch.

»Klar doch«, sagte ich. »Ist ein kompliziertes Handicap. Genau seine Kragenweite.«

Luke-John schürzte die schmalen Lippen und sagte mit ungewöhnlicher Großzügigkeit: »Tally schreibt, sie wollen Hintergrundinformationen, keine Tips … Ich wüßte nicht, warum du das nicht machen solltest, wenn du Lust hast.«

Er kritzelte ein großes OK unten auf die Seite und setzte seine Unterschrift daneben. »Aber wenn du irgendwelchen Dreck ausbuddelst«, fügte er hinzu, »reservierst du ihn natürlich für uns.«

Donnerwetter, wie großzügig, dachte ich ironisch. Luke-Johns Seele gehörte der Blaze, und sein schlichter Prüfstein für sämtliche Entscheidungen war: »Könnte es der Zeitung möglicherweise direkt oder indirekt von Nutzen sein?« Jeder Angehörige der Sportredaktion war irgendwann einmal bedenkenlos auf seinem Altar geopfert worden. Verschobene Ferien, geplatzte Verabredungen, entgangene Gelegenheiten waren ihm vollkommen egal.

»Klar«, sagte ich sanft. »Und danke.«

»Wie geht’s deiner Frau?« fragte er.

»Gut, danke.«

Er erkundigte sich grundsätzlich jede Woche. Er konnte durchaus höflich sein, wenn es die Blaze nichts kostete. Vielleicht interessierte es ihn ja wirklich. Vielleicht interessierte es ihn aber auch nur deshalb, weil meine Arbeit litt, wenn es meiner Frau nicht »gut« ging.

Ich schnappte mir Derrys Telefon und wählte.

»Redaktion Tally, was kann ich für Sie tun?« Eine {9}Mädchenstimme, sehr sanft, sehr gestelzt (typisch West Kensington) und gelangweilt.

»Ich möchte gern Arnold Shankerton sprechen.«

»Wer ist am Apparat?«

»James Tyrone.«

»Einen Moment, bitte.« Klickgeräusche und kurzes Schweigen. »Ich stelle Sie durch.«

Eine ebenso sanfte, höchst kultivierte Tenorstimme stellte sich als Arnold Shankerton, Features, vor. Ich bedankte mich für seinen Brief und sagte, daß ich den Auftrag gern übernehmen würde. Er meinte in einigermaßen erfreutem Ton, das sei schön, und ich fügte freundlich hinzu: »Natürlich nur, wenn wir uns über das Honorar einig werden.«

»Natürlich«, räumte er ein. »Was hatten Sie sich denn vorgestellt?«

Denk dir eine Zahl aus und verdopple sie. »Zweihundert Guinees, plus Spesen.«

Luke-Johns Augenbrauen hoben sich, und Derry sagte: »Da mußt du aber Schwein haben.«

»Unsere Gewinnspanne ist gering«, gab Shankerton in leicht klagendem Ton zu bedenken. »Hundert ist die absolute Höchstgrenze.«

»Ich zahle zu viele Steuern.«

Ein tiefer Seufzer kam über die Leitung. »Also gut, hundertfünfzig. Aber dafür muß es gut sein.«

»Ich tue mein Bestes.«

»Ihr Bestes«, sagte er, »würde die Zeitung nicht verkraften. Wir wollen den Stil und die Sachkenntnis, aber nicht die Skandalgeschichten, in Ordnung?«

»In Ordnung«, stimmte ich zu. Ich war nicht gekränkt. »Wie viele Wörter?«

»Es ist das Hauptfeature, also sagen wir, so um die dreitausendf ünfhundert.«

{10}»Wie steht’s mit Fotos?«

»Sie können einen von unseren Fotografen haben, wenn Sie soweit sind. Natürlich nur, solange es sich in Grenzen hält.«

»Natürlich«, sagte ich höflich. »Bis wann wollen Sie’s haben?«

»Wir gehen mit dieser Nummer am – Moment – am zwanzigsten November in Druck. Also bräuchten wir Ihren Artikel bis spätestens siebzehnten vormittags. Aber je früher, desto besser.«

Ich warf einen Blick auf Derrys Kalender. Zehn Tage bis zum siebzehnten.

»In Ordnung.«

»Und wenn Sie sich überlegt haben, wie Sie die Sache angehen, dann schicken Sie uns ein Exposé.«

»Mach ich«, sagte ich, aber ich dachte nicht daran. Mit Exposés handelte man sich nur Ärger in Form von Änderungen des Chefredakteurs ein. Shankerton konnte – und würde – nach Herzenslust an dem fertigen Artikel herumschnippeln, aber ich hatte etwas dagegen, daß er schon den Embryo...