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1.2 Die Zielgruppe: Lebenswelten und Lernen im Dritten Lebensalter (S. 20-21)
Gerlinde Wouters
1.2.1 Hinführung
Im erwachsenenbildnerischen Diskurs hat sich der Begriff „Drittes Lebensalter" eingebürgert (vgl. KBE 2002). Er bezeichnet eine historisch neue Lebensphase, die sich bislang vor allem in west lichen Industriestaaten abzeichnet. Frauen und Männern in dieser Altersphase stehen vielfältige Ressourcen und Kompetenzen zur Verfügung, die für die Pf lege von Interessen und Beziehungen eingesetzt werden können. Die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, das Nachholen von Versäumtem und eine freiwillige Bindung an andere und das Gemeinwesen sind dadurch möglich. Aufgrund einer ausgezeichneten Zielgruppen- und Lernbedarfsanalyse gingen die Projekt leitenden des KBEVorhabens „Globales Lernen im Dritten Lebensalter" daran, für die so genannte „68er Generation", die jetzt die Phase des Dritten Lebensalters zu erreichen beginnt, ein qualitätsvolles Bildungskonzept zur Eine-Welt-Thematik anzubieten, und stießen bei dieser Altersgruppe auf große Resonanz.
Für mich als Kursbegleiterin am Standort Freising und als Referentin für die Module „Lernen im Dritten Lebensalter" und „Alternsbilder" schloss sich damit persönlich ein Kreis von Themen, die mich in meiner bisherigen beruf lichen Laufbahn beschäftigt hatten: Nach zwölf Jahren Seniorenbildung im Münchner Bildungswerk, einer sehr abwechslungsreichen und anregenden Zeit, arbeite ich derzeit im Bereich der gesellschaftspolitischen Bildung mit den Schwerpunktthemen „Bürgerschaftliches Engagement" und „Wandel des Ehrenamtes". Die Orientierungssuche von Menschen im Dritten Lebensalter war und ist ein wichtiges Aufgabenfeld für die Erwachsenenbildung.
Dazu müssen spezielle Bildungsangebote aufgebaut, aber auch Gelegenheitsstrukturen geschaffen werden, insbesondere für Menschen, die sich engagieren möchten, dies aber nicht auf traditionellen „Trampelpfaden" ausüben wollen. „Aus der Alterslast ist ein gesellschaftliches Innovationspotenzial geworden. Das Leben nach der Arbeit bekommt ein eigenes Gewicht und ist keine Marginalie des Lebens mehr" (Opaschowski 2004). Dass von älteren Menschen wichtige, innovative Impulse für die gesamte Gesellschaft ausgehen, kann ich aus meiner Erfahrung in der Bildungsarbeit nur bestätigen.
1.2.2 Lebenswelten im Dritten Lebensalter
Derzeit findet ein tiefgreifender Wandlungsprozess in einer globalisierten Netzwerkgesellschaft (vgl. Castells 2002b) statt, der auch vor dem Alter nicht Halt macht. Die Altersphase weitet sich insgesamt aus und gleichzeitig können Menschen nicht mehr auf einen gesicherten Set von altersangemessenen Rollen zurückgreifen oder wollen das auch nicht. Sie können ihre Biographien immer weniger in den sicheren Identitätsgebäuden der Erwerbsarbeit einrichten, traditionelle Geschlechterrollen verlieren ihre Verbindlichkeit und Lebenssinn wird immer mehr zu einer Eigenleistung der Subjekte. Dadurch entstehen einerseits enorme Freiräume, aber auch Notwendigkeiten, diese Freiräume zu füllen und sich selbst soziale Mikrowelten zu schaffen, in denen die neu gesponnenen „roten Fäden" des eigenen Identitätsentwurfs anerkannt werden.
Durch den Verlust des „Erlebnisortes" Erwerbsarbeit stehen viele Menschen im Dritten Lebensalter erst einmal vor einem unbekannten Land, für das noch wenige Karten zur Orientierung gezeichnet sind. Trotz aller politischen Steuerungsversuche, das Rentenalter hinaufzusetzen, finden derzeit immer noch in großem Ausmaße Frühpensionierungen und sozial verträgliche „Freisetzungen" statt, die besonders die älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer treffen. „Das Alter ist ein Killer" (Sennett 1998) in einer rasanten und verdichteten Arbeitswelt.
Aus einem institutionalisierten Lebenslauf, der auf der klassischen Dreiteilung von Ausbildung – Erwerbsarbeit – Ruhestand aufbaute, ist längst eine Patchwork-Biographie (vgl. Keupp 1999) geworden, in der sich Phasen des Arbeitens, des Lernens, der Kindererziehung, der Familien- oder Eigenarbeit und des freiwilligen Engagements abwechseln. Arbeiten oder Tätig-Sein ist eines der Teilidentitätsfelder, neben der Liebe, den sozialen Beziehungen und der Kultur, in dem sich Menschen alltäglich selbst entwerfen müssen, um für andere greifbar und authentisch zu sein.
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