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Praxisforschung in der Kinder- und Jugendhilfe - Theorie, Beispiele und Entwicklungsoptionen eines Forschungsfeldes

von: Stephan Maykus

VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV), 2009

ISBN: 9783531913940 , 234 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Windows PC,Mac OSX,Linux

Preis: 22,99 EUR

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Praxisforschung in der Kinder- und Jugendhilfe - Theorie, Beispiele und Entwicklungsoptionen eines Forschungsfeldes


 

4 Besonderheiten der Untersuchung von „Praxis" (S. 74-75)

Das (sozial-) pädagogische Handeln kann verstanden werden als Teil einer menschlichen Gesamtpraxis, die auf die Ermöglichung von Humanität ausgerichtet ist. Der Forschung ist dieses Handeln (und sein Kontext) nicht nur als Faktum und als soziale Tatsache gegeben, sondern auch als Praxis im emphatischen Sinne. Die Ausgangssituation ist insofern zu vergleichen beispielsweise mit der Literaturwissenschaft, die ja nicht nur Sätze und Worte feststellt, sondern den spezifischen Sinn von Texten rekonstruiert bzw. hermeneutisch interpretiert.

Die Totalität der möglichen Sinnzusammenhänge ist dabei immer umfassender und übergreifender als die einzelne Interpretation erfassen kann. Aber die einzelne Interpretation stellt immer auch einen Beitrag zur Erarbeitung eines nur denkbaren Kosmos von geordneten Interpretationen dar. Forschung ist also diskursiv angelegt und breitet sich aus. Ihre Erkenntnisse verschmelzen mit den Strukturen von Lebenswelten, kultivieren die Auffassungen von Mensch und Welt.

Dies gilt in der Regel nicht für naturwissenschaftliche Forschung. Ihre Fragestellungen ergeben sich aus einem deduktiven Ableitungszusammenhang, der sich grafisch in die Form einer nach unten gerichteten Dolde mit immer weiter verzweigten Verästelungen darstellen lässt. Zur Entwicklung einer neuen Verzweigung mit mehreren möglichen Richtungen ist theoretische Kreativität erforderlich, ein Großteil der normal science besteht darin, die empirische Konsistenz der theoretisch entworfenen Verzweigungen zu prüfen.

Viele empirische Versuche zielen auch auf eine Addition neuer Verzweigungsmöglichkeiten, gelegentlich auch auf das Finden eines neuen Verzweigungsknotens ab. Besonders kreative – und seltener geniale – Vorgehensweisen folgen nicht dem jeweils konkreter werdenden Detaillierungszwang, sondern gehen auf allgemeinere Ebenen von bereits anerkannten Verzweigungen und Unterscheidungen zurück und revidieren dort Auffassungen, die bisher als gültig und bewährt galten.

Albert Einstein hat so etwas getan, als er auf die Unterscheidung von Raum und Zeit zurückging, diese neu definierte und damit eine Revision des Aufbaus der Physik erzwang. Am anderen Ende, an den Grenzen des Wissens, werkeln täglich Tausende von Doktoranden weltweit an dem Faden, den sie aus dem Gewebe der Physik oder Chemie oder Medizin herausgedröselt haben oder der ihnen zur Untersuchung zugewiesen wurde. Auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften werden Fragestellungen aus dem schon vorhandenen wissenschaftlich gesicherten Wissen heraus theoriegeleitet abgeleitet.

Dies läuft auf die Untersuchung einer bestimmten theoretischen Hypothese oder auf die Applikation eines Konstrukts auf ein noch nicht bearbeitetes Feld hinaus. Die Einzeluntersuchung verweist auch hier auf einen allgemeinen Horizont von Bedeutungen der jeweiligen Disziplin. Dieser Horizont wird punktuell im Ergebnis der einzelnen Studie repräsentiert. Der referierten Vorstellung („Dolden-Modell") kann ein „Mosaik-Modell" gegenübergestellt werden. Nach diesem Modell wird der Typus der sozialpädagogischen Praxisforschung rekonstruiert. Dabei wird der üblicherweise höchst missverständlich verwendete Terminus der „Praxisforschung" in der Weise verstanden, dass es um eine auf Praxis gerichtete Forschung geht.

Die For schung zielt u.a. auf die Untersuchung von Handlungen, die als sozialpädagogisch verstanden werden, von dabei verwendetem Wissen, von personellen, organisatorischen, institutionellen oder situativen Bedingungen dieses Handelns oder die sinnhaften Konstruktionen dieses Handelns ab. Weil, was „sozialpädagogisch" sein soll, nicht vorab und nicht nur theoretisch definiert werden kann, leistet Forschung, wenn sie gelingt, immer einen Beitrag zur Erweiterung des Verständnisses von „sozialpädagogisch". Sie ist also diskursiv.